Politik

Ultraorthodoxe im Lockdown Israels tickende Corona-Bombe

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Trauerfeier für zwei Rabbiner am 31. Januar in Jerusalem.

(Foto: AP)

Viele Israelis sind wütend, weil Strenggläubige wiederholt gegen Corona-Regeln verstoßen. Forderungen werden laut, sich nicht mehr von einer radikalen Minderheit erpressen zu lassen.

Mit mehr als fünf Millionen geimpften Bürgern ist Israel Impfweltmeister. Dennoch befindet sich der Staat inmitten einer tiefgreifenden Krise, die droht, sein soziales Gefüge auseinanderzureißen und sein politisches System in Aufruhr zu versetzen. Denn trotz des erfolgreichen Impfmarathons musste Israel einen dritten Lockdown verhängen, da Spitzenwerte bei den Corona-Neuansteckungen das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen.

Rund 40 Prozent der Neuinfektionen betreffen Ultraorthodoxe. Das liegt auch daran, dass ein Teil der "Haredim", der Gottesfürchtigen, die Corona-Maßnahmen konsequent missachtet. Erst am vergangenen Sonntag pilgerte ein Trauerzug mit Zehntausenden zur Beisetzung zweier berühmter Rabbiner nach Jerusalem.

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"Dieses Ereignis hat die Virusbeschränkungen der Regierung in eine Farce verwandelt", schimpft die linke Aktivistin Inbal Gottlieb. "Die Sicherheitsverordnungen werden wiederholt mit den Füßen getreten." Ihre Gruppe "Crime Minister" demonstriert regelmäßig gegen Premierminister Benjamin Netanjahu neben dessen Jerusalemer Residenz. "Es wird hier mit zweierlei Maß gemessen, denn während die Polizei bei unseren Demonstrationen Studierende verhaftet, griff sie bei der Beerdigung nicht ein und ließ sie gewähren."

"Das Land lässt sich von den Haredim erpressen"

Verstöße der Ultraorthodoxen gegen die Corona-Maßnahmen sind nicht neu. Der Konflikt mit den Sicherheitsbehörden gärt bereits seit Monaten, in ihren Vierteln kam es schon zu gewalttätigen Unruhen, als die Polizei anrückte, um Gesundheitsverordnungen durchzusetzen. In Bnei Berak, einem Vorort von Tel Aviv, brannte ein Bus aus. "Die Reaktion vieler Haredim ist die logische Folge einer über 40-jährigen VIP-Behandlung in Israel, die sie von unseren Gesetzen und sozialen Normen befreit hat", sagt Gottlieb.

Wie überall legt die Corona-Pandemie auch in Israel soziale Probleme bloß. Hier zeigt sie etwa, wie gespalten die israelische Gesellschaft ist. Der allgemeine Ärger über die Sonderstellung der Ultraorthodoxen ist groß. Doch die eigentliche Wut gilt der Regierung, die es den Strenggläubigen seit Jahrzehnten erlaubt, einen "Staat im Staate" zu führen.

"Zu lange lässt sich das Land von den Haredim erpressen", sagt Professor Yedidia Stern vom Institut für israelische Demokratie in Jerusalem. "Die Menschen sind nicht mehr bereit, eine Gemeinschaft von über einer Million Menschen zu unterstützen, deren Führer westliche Werte verachten und säkulare Autoritäten ablehnen."

Seit der israelischen Staatsgründung sind religiöse Parteien ununterbrochen an Regierungen beteiligt. Bereits der erste Premier David Ben Gurion vereinbarte 1948 den bis heute gültigen Status quo des Verhältnisses zwischen den Religiösen und dem säkularen Teil der Gesellschaft. So wurde den Haredim die Befreiung vom Militärdienst gewährt, damit sie sich ganz auf jüdische Studien konzentrieren konnten. Heute gehen nur knapp 50 Prozent einer Beschäftigung nach. Die Regierung unterstützt sie mit Steuererleichterungen und hohen Sozialleistungen. Als 1977 eine rechte Koalition unter Führung von Menachem Begins Likud-Partei an die Macht kam, gewannen sie politisch an Bedeutung und erhielten höhere Budgets, Privilegien und Autorität. Seitdem gelten die religiösen Parteien auch als enge Verbündete der Konservativen.

"Unsere Regierungen haben sich stets geweigert, einen akzeptablen Sozialpakt mit den Haredim zu schließen", sagt Yedidia Stern. "Überlegungen zu politischen Koalitionen - auf Kosten eines langfristigen Vertrags über Koexistenz und gegenseitigen Respekt - standen immer an erster Stelle."

Zahl der Neuinfektionen bei Haredim vier Mal höher

Der Politologe verdeutlicht, wie sich die israelische Politik seit Jahrzehnten von den frommen Juden erpressen lässt. "Die Unfähigkeit der gegenwärtigen Regierung angesichts des Verhaltens der Ultraorthodoxen zeigt sich während der Pandemie", so Stern. "Ihre Missachtung des Gesetzes könnte die Rechtsstaatlichkeit irreparabel schädigen, weitere unnötige Todesfälle durch Corona verursachen und den Riss in der Gesellschaft fördern."

Die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe des Landes mit durchschnittlich 6,5 Kindern pro Familie lebt oft in Armut. In ihren abgeschotteten Wohnvierteln finden weiterhin Hochzeiten statt, auch Synagogen und religiöse Hochschulen sind geöffnet. Und so steigt die Zahl der Neuinfektionen trotz der beeindruckenden Impfkampagne weiter an. Bei den Haredim ist sie vier Mal höher als in der restlichen Bevölkerung. Netanjahu ignoriert dies, weil er von den religiösen Parteien abhängig ist. Gegen ihn läuft ein Korruptionsprozess.

Ende März wird in Israel mal wieder ein neues Parlament gewählt. Während der Premier einen Kampf um sein politisches Überleben führt, verursacht ihm die Missachtung der Corona-Schutzmaßnahmen durch die Ultraorthodoxen und seine Untätigkeit dagegen Schaden. Umfragen zufolge möchte der Großteil der israelischen Wählerschaft die Strenggläubigen nicht in der nächsten Regierung sehen. "Weder die religiöse Führung noch die Politiker wissen, wie sie die Strenggläubigen durch diese Krise führen sollen", sagt Inbal Gottlieb. Die Aktivistin hofft, dass Netanjahu nun abgewählt wird. Die Untätigkeit der Sicherheitsbehörden gegen die Verstöße der Haredim sieht sie als Wendepunkt. "Corona wird verschwinden, doch der Konflikt mit den Ultraorthodoxen wird nachhallen."

Quelle: ntv.de