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"Eine unvorstellbare Tragödie" Kaczynski stirbt auf dem Weg nach Katyn

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Die sterblichen Überreste der Passagiere der Unglücksmaschine werden auf Anweisung Putins nach Moskau gebracht.

dpa

Auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn stirbt Polens Präsident Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz. Insgesamt kommen fast 100 Menschen ums Leben, darunter Politiker, Militärs und der letzte polnische Exil-Präsident. "Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet", sagt Lech Walesa. "Heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten."

Polen steht unter Schock: Präsident Lech Kaczynski ist auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im westrussischen Katyn bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Mit ihm starben nach unterschiedlichen Angaben 95 oder 96 weitere Menschen, darunter Kaczynskis Frau Maria, der polnische Zentralbankchef Slawomir Skrzypek, der polnische Generalstabschef Franciszek Gagor sowie der stellvertretende Außenminister Andrzej Kremer und andere Politiker.

In Katyn wollte Kaczynski der polnischen Opfer des Massakers gedenken, das sowjetische Geheimpolizisten 1940 dort an rund 22.000 polnischen Offizieren und Intellektuellen verübt hatten. In der abgestürzten Maschine waren auch Angehörige von Polen, die bei den Massenmorden in Katyn umgebracht worden waren. Auch der letzte polnische Exil-Präsident, Ryszard Kaczorowski, befand sich in der Maschine.

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Hunderte versammelten sich vor dem Amtssitz des Präsidenten in der polnischen Hauptstadt.

(Foto: dpa)

Der Absturz löste in Polen tiefe Trauer aus. An vielen Orten wurden Trauerfeiern veranstaltet. Vor dem Präsidentenpalast in Warschau versammelten sich spontan Hunderte Menschen zum Gebet. Regierungschef Donald Tusk, der seinem Konkurrenten Kaczynski 2005 bei der Präsidentenwahl unterlegen war, kamen die Tränen, als er von der Nachricht erfuhr. Tusk berief umgehend eine Krisensetzung seines Kabinetts ein. Die Liberalkonservativen um Tusk und Nationalkonservativen um die Kaczynski-Zwillinge wetteifern seit Jahren mit harten Bandagen um die Macht.

"Die polnische Elite ist ums Leben gekommen"

Bestürzt zeigte sich auch der frühere polnische Präsident Lech Walesa. "Jesus, heilige Maria, das ist eine unvorstellbare Tragödie, ein unvorstellbares Unglück", rief Walesa aus, als er von dem Flugzeugabsturz erfuhr. "Vor 70 Jahren haben die Sowjets in Katyn die polnische Elite ermordet. Heute ist erneut die polnische Elite ums Leben gekommen, auf dem Weg dorthin, wo sie der getöteten Polen gedenken wollten."

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Teilnehmer der Gedenkfeier in Katyn stehen fassungslos vor den leeren Stühlen, auf denen Kaczynski und seine Mitreisenden hätten Platz nehmen sollen.

(Foto: dpa)

Die Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczynski waren zur Zeit der Arbeiterbewegung Solidarnosc Vertraute des Gewerkschaftsführers Walesa. Nach Walesas Übernahme der Präsidentschaft im Jahr 1990 aber entzweiten sich die ehemaligen Weggefährten. Der frühere Solidarnosc-Chef war bis 1995 polnischer Präsident.

Das Massaker von Katyn war immer ein wunder Punkt in den Beziehungen Russlands und Polens. Die Führung in Moskau hatte jahrzehntelang versucht, Nazi-Deutschland die Schuld an dem Verbrechen von Katyn in die Schuhe zu schieben. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte Russland ein, dass das polnische Offizierskorps dort 1940 auf Befehl von Diktator Josef Stalin erschossen worden war. Zuvor waren sowjetische Truppen auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes in Polen einmarschiert.

Eine Woche Staatstrauer

Die Unglücksmaschine stürzte beim Landeanflug auf den russischen Flughafen Smolensk ab, teilte der Gouverneur der Region Smolensk mit. Es habe keine Überlebenden gegeben. Der polnische Justizminister Krzysztof Kwiatkowski kündigte an, dass er besondere Ermittlungen anordnen werde. Bis zu Neuwahlen übernimmt automatisch Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski die Amtsgeschäfte.

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Lech Kaczynski war seit 2005 polnischer Präsident.

(Foto: REUTERS)

Komorowski ordnete eine einwöchige Staatstrauer an und appellierte an die Eintracht des Landes. "Es gibt heute keine Rechte und keine Linke, keine Differenzen", betonte er. Komorowski muss nun innerhalb von 14 Tagen den Termin der Präsidentenwahl bekanntgeben. Laut Verfassung sind Neuwahlen innerhalb von zwei Monaten nach dem Tod eines Amtsinhabers nötig. Ursprünglich sollten die Wahlen im Herbst stattfinden. Komorowski galt dabei als Favorit. Die Kommentatoren hatten einen harten Wahlkampf zwischen ihm und dem Amtsinhaber erwartet.

