Politik

Semiya Simsek und die NSU-Morde "Ich will endlich Antworten"

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Semiya Simsek bei der Vorstellung ihres Buches in Berlin.

(Foto: dapd)

Als Enver Simsek am 9. September 2000 in seinem Lieferwagen mit acht Schüssen getötet wird, beginnt nicht nur die Mordserie des NSU. Für seine Familie bricht eine Welt zusammen, sie wird verdächtigt, die Gründe für seinen Tod zu kennen, hinzu kommen die Trauer und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seine Tochter Semiya hat über diese schmerzliche Zeit ein Buch geschrieben.

n-tv.de: Es sind fast 13 Jahre seit dem Tod Ihres Vaters vergangen. Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen inzwischen, die Trauer oder der Zorn?

Semiya Simsek: Es ist immer noch die Trauer, aber nicht nur. Es kommen auch Gefühle von Vermissen dazu, er fehlt mir sehr. Diese Gefühle bedrücken mich am meisten.

Sie waren 14, als Ihr Vater getötet wurde. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich wurde um Mitternacht aus dem Schlaf geweckt und dann wurde mir gesagt, ich solle meine Sachen packen und meinen Pass mitnehmen. Ich habe mich noch gefragt, warum ich meinen Pass mitnehmen soll, die Sommerferien sind doch schon vorbei. Als wir dann mit dem Cousin meines Vaters im Auto saßen, um nach Nürnberg zu fahren, haben sie mir gesagt, der Papa wäre krank. Eine Stunde später haben sie gesagt, er wäre verletzt. Aber was wirklich passiert ist, habe ich erst im Krankenhaus erfahren.

War Ihnen sofort das ganze Ausmaß bewusst, was dieser Tag für Ihr Leben bedeuten würde?

Nein, auf keinen Fall. Ich wurde ja vor dem Zimmer, in dem mein Vater lag, von einem Polizisten abgefangen. Der hat mich dann gefragt, ob mein Vater eine Waffe hatte oder ein Messer, oder ob er mal bedroht worden sei. Ich wusste immer noch nicht, was passiert war. Ich war mit diesen Fragen beschäftigt. Aber dass mein Vater erschossen wurde, damit habe ich immer noch nicht gerechnet.

Können Sie aus heutiger Sicht verstehen, wie die deutschen Sicherheitsbehörden ermittelt haben?

Nein, ich habe dafür kein Verständnis. Ich bin mir bewusst, dass sie in alle Richtungen ermitteln mussten. Aber sie haben ja nicht in alle Richtungen ermittelt. Da fehlte einfach jede Sensibilität gegenüber den Opferfamilien.

Was haben die falschen Verdächtigungen in Ihrer Familie bewirkt?

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Es wurde viel Vertrauen zerstört, beispielsweise zu den Brüdern meines Vaters. In unserem ganzen Umkreis hat es Auswirkungen gehabt, es gab Bekannte und Verwandte, die mit uns keinen Kontakt mehr haben wollten. Für uns Kinder war es prägend, dass wir auf der Straße als die Kinder von einem Drogendealer angesehen wurden. Da spricht niemand drüber, aber man erkennt das an den Augen und am Getuschel.

Was haben Sie bis zur Entdeckung der NSU-Terrorzelle geglaubt, wer Ihren Vater umgebracht hat?

Am Anfang habe ich gedacht, vielleicht war das jemand, der neidisch auf meinen Vater ist. Mein Vater hatte alles, eine gute Familie, eine gute Arbeit, er hat gut Geld verdient. Das war mein erster Gedanke. Nach dem zweiten und dritten Mord dachte ich, entweder ist es jemand, der ausländerfeindlich ist oder es ist ein kranker Mensch, der wild um sich schießt.

Wann haben Sie eine Verbindung zwischen den Morden hergestellt?

Dass alle mit der gleichen Waffe erschossen worden sind, das war schon auffällig. Und dass alle Kleinunternehmer waren und fast alle Türken, es war ja nur ein Grieche darunter. Ich dachte dann immer, vielleicht haben sie gedacht, der Grieche wäre auch ein Türke. Ich habe immer überlegt, was alle Opfer miteinander zu tun haben könnten, aber es gab ja nichts. Alle waren politisch verschieden orientiert oder gar nicht orientiert, so wie wir.

