Politik

Beiträge unnötig hoch Kassenpatienten zahlen wegen Privaten mehr

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Das duale Krankenversicherungssystem führt womöglich zu Solidaritätsverlust.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wären alle Deutschen gesetzlich krankenversichert, könnten einer Studie zufolge die Beiträge deutlich gesenkt werden. Auch die Ungleichverteilung von Arztpraxen hängt damit womöglich zusammen. Die Studie geht noch einen Schritt weiter: Das System untergräbt demnach den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

Privatversicherte belasten laut einer Studie durch das duale System jeden gesetzlich Krankenversicherten und dessen Arbeitgeber mit bis zu 145 Euro im Jahr. Wie aus der in Gütersloh veröffentlichten Untersuchung des Iges-Instituts im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht, könnten die Krankenkassenbeiträge sinken, wenn alle Bundesbürger gesetzlich versichert wären. Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) könnte demnach so jährlich ein Plus von neun Milliarden Euro erzielen.

In der Studie wurde simuliert, wie sich Einnahmen und Ausgaben der GKV entwickeln würden, wenn alle bisher privat Versicherten in die gesetzliche Krankenversicherung einbezogen wären. Im Ergebnis könnte der Beitragssatz um 0,2 bis 0,6 Prozentpunkte sinken. Bei jedem GKV-Mitglied könnten im Schnitt jährlich 145 Euro eingespart werden. Würden die durch den Wegfall der privaten Krankenversicherung (PKV) anfallenden Honorarverluste der Ärzte ausgeglichen, wären es noch 48 Euro Ersparnis im Jahr.

Für diese Verbesserungen gibt es laut der Studie zwei Gründe: Privatversicherte sorgen für ein höheres Beitragsaufkommen, weil sie im Schnitt 56 Prozent mehr verdienen. Zudem sind Privatversicherte im Schnitt gesünder. Unter gesetzlich Versicherten finden sich häufiger Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen oder Pflegebedürftigkeit.

Die Studie nahm auch einen Zusammenhang zwischen der regionalen Verteilung Privatversicherter und der Niederlassung von Ärzten in den Blick. Am Beispiel Bayern zeigt sich demnach, dass in Gegenden mit vielen Privatversicherten überdurchschnittlich viele Ärzte ihre Praxen haben.

"GKV-Versicherte zahlen mehr als nötig"

Ein ursächlicher Zusammenhang sei in der Studie allerdings nicht nachgewiesen worden. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass "die im Schnitt zweieinhalbfach höhere Vergütung ärztlicher Leistungen für Privatpatienten die Anreize für Ärzte verstärkt, sich in den bereits gut versorgten Gegenden mit vielen Privatversicherten niederzulassen".

*Datenschutz

Als Folge des dualen Systems warnte die Bertelsmann-Stiftung vor Solidaritätsverlusten und einer Schwächung des sozialen Zusammenhalts. "Der durchschnittliche GKV-Versicherte zahlt jedes Jahr mehr als nötig, damit sich Gutverdiener, Beamte und Selbstständige dem Solidarausgleich entziehen können", kritisierte Stefan Etgeton von der Stiftung.

Diese forderte, die duale Struktur der Kranken- und Pflegeversicherung umzubauen. Beispielsweise solle es leichter werden, von der PKV in die GKV zu wechseln. Ziel des Umbaus sei eine integrierte Kranken- und Pflegeversicherung, bei der alle Bürger pflichtversichert sind. Die Versicherungspflichtgrenze solle dafür aufgehoben werden. Die Beiträge sollten sich an der finanziellen Leistungsfähigkeit orientieren, nicht am individuellen Gesundheitsrisiko.

Die Studiendaten basieren auf Zahlen des Sozio-ökonomischen Panels aus dem Jahr 2016. Weitere Quellen waren Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und des Verbands der Privaten Krankenversicherung.

Quelle: ntv.de, mra/AFP