Politik

Ukrainischer Soldat im Interview "In unserem Frontabschnitt gibt es kaum ruhige Tage"

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Ein ukrainischer Soldat, irgendwo an der Front.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Olexander Kravchenko ist Kommandeur einer ukrainischen Panzerbrigade, irgendwo an der Front. Er ist bereits seit Monaten im Einsatz - wo genau, darf er nicht sagen, nicht mal seiner Familie. Zum Zeitpunkt des Interviews ist er auf Heimaturlaub, was nicht häufig vorkommt. Er hat eine Menge zu tun, zumal er nicht weiß, ob und wann er wieder nach Hause kommt.

ntv.de: Wie fühlt es sich an, zu Hause zu sein?

Olexander Kravchenko: Man weiß, dass man nur für eine sehr kurze Zeit hier ist. Und man schätzt jede Minute, die man mit seiner Familie verbringt. Man denkt daran, dass die Zeit schnell vergeht und man muss die Zeit mit der Frau und den Kindern verbringen. Man muss Zeit haben, um sein Haus herumzugehen, um die Orte zu sehen, an denen man Bäume gepflanzt hat, an denen man etwas mit seinen Händen gemacht hat. Deshalb freut man sich und dankt Gott, dass man ein Zuhause hat. Denn wo ich sonst bin, gibt es viel Trauer und Leid.

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Olexander Kravchenko

(Foto: mbr)

Was wollen Sie hier in erster Linie tun?

Meine Familie umarmen, sie an mich pressen und nicht loslassen.

Wissen Sie schon, wann Sie das nächste Mal Ihre Familie besuchen können?

Ich weiß es nicht. Das hängt von der Situation an der Front ab.

Passieren gerade heftige Kämpfe an der Front?

Es gibt Tage mit schweren Kämpfen, aber es gibt auch ruhige Tage. In unserem Frontabschnitt sind das aber nur sehr wenige.

Wann wird dieser schreckliche Krieg enden, was glauben Sie?

Ich möchte wirklich, dass dieser Krieg bald zu Ende geht. Aber wir haben einen Feind, der das nicht will (seufzt). Ich glaube deshalb, dass der Krieg zu Ende sein wird, wenn Putin stirbt.

Liefert Europa genug Waffen an die Ukraine?

Ich möchte den europäischen Ländern für das Material danken, das sie uns liefern. Die Ausrüstung ist sehr gut und sie kommt zu uns und hilft uns sehr. Aber ... ich denke, das reicht nicht aus. Wir brauchen mehr für unseren Sieg.

Welche Länder helfen am meisten?

Ich weiß, dass Polen, Estland und natürlich die USA und Großbritannien uns sehr helfen. Das ist, was ich weiß.

Ist an der Front ansonsten alles ausreichend? Medizin, Munition, Lebensmittel?

Es gibt genügend Medikamente, Munition und Lebensmittel. Damit haben wir kein Problem. Es gibt nicht genug, wie soll ich sagen, Zeit, um sich der Hygiene zu widmen. Wir sind die ganze Zeit draußen, es regnet, wir tragen immer die gleiche Kleidung. Es gibt Zeiten, in denen man sich zwei oder drei Wochen lang nicht wäscht. Das ist der Fall. Es ist jetzt Sommer, es gibt Seen, aber wegen der Kämpfe können wir nicht darin baden. Um uns frisch zu machen, müssen wir das Gebiet, in dem die Kämpfe stattfinden, verlassen. Dies ist wahrscheinlich das größte Problem.

Ist bei Ihnen schon einmal eine Granate oder eine Rakete explodiert?

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Olexander Kravchenko umarmt seine Tochter.

(Foto: mbr)

Natürlich gab es Explosionen, und ich hörte sie sowohl im Panzerfahrzeug als auch draußen. Etwa acht Meter von mir entfernt ist einmal eine Mörsergranate explodiert, die habe ich nicht gehört. Normalerweise überhört man so etwas nicht, aber dieses Mal hat es niemand gehört. Ich weiß nicht, warum. Und ein Granatsplitter ist einmal nah an mir vorbeigeflogen. Ich spürte, wie er an meinem Kopf vorbeisauste. In meiner Nähe gab es Verwundete. Als ich im Auto saß (so nennt er auch gepanzerte Militärfahrzeuge), gab es eine Menge Explosionen, aber natürlich schützen uns die Fahrzeuge.

Woran denken Sie, wenn Sie schießen?

Ich bin der Kommandant, also schieße ich nicht. Ich gebe den Befehl, Schüsse abzugeben. Ich schaue mir an, wie ein Schuss gelaufen ist und wie das Ziel getroffen wurde. Und ich denke darüber nach, wie man den größten Schaden anrichten kann und gleichzeitig dafür sorgt, dass meine Leute bei diesem Kampf nicht verletzt werden.

Welche Art von Waffen besitzen Sie?

Alles, was schießt (lacht). Eine Makarow-Pistole, eine AKSU-Maschinenpistole und wir führen den Einsatz in Kampffahrzeugen durch.

Was fehlt der Ukraine, um den Sieg zu beschleunigen?

Ich denke, was im Moment fehlt, ist eine präzisere Bewaffnung und ein besseres Zusammenwirken zwischen den Divisionen.

Wen vermissen Sie an der Front am meisten?

Meine Familie.

Denken Sie darüber nach, was dazu beiträgt, den Kampfgeist hochzuhalten?

Ich frage mich, was ich hier tue, und dann antworte ich mir, dass ich mein Land und meine Familie verteidige. Und das inspiriert mich.

Wie oft telefonieren Sie mit Ihrer Familie?

Wenn möglich, wenn es eine Verbindung und eine Gelegenheit gibt, rufe ich jeden Tag an. Ich sage ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen sollen, dass es mir gut geht. Wenn ich selbst nicht anrufen kann, bitte ich meine Kameraden, alle zwei Tage meine geliebte Familie anzurufen.

Mit Olexander Kravchenko sprach Maryna Bratchyk

Quelle: ntv.de

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