Kreml kündigt Luftangriffe anKiew fragt sich, was jetzt noch kommen soll
Von Denis Trubetskoy, Kiew
Keine Woche vergeht für Kiews Bewohner ohne Luftangriffe - seit Jahren. Nun kündigt Russland "systematische" Attacken auf die Hauptstadt an. Was bitte soll das heißen? Demonstriert das Putin-Regime vor allem die eigene Ratlosigkeit - oder nähern sich die ukrainischen Abwehrkapazitäten ihrem Limit?
Es ist eine Ankündigung, die Angst verbreiten soll - in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, aber auch über die Ukraine hinaus. Das russische Außenministerium verkündete am Montag den Beginn der "systematischen Angriffe" gegen Rüstungsobjekte und "Entscheidungszentren" in Kiew. Dies sei eine "Antwort" auf den Beschuss eines Wohnheims in der Stadt Starobilsk in der besetzten ukrainischen Region Luhansk, bei dem mehr als 20 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Moskau forderte ausländische Diplomaten auf, die Stadt zu verlassen.
Erst am Sonntag hat Kiew den bisher massivsten russischen Luftangriff in diesem Krieg erlebt. An rund 50 Orten im Großraum Kiew wurden Beschädigungen und Brände registriert. ausnahmslos alle Stadtteile waren diesmal vom Beschuss direkt betroffen. Ein guter Tag war es für die ukrainische Hauptstadt also sicher nicht. Trotzdem hat das Statement des Außenministeriums in Kiew eher für sarkastische Reaktionen gesorgt. Denn die Drei-Millionen-Stadt ist seit den ersten Minuten des Krieges das Hauptziel der russischen Luftschläge im Hinterland.
In diesen 4,5 Jahren hat Kiew bereits Dutzende von großen Luftangriffen erlebt, die allesamt bedeutenden Schaden verursacht haben. Im Oktober 2022 begann Russland etwa mit der ersten Welle der Angriffe auf die Energieinfrastruktur, die bis Mitte März andauerte. Im Mai 2023 musste Kiew eine Phase durchmachen, in der die Hauptstadt jede zweite Nacht beschossen wurde. Die jüngste Welle der Angriffe auf die Energieinfrastruktur, die dazu führte, dass die Kiewer bei Temperaturen bis zu -20 Grad ohne Strom und Heizung tagelang bleiben mussten, liegt erst ein paar Monate zurück. Und auch sonst erlebt die Hauptstadt so gut wie jede Woche einen heftigen russischen Luftangriff.
Es fehlen Patriots
Wenn das nicht systematisch war, was ist denn überhaupt systematisch, fragen sich die Kiewer daher im Netz. Gründe zur Besorgnis gibt es trotzdem - und diese sind objektiv. Die ukrainische Flugabwehr, die tagtäglich eine Aufgabe erfüllen muss, mit der so weltweit noch nie eine Flugabwehr konfrontiert war, leistet beinahe unglaubliche Arbeit. Dank innovativer Organisationsformen, eigenen Entwicklungen wie den Abfangdrohnen und auch westlichen Waffenlieferungen kommt die Ukraine mit dem Abschuss von Drohnen und klassischen Marschflugkörpern größtenteils hinterher. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei der schieren Masse der von Russland eingesetzten Waffen trotzdem ein Teil durchkommt. Die Abfangequote liegt aber souverän bei über 90 Prozent.
Eine andere Angelegenheit ist allerdings das Abfangen von ballistischen Raketen, die fast nur von US-amerikanischen Patriot-Systemen abgeschossen werden, und zwar mit Flubabwehrraketen der letzten Konfiguration PAC3. Es ist ein offenes Geheimnis, dass einige der wenigen ukrainischen Patriot-Systeme in Kiew stationiert sind. Lange gelang es der ukrainischen Fluabwehr daher, in der Hauptstadt für eine beachtliche Abschussquote zu sorgen. Der letzte Angriff vom Sonntag hat jedoch gezeigt, was schon länger befürchtet wurde: So konnte die Flugabwehr keine der wegen ihrer extremen Geschwindigkeiten gefürchteten Kinshal- und Zirkon-Raketen abfangen, während lediglich elf von 30 eingesetzten Iskander-Raketen abgeschossen werden konnten.
Die Gründe für eine solche Entwicklung sind naheliegend. Ohnehin waren die ukrainischen Vorräte an Patriot-Raketen kaum ausreichend. Der Krieg im Iran und die allgemeine Politik der US-Administration von Donald Trump haben das Defizit noch einmal deutlich verschärft. Und obwohl auch Russland nur eine begrenzte Zahl von teuren ballistischen Raketen pro Monat produzieren kann, liegt es auf der Hand, dass Moskau die Vorräte, mit denen Kiew vor Ballistik verteidigt werden kann, möglichst ausschöpfen möchte.
