Politik

Corona-Bilanz bei Anne Will "Ich sitze vorm Fernseher mit geballter Faust"

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Laut Lange sind die Krankenhäuser weiterhin alles andere als gut vorbereitet, sondern Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiteten stets weit über dem Limit.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

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Ist Deutschland auf kommende Corona-Wellen gut vorbereitet? Bei "Anne Will" streiten die Gäste über Maßnahmen und das Infektionsschutzgesetz. Während Gesundheitsminister Lauterbach Lockdowns ausschließt, ist Intensiv-Pfleger Lange auf 180 wegen der Situation in den Krankenhäusern.

Die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland steigt rasant an. Erstmals ist die Zahl der Schwerkranken auf den Intensivstationen wieder auf 1000 angewachsen. Das Land befindet sich mitten in einer Sommerwelle, doch eine viel schlimmere Situation im Herbst wird schon jetzt erwartet. In der ARD-Talkshow "Anne Will" geht es am Sonntagabend deshalb heiß her, als über den Stand der Vorbereitungen für die Herbstwelle und das weitere Vorgehen der Politik diskutiert wird.

Am Freitag verkündet der Sachverständigenausschuss in seinem Bericht zu den Corona-Maßnahmen nur vage Ergebnisse. Dennoch wartet die Ampel-Koalition auf das Papier, bis sie sich aufmacht, am Infektionsschutzgesetz, das am 23. September in Teilen ausläuft, zu feilen. Es hagelt Kritik, dass die Politik nicht aus dem Quark kommt und die Vorbereitungen für den Herbst nicht schon längst angelaufen sind. "Ich brauchte den Bericht nicht" für irgendwelche Erkenntnisse, gibt SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gegenüber Talkmasterin Will zu. Aber so sei das eben in einer Koalition, denn "die FDP hat darum gebeten, dass wir warten, bis das Gutachten vorliegt".

FDP-Politikerin muss sich und ihre Partei erklären

Hat die FDP also zu viel wichtige Zeit verstreichen lassen, um Deutschland auf die Herbstwelle mit vielleicht noch gefährlicheren Varianten vorzubereiten? Christine Aschenberg-Dugnus, Parlamentarische Geschäftsführerin der Liberalen und Mitglied im Gesundheitsausschuss, wird gleich zu Anfang der Talkrunde in die Mangel genommen. "Wir haben wichtige Dinge erfahren", verteidigt sie die Position ihrer Partei, "nämlich dass wir mehr Daten brauchen." Anne Will kontert: "Das wussten Sie als langjährige Gesundheitspolitikerin aber doch schon vorher." Man wüsste dank des Berichts nun aber auch, dass "die psychosozialen Folgen" verstärkt einberechnet werden müssten, erklärt Aschenberg-Dugnus.

Und überhaupt, so die FDP-Politikerin, Corona-Maßnahmen sollten künftig nur mit besserer Datenlage beschlossen werden. Ihre Partei will gleich verschiedene Instrumente zur Virus-Eindämmung nicht mehr in das Infektionsschutzgesetz schreiben. Auch Lauterbach macht klar mit Blick auf Herbst und Winter: "Ein Lockdown ist vollkommen unrealistisch, den brauchen wir nicht mehr." Weil die Impfquote im Land dafür hoch genug sei. Allerdings: "Schulschließungen schließe ich nicht kategorisch aus, auch wenn ich nicht glaube, dass sie kommen werden", fährt der SPD-Politiker fort. Man wisse schlichtweg nicht, welche Varianten uns noch erwarteten und deshalb müssten so viele Instrumente wie möglich in die Hände der Bundesländer gelegt werden, damit man "auf die schweren Szenarien vorbereitet ist".

Ohnehin, so erklärt der Bundesgesundheitsminister, hätte man im Kabinett ja schon andere Vorbereitungen für die kommenden Wellen beschlossen, die jetzt im Bundestag vorgelegt würden. Nur eben das Infektionsschutzgesetz sei jetzt erst dran. "Wir müssen im Herbst sehr gut vorbereitet sein. Wenn nicht, dann würden die Bürger das zu Recht nicht verzeihen", prophezeit Lauterbach. Bei diesen Beschlüssen geht es etwa um Echtzeitdaten, Abwassermonitoring (soll dazu beitragen, die Verbreitung von Virusvarianten und Mutationen schneller zu erkennen) und weitere Impfkampagnen.