Fluglotse soll von Landung abgeraten haben

Ein Fluglotse soll dem Piloten des polnischen Präsidentenflugzeugs kurz vor dem Anflug auf Smolensk geraten haben, wegen dichten Nebels nach Minsk in Weißrussland auszuweichen. Das berichtete die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza" unter Berufung auf Militärkreise.

Eine russische Maschine vom Typ Il-76 habe bereits eine halbe Stunde zuvor versucht, in Smolensk zu landen. Nach zwei erfolglosen Anläufen sei der erfahrene russische Pilot, der über gute Ortskenntnisse verfüge, dann umgekehrt und nach Moskau zurückgeflogen. Der polnische Pilot soll dagegen trotz der Warnung viermal den Landeanflug versucht haben. Die Fluglotsen hätten aber kein Recht, dem polnischen Präsidentenflugzeug die Landung zu verbieten.

Ein Luftfahrtexperte von der Technischen Hochschule in Breslau, Tomasz Szulc, sagte, dem Piloten habe wahrscheinlich die "nötige Durchsetzungsfähigkeit" gefehlt. Er erinnerte an einen Zwischenfall vom Sommer 2008. Damals hatte sich ein Pilot wegen akuter Gefahrenlage über die Order des Präsidenten, direkt nach Georgien zu fliegen, hinweggesetzt und war in einem Nachbarland gelandet. Kaczynski musste mit einem Auto nach Tiflis chauffiert werden. Das Staatsoberhaupt warf dem Piloten damals Befehlsverweigerung vor.

Die polnischen Spitzenpolitiker benutzen bei Auslandsreisen rund 20 Jahre alte Flugzeuge russischer Bauart. Dabei hat es zwar wiederholt Pannen gegeben, der Kauf neuer Maschinen wurde aus Spargründen jedoch immer wieder verschoben.

Medwedew spricht Polen sein Beileid aus

Der russische Präsident Dmitri Medwedew wandte sich mit einer Ansprache an das polnische Volk. Er verspreche die sorgfältige Aufklärung der Tragödie in Zusammenarbeit mit den Behörden in Warschau, sagte der sichtlich betroffene Präsident im russischen Staatsfernsehen. "Im Namen des russischen Volkes übermittle ich dem polnischen Volk tiefes und aufrichtiges Beileid und sage den Angehörigen und Hinterbliebenen der Opfer Unterstützung zu", sagte Medwedew.

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Der russische Präsident Medwedew und Ministerpräsident Putin zünden Kerzen für die Toten des Flugzeugunglücks an.

(Foto: REUTERS)

Alle Bürger Russlands seien erschüttert über die furchtbare Tragödie. Er habe für kommenden Montag Staatstrauer in Russland angeordnet, sagte Medwedew. Die Rede des Kremlchefs dürfte auch deswegen in Warschau besondere Beachtung finden, weil die Beziehungen zwischen Russen und Polen als schwierig gelten. Das Verhältnis hatte sich aber zuletzt gebessert.

Beileidsbekundungen kamen auch von den skandinavischen Nachbarn. Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt erklärte in Stockholm: "Dies ist eine Katastrophe für unser Nachbarland. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen und der gesamten polnischen Nation." Der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen sagte während einer China-Reise, Kaczynski werde als "markanter und respektierter Politiker in Erinnerung bleiben, der dem polnischen Volk beim Freiheitskampf gegen den Kommunismus und als Präsident gedient hat".

"Deutschland trauert mit"

Bundespräsident Horst Köhler sprach Polen seine "tief empfundene Anteilnahme" aus. "Polen hat einen furchtbaren Verlust erlitten", sagte Köhler im Schloss Bellevue in Berlin. "Deutschland trauert mit." Kaczynski habe sein Leben lang für ein freies Polen gekämpft. Köhler betonte die "freundschaftlichen Beziehungen" von ihm und seiner Frau mit dem Ehepaar Kaczynski.

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Blumen und Kerzen auch vor der polnischen Botschaft in Berlin.

(Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, sie sei "zutiefst bestürzt über den Absturz und den Tod des polnischen Präsidenten". In einem Kondolenzbrief an Ministerpräsident Tusk schrieb sie: "Ich wünsche Ihnen, allen Angehörigen der Toten und allen Polen Trost und Kraft." Ganz Deutschland stehe "in dieser schweren Stunde in Mitgefühl und Solidarität an Ihrer und der Seite Polens", so Merkel weiter.

Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte, es sei besonders tragisch, dass die Reise Kaczynskis mit dem erklärten Ziel einer Versöhnungsgeste zwischen Polen und Russland zu dieser Katastrophe geführt habe. Außenminister Guido Westerwelle sprach seinem Amtskollegen Radoslaw Sikorski und dem polnischen Botschafter in Deutschland sein Beileid aus.

Quelle: n-tv.de, rts/AFP/dpa

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