Politik

Corona-Talk bei Anne Will Lauterbach: Boostern und Impfpflicht werden Welle brechen

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Über das Ende der epidemischen Lage nationaler Tragweite will Gesundheitsminister Lauterbach nicht mehr sprechen.

(Foto: Bild: NDR/Wolfgang Borrs)

In ihrer letzten Talkshow des Jahres hatte sich Anne Will am Sonntagabend im Ersten viel vorgenommen. Statt wie angekündigt über die Ziele der Ampel-Regierung zu sprechen, ging es dann aber doch fast ausschließlich um Corona. Daran hatte vor allem Gesundheitsminister Lauterbach einen großen Anteil.

Es ist die letzte "Anne Will"-Talkshow des Jahres 2021. Da hatte sich die Redaktion viel vorgenommen. Die Runde sollte die Politik der seit Mittwoch regierenden Koalition aus SPD, Grünen und FDP unter die Lupe zu nehmen. Doch dann gab es wieder fast ausschließlich ein Thema: die Bekämpfung von Corona. Und das dürfte die Zuschauer aktuell auch am meisten interessieren. Nur am Ende wurde ganz kurz über einen möglichen diplomatischen Boykott der Olympischen Winterspiele in China gesprochen. Das sei eine europäische Frage, erklärte Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, die vergangene Woche zur Vizepräsidentin des Bundestages gewählt wurde.

Dass die Diskussion dann sehr kurz wurde, lag daran, dass zuvor viel Zeit auf die Analyse der Pandemie verwendet worden war. "Ich hätte auch noch gerne was dazu gesagt." Das war der letzte Satz eines Gastes in der letzten Will-Show des Jahres. Ausgesprochen hat ihn der Unions-Außenpolitiker Norbert Röttgen. Der Kandidat für den CDU-Vorsitz hatte noch ein ganz anderes Problem: die Oppositionsrolle, die er nur schwer akzeptieren konnte. Immerhin lief die Sendung schon fast zwanzig Minuten, als Röttgen zum ersten Mal zu Wort kam. Äußerlich wirkte er gelassen, doch seine zuweilen scharfe Rhetorik ließ darauf schließen, dass er so glücklich mit seiner ihm zugewiesenen Rolle nicht war.

"Impfquote von 90 Prozent reicht nicht mehr"

Zunächst dürfen sich am Anfang "Welt"-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld und Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel zum Start der Ampel-Regierung äußern. Die Inszenierung sei gut gewesen, die ersten Taten aber nicht, meint die Journalistin und kritisiert, dass die AfD den Vorsitz im wichtigen Bundestagsinnenausschuss bekommen habe, dass Finanzminister Christian Lindner am heutigen Montag einen milliardenschweren Nachtragshaushalt vorlegen will und vor allem die Diskussion um die Impfpflicht. Letztere ist auch für Merkel ein wichtiges Thema. Der Demokratieforscher spricht sich dafür aus und sagt: "Meine Freiheit hört da auf, wo ich die Freiheit des oder der anderen einschränke." Man könne die Impfpflicht ethisch und rechtlich begründen, so Merkel, dem aber nicht klar ist, wie man ihre Einhaltung verfolgen könne.

Ob denn wirklich alles getan worden sei, um die Menschen zum Impfen zu animieren, will Rosenfeld von Karl Lauterbach wissen. "Noch nicht vollständig", antwortet der. Man habe zwar sehr daran gearbeitet, um alle Möglichkeiten zu nutzen, doch nun habe man keine Zeit mehr. "Mit der neuen Omikron-Variante reicht eine Impfquote von 90 Prozent nicht mehr, weil der Impfstoff nicht zu hundert Prozent dagegen wirkt", erklärt Lauterbach. Wer zweimal geimpft sei, der sei höchstens zu 35 Prozent gegen Omikron geschützt. Lauterbachs Ziel: "Wir versuchen jetzt, die Delta-Welle zu brechen und uns mit Booster-Impfungen zu schützen, um mit neuen Impfstoffen neue Varianten wegzudrücken." Booster-Impfungen könnten gut gegen die Delta-Variante helfen, und nach neuesten Studien seien geboosterte Menschen auch besser gegen die Omikron-Variante geschützt als gedacht.

Ob es ein Fehler gewesen sei, dass alle Politiker über eine sehr lange Zeit versprochen hätten, es gäbe keine Impfpflicht, will die Moderatorin von Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt wissen. Man habe nichts verdaddelt, sagt diese. Es gebe aber jetzt viel aggressivere Varianten. Wie die Impfpflicht gestaltet werden soll, müsse jedoch gut überlegt sein, gibt sie dem Politikwissenschaftler Merkel recht. "Darum machen wir das nicht über Nacht", fügt sie hinzu. Wichtig sei, die Menschen weiter zu impfen. "Es ist vielen Leuten klar geworden: Wenn ich am Leben teilhaben will, muss ich mich impfen lassen", erklärt Göring-Eckardt.