Eine einfache Lösung dafür existiert nicht. Die Möglichkeiten des PURL-Mechanismus, der ersonnen wurde, damit europäische Länder Waffen in den USA für die Ukraine einkaufen, hilft nur begrenzt weiter in einer Situation, in der US-amerikanische Streitkräfte wegen des Iran-Konflikts selbst das Patriot-Defizit zu spüren bekommen. Daher muss die Ukraine akribisch arbeiten, um verfügbare Raketen in Europa und in anderen Drittstaaten zu bekommen, was allerdings den eigentlichen Bedarf kaum decken kann. Zudem feilen einige ukrainische Rüstungsunternehmen an einer Art Patriot-Analog, doch dafür braucht es viel Zeit und Geld - ohne jegliche Erfolgsgarantie.
Ablenkung von den russischen Problemen
Für die Ankündigung Moskaus im Bezug auf Kiew gibt es darüber hinaus natürlich politische und PR-Gründe. So tragisch der Vorfall von Starobilsk gewesen sein mag, ist es kaum zu glauben, dass sich der Kreml, der ganze Städte wie Bachmut vollständig zerstörte, ernsthaft Sorgen über das Schicksal der Zivilisten im besetzten Gebiet macht. Deswegen geht es hier vor allem um den üblichen rhetorischen Trick des Kremls, eigene Aktionen stets zu einer Art "Vergeltung" für die sogenannten "Verbrechen des Selenskyj-Regimes" zu stilisieren. Fakt ist allerdings, dass Russland auf die Ukraine und Kiew kontiniuerlich so gut wie alles abschießt, was rechtzeitig produziert werden kann. Denn die eingesetzten Raketen stammen längst überwiegend aus der aktuellen Produktion. Ob die russische Armee dabei Energieobjekte oder sogenannte "Entscheidungszentren" zum Ziele macht, hängt gänzlich von anderen Faktoren ab.
Russlands eigentliches Problem derzeit ist, dass die eigenen Offensivaktionen an der Front seit Längerem stolpern. Die angepeilte Okkupation der gesamten Donbass-Region in der Ostukraine bleibt weit entfernt. Ukrainische Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur und die Tatsache, dass die Drohnen immer bis nach Moskau fliegen, bereiten dem Kreml, der nach innen wie außen Stärke demonstrieren muss, Kopfzerbrechen. Verstärkte Angriffe auf Kiew haben einen medialen Effekt, der etwa die eigenen Militärblogger zumindest für eine gewisse Zeit besänftigen könnte. Die Schattenseite ist jedoch aus Moskauer Perspektive, dass der Beschuss ihrer Hauptstadt der Ukraine zusätzliche Argumente gibt, um bei ihren Partnern mehr Unterstützung einzuwerben.
Weil es aber nicht absehbar ist, dass die USA unter Donald Trump ihre Ukraine-Politik ändern, kann der Kreml dieses Risiko offenbar in Kauf nehmen. Schließlich geht es Wladimir Putin im Rahmen der allgemeinen Zermürbungsstrategie darum, die ukrainische Bevölkerung zu erschöpfen. Im besten Fall soll sie dann von der Regierung von Wolodymyr Selenskyj selbst fordern, auf inakzeptable Kompromisse einzugehen, damit der Krieg zumindest für eine gewisse Zeit pausiert wird.
Trotz eiskalter Temperaturen hat diese Strategie im Winter nicht funktioniert. Eine erwähnenswerte Ausreisewelle etwa aus Kiew blieb aus. Die Angriffe auf Kraftwerke und Leitungen haben eher die Menschen noch einmal daran erinnert, dass der eigentliche Feind in Moskau sitzt und innenpolitische Streitereien höchstens drittrangig sind. Schon seit einer gewissen Zeit wird in der Ukraine aber davor gewarnt, dass Russland gezielt Abwasser- und Wasserversorgungssysteme angreifen könnte. Am Sonntag wurde nun unter anderem auch die Kläranlage Bortnyzja angegriffen. Der Ausfall der Kanalisation würde Kiew vor enorme Herausforderungen stellen und könnte doch zahlreiche Menschen dazu bewegen, die Stadt vorerst zu verlassen.
Zum einen aber ist es Russland trotz mehrerer großangelegter Anläufe nicht gelungen, für einen richtigen Blackout in der Ukraine zu sorgen, auch wenn die Folgen der Angriffe auf die Energieanlagen noch Jahre nach dem Krieg spürbar bleiben werden. Zum anderen ist es in einem solchen Fall ebenfalls nicht unwahrscheinlich, dass die Reaktion der Ukrainer und Kiewer ähnlich ausfällt wie nach jedem anderen Luftangriff auch: Sie machen weiter, Tag für Tag.