Politik
Ist stolz auf sein eigenes Taxi: Selçuk.
Ist stolz auf sein eigenes Taxi: Selçuk.(Foto: Julian Vetten)
Mittwoch, 14. Juni 2017

Auf einen Schnack im Taxi: "Integration ist in Deutschland nur ein Wort"

Von Julian Vetten, Hamburg

Selçuks politische Vorbilder heißen Gerhard Schröder, Christian Wulff und Recep Tayyip Erdoğan. Warum das so ist, erklärt der Taxifahrer auf seinem Weg durch den dichten Hamburger Innenstadtverkehr.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch Deutschland und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Hamburg.

Waren einst Buddys: Recep Tayyip Erdoğan (l.) und Gerhard Schröder.
Waren einst Buddys: Recep Tayyip Erdoğan (l.) und Gerhard Schröder.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Gerhard Schröder, Christian Wulff, Recep Tayyip Erdoğan: drei Namen, die man im Quartettspiel der Macht auf den ersten Blick wohl nicht direkt nebeneinander einsortieren würde. Auch nicht auf den zweiten oder dritten, selbst wenn der Ex-Bundeskanzler und der Ex-Bundespräsident den amtierenden türkischen Präsidenten zumindest in ihrer Amtszeit mit dem Vornamen begrüßt haben sollen. Aber es geht ja hier nicht um ein Kartenspiel, es geht um Selçuks politische Vorbilder - und der Hamburger Taxifahrer zögert nicht eine Sekunde, als er da Schröder, Wulff und Erdoğan nennt: "Das sind starke Politiker, die ihre Wähler respektieren und etwas verändert haben."

Mit ruhiger Hand - die andere liegt locker auf der Mittelkonsole - steuert der kräftig gebaute Endzwanziger mit den raspelkurzen schwarzen Haaren und der großen Sonnenbrille seinen Mercedes durch den dichten Hamburger Innenstadtverkehr. "Erdoğan ist heute das für die Türkei, was damals Schröder für die Bundesrepublik war: Er bringt die Wirtschaft auf Vordermann und sorgt für Jobs, auch wenn das erstmal weh tut", sagt Selçuk und schiebt hinterher: "Das könnten wir in Deutschland auch langsam wieder mal gebrauchen."

"Arbeit muss sich lohnen"

Draußen strahlt die Sonntagssonne mit den flanierenden Menschen um die Wette, drinnen zieht ein Schatten über Selçuks Gesicht, als er das sagt. "Ich bin eigentlich gelernter technischer Zeichner, habe über 150 Bewerbungen geschrieben." Eine Festanstellung habe ihm aber trotzdem nie jemand angeboten, denn: "Der Arbeitsmarkt ist in den Händen der Zeitarbeitsfirmen und die saugen dich aus." Von der Knochenmühle hatte Selçuk irgendwann die Nase voll, "dann habe ich mein Glück in die eigene Hand genommen. Ich bin jetzt mein eigener Herr", sagt er, macht mit der freien Hand eine kreisende Bewegung durch sein Taxi und lächelt wieder so breit wie vorher.

Selçuk hat es geschafft, für ihn war der Schritt in die Selbstständigkeit genau das Richtige. Die FDP etwa käme ihm trotzdem nicht in die Tüte. Wäre an diesem Sonntag Bundestagswahl, Selçuk würde die SPD wählen: "Wir müssen in Bildung investieren, damit die Jugend runter von der Straße kommt - außerdem muss sich Arbeit wieder lohnen." Zumindest in Selçuks Taxi ist der Schulz-Zug also noch nicht abgefahren - auch wenn der geborene Altonaer für den Kanzlerkandidaten der Sozialdemokraten selbst lediglich eine hochgezogene Augenbraue übrig hat.

Martin Schulz hat sich seinen Platz in Selçuks Liste von Lieblingspolitikern noch lange nicht verdient, zu wenig Substanzielles kam dafür bislang von dem SPD-Kandidaten. Der einzige Politiker, der das jemals alleine mit Worten geschafft hat, war der ehemalige Bundespräsident Wulff: "Integration ist in Deutschland doch sonst nur ein Wort", sagt Selçuk. "Aber als Wulff gesagt hat, dass der Islam zu Deutschland gehört, das war ein schöner Tag. Das hat sich echt angefühlt."

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Quelle: n-tv.de