Anti-Omikron-Impfstoffe im April oder Mai

In den dann kurz ausbrechenden Streit darüber, wer wann warum die epidemische Notlage von nationaler Tragweite beendet und was die FDP damit zu tun habe, mag sich Lauterbach nicht einmischen. "Die Leute wollen wissen, wie die Booster-Impfung wirkt, und wir versuchen, uns gegenseitig der schwarzen Peter zuzuschieben", beklagt er sich nicht ganz zu Unrecht. Immerhin gebe es eine Gruppe von Menschen, die noch gar nicht geimpft seien, "bei denen ich keine Booster-Impfung sehe, wenn wir die Impfpflicht nicht einführen", sagt er. Wer jedoch geboostert sei, der sei zu 75 Prozent auch gegen die neue Omikron-Variante geschützt. Neue Impfstoffe werde es im April oder Mai geben. Ob dann eine vierte Impfung nötig sein werde, fragt die Moderatorin. "Das wissen wir schlicht noch nicht", sagt Lauterbach, dazu gebe es noch keine einzige Studie.

Die Moderatorin fragt nach der einrichtungsbezogenen Impfpflicht. "Die ist absolut notwendig", sagt Lauterbach. Es gehe dabei nicht nur um die Pfleger, sondern vor allem um Menschen wie Küchenhilfen oder Fußpfleger. Die seien oft nicht geimpft und würden dann die Krankheit in die Einrichtungen einschleppen. "Die Menschen, die dort liegen, haben sich uns komplett anvertraut", weiß Lauterbach. Und weiter: "Diese Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass wir keine todbringenden Viren in die Einrichtungen tragen; die einrichtungsbezogene Impfpflicht hätte schon viel früher beschlossen werden sollen."

Röttgen blitzt mit Gesetzesvorschlag ab

In der dann folgenden Diskussion über ein Gesetz zur allgemeinen Impfpflicht meldet sich auch Norbert Röttgen zu Wort. Nicht zum ersten Mal in dieser Sendung kritisiert er die FDP, den ehemaligen Wunschkoalitionspartner der Union. Die sei nicht nur für die Aufhebung der epidemischen Notlage gewesen, ihretwegen werde es auch kein eigenes Gesetz der Ampel-Regierung zur Einführung der allgemeinen Impfpflicht geben. Deswegen sollten Regierung und Opposition ein gemeinsames Gesetz einbringen. "Dieses Zeichen des Zusammenstehens würde ich für sehr wichtig halten."

Damit sind weder Göring-Eckardt noch Merkel wirklich einverstanden. Die Grünen-Politikerin wünscht sich eine breite Diskussion im Parlament über das Gesetz, und Merkel hofft, dass durch einen intensiven Meinungsaustausch im Parlament auch das Vertrauen der Bürger untereinander wieder wächst.

Göring-Eckardt sagt den Kindern "Danke"

Einen echten Höhepunkt gibt es in der Sendung, als Katrin Göring-Eckardt auf die Kinder in diesem Land zu sprechen kommt. Die müssten besonders dringend geimpft werden, sagt sie - und lobt mobile Impfaktionen vor Schulen. Gleichzeitig bedankt sie sich aber auch für die Geduld der Kinder während der Pandemie. Kein Kind, kein Jugendlicher sei auf die Straße gegangen, um gegen das Tragen von Masken oder die Quarantäneregeln zu demonstrieren. "Danke Kids, das habt ihr großartig gemacht", sagt sie. Und kurzzeitig hat man das Bild von einer lächelnden Weihnachtsfrau vor Augen.

Ein Weihnachtsgeschenk könnte es auch für geboosterte Menschen geben. Das deutet Gesundheitsminister Lauterbach an. Er werde sich dafür einsetzen, dass sie vorerst von der Testpflicht bei 2G-plus-Veranstaltungen befreit werden sollen. Diese sei medizinisch nicht sinnvoll, sagt er. Und schließlich müsse ja die Booster-Impfung für die Geimpften auch Erleichterungen bringen. Sicher: Bei vielen Zuschauern dürfte sich ein echtes Weihnachtsfeeling mit solchen Versprechen noch nicht einstellen, aber zumindest lag ganz kurz so etwas wie ein virtueller Hauch von Tannenduft über der Sendung.

Quelle: ntv.de

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