Ihre Familie ist lange beschuldigt worden, für den Tod Ihres Vaters verantwortlich zu sein, dann wurde der NSU aufgedeckt, Sie haben auf der offiziellen Gedenkveranstaltung gesprochen. Was hat sich seitdem verändert?

Wir waren nicht mehr die bösen Opfer, sondern die guten. Plötzlich konnten wir nichts mehr dafür, dass mein Vater getötet wurde. Bis dahin wurden wir immer so angeschaut, als ob wir etwas verschweigen würden. Die Behörden und die Bundeskanzlerin haben sich bei uns entschuldigt. Das Finanzamt hat sich entschuldigt, wir haben Zahlungen von der Versicherung bekommen, auf die wir schon seit 14 Jahren Anspruch hatten.

Empfinden Sie darüber Genugtuung oder verstärkt das Ihr Befremden noch?

Nein, ich empfinde keine Genugtuung. Genugtuung wäre es, wenn ich wieder in dieses Land vertrauen könnte, aber soweit ist es noch nicht. Ich hoffe da auf den Prozess in München.

Ihr Buch heißt "Schmerzliche Heimat", aber Sie haben Deutschland inzwischen den Rücken gekehrt und leben nun in der Türkei. Ist Deutschland noch Ihre Heimat?

Natürlich ist Deutschland noch meine Heimat, das ist mein Land. Aber momentan wohne ich halt nicht hier, sondern in der Türkei. Das hat auch seine Gründe, ich musste einfach mal weg, es waren so viele Journalisten, die Tag und Nacht vor meiner Tür standen. Ich habe meine Anonymität total verloren.

Sie haben geheiratet und führen Ihr eigenes Leben mit dieser Vergangenheit. Wie fühlt sich das jetzt an?

Ich fühle mich in der Türkei sehr wohl. Die Art, wie ich da lebe, ist ganz anders. Ich habe mehr Zeit für mich, ich habe auch das Buch dort geschrieben. Ich hatte viel Zeit, mich mit den Akten und den Erinnerungen zu beschäftigen, das hat mir gut getan. Aber ich lege mich nicht fest, wo ich irgendwann leben werde. Deutschland ist das Land meiner Kindheit, ich hatte hier schöne Tage. Es ist nicht so, dass ich sage, Deutschland hat mir so viel angetan, ich gehöre nicht mehr dazu. Ich gehöre dazu.

Sie leben jetzt ganz nahe dem Dorf, aus dem Ihr Vater stammt. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Ich wohne wirklich nur zehn Kilometer von dem Haus entfernt, das er mal gebaut hat. Er war ein sehr ausgeglichener Mensch, ein guter Vater. Er war sehr fleißig. Hier sind überall Spuren von ihm. Ich bin ihm da sehr nah. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass er bei meiner Hochzeit hätte dabei sein können. Da habe ich den Verlust sehr stark gespürt, auch wenn ich lerne damit umzugehen. Ich vermisse ihn immer noch und immer mehr.

Sie sind an die Öffentlichkeit gegangen, haben auf der Gedenkveranstaltung gesprochen und nun das Buch geschrieben. Ist das Ihre Art, mit dem Verlust umzugehen?

Ich denke, ich habe die Kraft, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ich bin ein kämpferischer Typ und fühle mich auch verantwortlich meinem Vater gegenüber. Ich möchte auch nicht nur in dieser Opferrolle bleiben. Ich will sagen, wie es uns ergangen ist, aber ich möchte auch etwas für die Zukunft ändern.

Im April beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe. Sie werden Nebenklägerin sein. Was versprechen Sie sich von dem Prozess?

Ich freue mich fast auf den Prozess, darauf haben wir jahrelang gewartet. Ich erwarte, dass einfach alle Helfershelfer, die an dem Mord beteiligt waren, fair und gerecht bestraft werden. Ich wünsche mir Antworten auf die Fragen, die ich jahrelang mit mir herumgetragen habe. Ich bin auch auf die Mimik und Gestik der Angeklagten neugierig. Ich bin gespannt, wie der Prozess verlaufen wird. Ich möchte danach wirklich einen Neubeginn machen, das konnte ich bisher nicht.

Mit Semiya Simsek sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de