Politik

"Läge lieber tot im Graben" Johnson verstört mit Brexit-Rede

Am Tag nach seinem Waterloo im Unterhaus geht es für den britischen Premier mit den Fehlgriffen weiter. Bei einer Ansprache vor Polizeischülern fällt hinter ihm eine Kadettin vor Schwäche um. Johnson schafft es nicht, darauf zu reagieren. Schließlich geht es gerade um den Brexit, den er keinesfalls verschieben will.

Der britische Premierminister Boris Johnson weigert sich strikt, bei der EU eine Fristverlängerung für den bislang spätestens zum 31. Oktober terminierten Brexit zu beantragen. "Lieber liege ich tot im Graben", sagte der Chef der konservativen Tories im nordenglischen Wakefield. Bei seinem Auftritt in einer Polizeischule unterlief ihm allerdings ein bedeutungsreicher Lapsus. Während seiner Ansprache erlitt hinter ihm eine Kadettin einen Schwächeanfall und ging zu Boden. Die Frau hatte zuvor mit ihren Kollegen mehr als eine Stunde in Reih und Glied auf Johnson gewartet.

*Datenschutz

Johnson drehte sich um und fragte: "Geht es Ihnen gut?" Ohne sich dann weiter um die junge Frau zu kümmern, wandte er sich wieder zum Publikum und sagte: "Alles in Ordnung, tut mir leid, ich denke, das ist ein Zeichen für mich, zum Ende zu kommen." Stattdessen aber redete der Premierminister ungerührt weiter, beantwortete Fragen zum Brexit und als er schließlich seinen Auftritt beendete, hatte sich die Kadettin von allein wieder berappelt und war aufgestanden.

Der Mangel an Gentleman-Qualitäten des Premiers sorgte bei seinen Gegnern für empörte Reaktionen. "Johnson hat die Schüler im Stehen warten lassen, und - wenig überraschend - eine von ihnen scheint in Ohnmacht gefallen zu sein", sagte die innenpolitische Sprecherin der oppositionellen Labour-Partei, Diane Abbott. "Er hat gesehen, was da passiert ist, und hat es ignoriert. Das besagt alles, was man über diesen Mann wissen muss."

Lächeln der Genugtuung bei Theresa May

Möglicherweise setzten dem sonst für seine Schnoddrigkeit berühmten Premier die Niederlagen vom Vortag heftig zu. Schon während der Abstimmungsserie im Unterhaus wollte der eine oder andere Beobachter Anzeichen der Genugtuung in Theresa Mays Gesicht wahrgenommen haben. Johnsons Vorgängerin war oft als glückloseste Premierministerin der jüngeren Geschichte Großbritanniens bezeichnet worden. Doch es könnte gut sein, dass Johnson ihr den Rang abläuft.

Am Mittwoch hatte ihm das Unterhaus gleich zwei verheerende Niederlagen zugefügt. Zunächst verabschiedeten die Abgeordneten den Gesetzentwurf, der eine Verschiebung des für Ende Oktober geplanten EU-Austritts bis Ende Januar vorsieht, sollte es bis zum 19. Oktober keine Einigung mit der EU auf ein Austrittsabkommen geben. Der Regierungschef stellte daraufhin vorgezogene Neuwahlen im Parlament zur Abstimmung, scheiterte aber auch damit. Die oppositionelle Labour-Partei ist zwar grundsätzlich zu Neuwahlen bereit, aber noch unsicher hinsichtlich des Termins. Sie befürchtet, dass Johnson das Gesetz gegen den harten Brexit ignorieren könnte.

Johnsons harter Kurs könnte zu Abspaltung Schottlands führen

Doch nicht nur in London sorgt der harte Brexit-Kurs des britischen Premiers für Verstörung. Nach Einschätzung des deutsch-britischen Politikwissenschaftlers Alex Clarkson wächst die Gefahr einer Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich. Bei den Gegnern wie auch bei den Anhängern eines EU-Austritts Großbritanniens sei eine Radikalisierung zu beobachten, sagte der Experte vom Londoner King's College dem SWR. "Die eigentliche Gefahr liegt aber in der Radikalisierung der anderen Nationen."

So hätten mittlerweile die schottischen Nationalisten "wieder die Oberhand", warnte Clarkson. Diese könnten viele proeuropäische Wähler an sich binden. Eine Loslösung Schottlands von Großbritannien rücke damit näher. "Das ist das große Risiko", sagte Clarkson. "Großbritannien ist eben ein Vielvölkerstaat, der nahe am möglichen Zusammenbruch steht." Wenn Johnson weiter die Strategie verfolge, eine Machtbasis nur auf England aufzubauen, sehe er "keine Zukunft, wo Schottland in Großbritannien bleibt".

Dann spitze sich eine Krise zu, in der die EU nicht nur keinen Verhandlungspartner habe, sondern gar keinen Staat mehr, mit dem sie verhandeln könne. "Großbritannien ist praktisch auf Autopilot, nicht mehr funktionsfähig", sagte Clarkson.

Er sprach sich dafür aus, die Brexit-Verhandlungen mit der EU um ein Jahr zu verlängern, wie von der künftigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vorgeschlagen: "Das ist eine gute Idee, weil schlicht und einfach drei Monate nicht genug Zeit sind, um dieses Chaos wieder zur Ordnung zu führen."

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de, mau/rts/dpa/AFP

Mehr zum Thema