Politik

Politiker und der Imagefaktor Brille Konturlos ist fürs Fernsehen gut

In der Ära Kohl war sie ein modisches Stiefkind: die Brille. Politiker trugen Altherrenmodelle aus dunklem Horn oder jenes Gestell, das mit seinem Drahtbügel über der Nase einer Pilotenbrille ähneln wollte. Mittlerweile hat sich auch Helmut Kohl von den alten Gläsern getrennt. Sitzen 2002 Edmund Stoiber, Guido Westerwelle, Franz Müntefering oder Kerstin Müller in den Talk-Shows, fällt parteiübergreifend eines auf: Die schlichten, konturlos wirkenden Brillen.

Wie Anzug und Schuhe, so ist auch die Brille ein Imagefaktor - spätestens seit dem amerikanisch gestalteten Wahlkampf 1998, wie auch der Medienexperte Otto Altendorfer, Mitherausgeber von "Der moderne Medienwahlkampf", betont. In dem Handbuch ist ein ganzes Kapitel dem richtigen Modell fürs Fernsehen gewidmet. Jürgen Hopf (Rodenstock) rät zur Vorsicht bei Lesebrillen: "Wer sie benutzt, lässt Rückschlüsse auf sein Alter zu."

Und warum tragen so viele Politiker randlose Brillen? "Das hängt häufig mit der Studioatmosphäre zusammen", sagt Altendorfer. "Je dünner, desto kameratauglicher", schreibt Hopf. Jene Brillen mit ausladender Fassung und bunten Extras, die in den USA mitunter als "German glasses" und als "überkomplex" verspottet werden, sollten es also eher nicht sein. "Keine 'Balken' vor den Augen zu haben, wirkt sympathisch und erleichtert den direkten Blickkontakt ", schreibt Hopf.

Und so schaut Edmund Stoiber durch ein Randlosmodell von den Wahlplakaten. Trug er früher die "Kohl-Brille", so sitzt heute eine Hightech-Fassung auf des Kanzlerkandidaten Nase, das in der Expertenwelt auf Anerkennung stößt. Das Modell unterstreiche den "gentlemanhaften Stil" des CSU-Politikers, meint Stefan Diepenbrock vom Zentralverband der Augenoptiker in Düsseldorf. Peter Frankenstein vom Kuratorium Gutes Sehen (Köln) spricht von einer "klaren Umsetzung von Harmonie und Ästhetik, voll im Trend, erscheint modern und auf der Höhe der Zeit".

Gelegenheitsbrillenträger Gerhard Schröder starte hingegen mit einem Rückstand ins Wahlrennen, meint Frankenstein. "Beste Anzüge, sehr moderne Krawatten, die Brille hingegen kommt recht bieder und langweilig rüber." Für den Kanzler gebe es ohne Zweifel eine Vielzahl moderne und flottere Varianten, ihm würde auch "etwas sehr Minimalistisches, Randloses gut stehen". Diepenbrock ist etwas anderer Meinung: Er findet Schröders Fassung "recht modisch".

Harsche Worte findet Frankenstein für eine Politikerin mit Brille: Rita Süssmuths konservatives Modell liegt in seiner Bewertung weit hinten. Einer, der Lobeshymnen erntet, ist hingegen FDP-Chef Guido Westerwelle. "Die randlose Hightech-Brille ist das Tüpfelchen auf dem 'i' beim Krawattenmann des Jahres", urteilt Frankenstein. "Ich würde unterstellen, dass er sie mit Hingabe ausgewählt hat", sagt Diepenbrock.

Eine Klasse für sich sind Gregor Gysi (PDS) und Norbert Blüm (CDU). Ihre Gestelle seien so markant, dass man ihre Gesichter immer mit Brille malen würde, heißt es. Blüm wurde vom Kuratorium Gutes Sehen so auch zum "Brillenträger des Jahres 2001 " gewählt, seine Brille sei ein "unverwechselbarer Bestandteil seiner Persönlichkeit und ein Sympathiefaktor". Derzeit keine Chance auf den Titel der Fachwelt hat hingegen Finanzminister Hans Eichel (SPD). Wobei sein Modell aber gut zum Amt als Steuerexperte und Zahlenjongleur passt, wie Frankenstein meint. (dpa)

Quelle: ntv.de

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