Beim Thema Pflege wird es hitzig

Talkmasterin Will moniert jedoch, dass bisher Ungeimpfte kaum noch überredet werden könnten, sich jetzt doch impfen zu lassen. Der Gesundheitsminister antwortet: "Die vierte Impfung empfehle ich für alle über 60 Jahre auf jeden Fall, denn die Sterberate können wir damit sehr stark senken." Und Aschenberg-Dugnus will mit einer neuen Impfkampagne "viele erreichen, die Angst vor einer Spritze haben", oder Frauen, die fälschlicherweise immer noch denken, "sie könnten dann nicht mehr schwanger werden".

Aber bei den Kabinettsbeschlüssen geht es auch um den besseren Schutz von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Und beim Thema Pflege wird es plötzlich hitzig. Das liegt an Ricardo Lange. Der bekannte Intensiv-Pfleger muss einige Minuten auf seinen ersten Diskussionsbeitrag warten, legt dann aber mit einem Kritik-Feuerwerk los. Wie groß sein Vertrauen sei, dass Deutschland besser vorbereitet sei als bei den vorherigen Wellen, möchte Will wissen. "Ich sitze vorm Fernseher mit geballter Faust", sagt er, wenn er die Diskussionen um die Versuche, das Gesundheitssystem nicht zu überbelasten, verfolge. Dinge, die im Bericht des Sachverständigenausschuss überhaupt keinen Platz fanden.

Laut Lange sind die Krankenhäuser weiterhin alles andere als gut vorbereitet, sondern Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiteten stets weit über dem Limit. "Patienten sterben, weil nicht genug Personal vorhanden ist", erzählt er erregt. "Pfleger sitzen auf dem Flur und weinen." Rettungswagen könnten bestimmte Krankenhäuser nicht ansteuern, weil dort zu wenig Personal für die Abfertigung der Patienten warte. "Herr Lauterbach, was heißt für Sie denn bitte überbelastet?", geht Lange, mittlerweile mit hochrotem Kopf, den Gesundheitsminister direkt an.

"Wir gehen jedes Mal unvorbereitet in eine Welle"

Lauterbach stammelt, dass er seit Jahren daran arbeite, "dass die Lage sich bessert" im Gesundheitssystem. Er sei "gegen Pflegeabbau vorgegangen" und arbeite jetzt am Pflege-Entlastungsgesetz. Noch vor der Sommerpause sollen die Eckpunkte festgezurrt werden. Das ändere ja aber nichts an der miserablen Situation für die Pflegekräfte vor Ort, wettert Lange weiter. "Wir gehen jedes Mal unvorbereitet in eine Welle und sind dann überrascht, dass kein Personal da ist. Wie rechtfertigen Sie das?" Lauterbach bleibt ruhig und erklärt, dass "zunehmend junge Leute in die Pflege gehen", die Lage werde besser.

Auch Gesundheitspolitikerin Aschenberg-Dugnus bekräftigt, man wolle die Arbeitsverhältnisse verbessern. "Aber wie wollen Sie das konkret machen?", fragt Lange, schließlich haben Pflegekräfte solche Worte schon oft gehört, aber passiert ist nie wirklich etwas. "Warum gibt es keine Benefits? Ein Soldat darf in die Rente mit 55 Jahren, aber Pfleger müssen bis 67 oder 70 arbeiten", argumentiert der Intensiv-Pfleger dafür, endlich neue Anreize für den Job zu schaffen.

Am Ende kommt die Talkrunde bei "Anne Will" auf keinen grünen Zweig, die echten Probleme des Pflegebereichs, etwa höhere Gehälter mit einem übergreifenden Tarifvertrag für alle, mehr Professionalisierung und Aufstiegschancen, attraktivere Ausbildungen, hat die Politik auch nach zweieinhalb Jahren Pandemie noch nicht gelöst. Das führt zur Personalnot und auch deshalb sterben jetzt wieder mehr Patienten an und mit Corona oder Patienten, die wegen anderer Krankheiten zunächst nicht behandelt werden konnten. Selbst mit einem neuen Infektionsschutzgesetz und unterschiedlichen Corona-Maßnahmen könnte die Herbstwelle Deutschland wieder ans Limit bringen. Die Ärzte und Pflegekräfte arbeiten ohnehin schon längst darüber.

Quelle: ntv.de

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