Politik

"Das Theater muss leer sein" Kopf von #allesdichtmachen ist unbekannt

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Der mutmaßlicher Initiator muss angesichts des Gegenwinds nun seine gute Gesinnung beweisen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Nach Entrüstungsstürmen über die ironische Videoaktion #allesdichtmachen bangen die beteiligten Künstler um ihren guten Ruf. Auch der mutmaßliche Kopf des Projekts, der Münchner Filmemacher Bernd Wunder, setzt sich gegen Rechte und Querdenker ab. Dabei hatte er den Gegenwind bereits vorhergesehen.

Der Theaterschauspieler Jens Wawrczeck ist einer von rund 50 Schauspielern, die mit ihren ironischen Clips über die Lockdown-Politik der Bundesregierung für viel Empörung sorgen. Vor allem, dass die Künstler angeblich die Narrative von Rechten, Querdenkern und Corona-Leugnern bedienen, wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Ganz unerwartet kommt das für die Protagonisten sicher nicht, denn das Video von Wawrczeck reflektiert bereits den Reflex, der gerade in der öffentlichen Debatte vorherrscht: "Ich habe Angst vor Beifall - von der falschen Seite. Wenn ich Theater spiele, darf im Zuschauerraum auf der rechten Seite niemand sitzen. Dann kommt der Beifall nur von links", sagt Wawrczeck und macht eine kurze Pause. Dann fügt er hinzu: Allerdings sei das, wenn man unten stehe andersrum, dann säßen die Leute nur rechts. Deshalb dürfe da auch niemand sitzen. Fazit: "Das Theater muss ganz leer sein. Dann kommt kein Beifall von der falschen Seite und dann fühle ich mich sicher."

Leere Theater, ein heruntergefahrenes Kulturleben, Schauspieler, Künstler, Musiker, die in der Corona-Krise seit Monaten ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen können: Das erklärte Anliegen der Aktion #allesdichtmachen rückt derzeit in den Hintergrund. Warum? Weil die 50 Künstler zu viel Beifall von der falschen Seite bekommen haben.

So muss der mutmaßliche Kopf der Aktion, der Münchner Filmemacher Bernd K. Wunder derzeit völlig ironiefrei Farbe bekennen und auf seine tadellose, das heißt nicht rechte Gesinnung hinweisen. Der Geschäftsführer der Firma "Wunder am Werk", der zunächst sein Video-Projekt noch ganz schlicht als "Kunst" bezeichnet hatte, äußerte sich in einem Statement: "Wir sehen uns in eine Ecke gestellt mit rechten Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Corona- und Pandemieleugnern. Nichts liegt uns Ferner. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der wir ferner stehen als der AfD."

"Jenen, die verstummt sind"

Für alle, die sich mit Satire schwertun, erläutert Wunder sein Anliegen: "Weder leugnen wir Corona noch stellen wir die Gefahr, die von der Krankheit ausgeht, in Abrede. Dennoch halten wir es für angemessen und erforderlich, den Umgang mit der Krankheit und die daraus abgeleiteten Maßnahmen wieder und wieder öffentlich zu diskutieren und zu besprechen", so Wunder und versichert: "Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen die verstummt sind."

Zu denen dürfte der Münchner inzwischen selber gehören. Auf eine Anfrage von RTL antwortete Wunder schon nicht mehr. Die Homepage seiner Firma ist nicht mehr abrufbar. Seit dem Nachmittag ist sein Instagram-Account auf privat gestellt. Auch die Schauspieler, die bei dem Projekt mitmachten, werden zum Teil als rechtsradikal beschimpft und verunglimpft. Sie müssen um ihren guten Ruf fürchten und wahrscheinlich auch um künftige Rollenangebote.

Die "Bild"-Zeitung zitierte einen inzwischen gelöschten Tweet des WDR-Rundfunkrats Garrelt Duin von der SPD, der Konsequenzen gefordert hatte. "Jan Josef Liefers und Tukur verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an 'den Medien' und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen. Sie haben sich daher als deren Repräsentanten unmöglich gemacht. Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit - auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden - schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat."

"Aktion ist nach hinten losgegangen"

Nach Heike Makatsch und Richy Müller distanzierten sich am Nachmittag auch die Schauspielerin Meret Becker ("Tatort") und ihr Kollege Ken Duken ("Traumfabrik") von der Videoaktion. Kunst müsse Fragen stellen können, sagte Becker in einem Beitrag bei Instagram. "Aber diese Aktion ist nach hinten losgegangen." Sie werde das Video runternehmen lassen. "Und ich entschuldige mich dafür, dass das falsch verstanden werden konnte." Der Beifall von der falschen Seite, das sei das Letzte, was sie gewollt habe.

Ob es sich bei den Videos tatsächlich um "Kunst" handelt, ist nach der Rücktrittswelle zweifelhaft. So steht derzeit nicht fest, wer das Drehbuch und die Texte zu der Aktion geschrieben hat. Waren es die Schauspieler selbst oder sind sie Figuren einer Inszenierung? Und wenn ja: Warum distanzieren sich dann einige von einer Aktion, deren Provokationsgehalt von Anfang an klar war?

Der Münchner Filmemacher Wunder will es jedenfalls nicht allein gewesen sein. Er sei nicht der Initiator, sondern Teil einer großen Gruppe, sagte er der dpa. Er selbst habe kein Video gepostet, weil er kein Schauspieler sei. Deswegen habe er im Hintergrund agiert und organisiert und so sei er im Impressum gelandet. Sollte es den Machern und ihren Darstellern um eine breite Debatte gegangen sein, dann hätten sie ihr Ziel immerhin erreicht.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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