Politik

Vom Lockdown zum Lockern Macht Boris Johnson es besser als Deutschland?

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Johnson ist derzeit im Wahlkampf unterwegs, am 6. Mai finden in England Kommunalwahlen statt.

(Foto: picture alliance / empics)

Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 114 verkündete der britische Premier einen Öffnungsplan. Bisher konnte er sich daran halten. Das liegt nicht nur daran, dass die Briten schneller impfen.

Ausgerechnet Boris Johnson soll etwas richtig gemacht haben in der Pandemie? Der Mann, der sich im März 2020 damit brüstete, die Corona-Station eines Krankenhauses besucht und jedem dort die Hand geschüttelt zu haben, und dann selbst an Corona erkrankte? Dessen Regierung im vergangenen Jahr ein abschreckendes Beispiel für schlechtes Corona-Management war? Der im Oktober gesagt haben soll, wie britische Medien berichten, er würde lieber zusehen, wie sich "Leichen zu Tausenden stapeln" als das Land in einen dritten Lockdown zu führen?

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Mit der "Daily Mail" vom Montag protestiert eine Frau gegen Boris Johnson.

(Foto: picture alliance/dpa/ZUMA Wire)

Die Zahl der Verstorbenen jedenfalls spricht gegen den britischen Premierminister: Das Land mit 67 Millionen Einwohner zählte bisher mehr als 127.000 Corona-Tote. In Deutschland mit seinen gut 80 Millionen Einwohnern sind es fast 82.000.

Aber eines hat Johnsons Regierung eindeutig besser gemacht als die Europäische Union: Sie hat früh und viel Impfstoffe bestellt und die Verträge offenbar so gestaltet, dass sie vom Impfstoff-Hersteller Astrazeneca bevorzugt beliefert wird. In Deutschland sind aktuell rund 24 Prozent der Einwohner mindestens einmal geimpft, 7,3 Prozent haben den vollen Schutz. Großbritannien hat die Schwelle von 50 Prozent einfach Geimpften bereits vor ein paar Tagen überschritten, rund 20 Prozent sind vollständig geimpft.

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Die Antwort auf die zweite Welle machte den Unterschied

Deutschland dürfte Ende Juni, Anfang Juli so weit sein: Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach nach dem Impfgipfel am Montag davon, dass im Juli "die Hälfte oder 60 Prozent der Bevölkerung geimpft" sein könnten. Heißt: Die deutsche Impfkampagne hinkt der britischen etwa zwei Monate hinterher. Die dritte Welle, in der Deutschland gerade steckt, hat Großbritannien noch gar nicht erlebt.

Das liegt auch daran, dass die zweite Welle das Königreich sehr viel härter getroffen hat als Deutschland. Und daran, dass die zweite Welle in Großbritannien auch sehr viel konsequenter bekämpft wurde. Denn das drastische Sinken der Infektionen nach dem Höhepunkt Anfang Januar war noch kein Erfolg der Impfkampagne, sondern eines harten Lockdowns: Die Schulen wurden geschlossen, Ausgangssperren wurden verhängt. Diese galten nicht nur nachts, sondern rund um die Uhr, auch wenn es diverse Ausnahmen gab.

Vor etwa zwei Monaten, am 22. Februar, verkündet Johnson dann einen Plan, wie der Lockdown "vorsichtig, aber unumkehrbar" beendet werden sollte. Schon diese Ankündigung hob die Stimmung der Briten deutlich. Mitten im Lockdown war klar, dass ein Ende abzusehen ist. Die Schulen sollten am 8. März öffnen, Treffen unter freiem Himmel von sechs Personen oder zwei Haushalten sollten drei Wochen später wieder möglich sein, am 12. April sollte der Einzelhandel, Frisörläden, Fitnessstudios sowie die Außenbereiche der Gastronomie öffnen.

Der deutsche Stufenplan ist Schnee von gestern

Bislang konnte Johnson seinen Zeitplan einhalten. Die nächsten Öffnungen sind für den 17. Mai geplant. Dann sollen sich bis zu dreißig Personen draußen, bis zu sechs Personen oder zwei Haushalte in Innenräumen treffen dürfen. Auch die Pubs dürfen dann innen wieder Gäste bewirten. Museen, Theater, Kinos, Hotels und Pensionen sollen dann ebenfalls öffnen. Die letzten Restriktionen könnten, wenn alles nach Plan läuft, am 21. Juni fallen.

Dass es eigentlich auch in Deutschland einen Stufenplan gibt, ist bereits ein wenig in Vergessenheit geraten. Die "Öffnungsperspektive in fünf Schritten" war am 8. März von einer Bund-Länder-Runde beschlossen worden, auf der die Kanzlerin zur Absicherung dieser Öffnungen auch die Notbremse durchsetzte. Die Sieben-Tage-Inzidenz stand damals bei 68, Tendenz steigend. Von der Öffnungsperspektive blieb daher vorläufig nur die Notbremse, sie gilt mittlerweile bundesweit.

Als Johnson seinen Öffnungsplan verkündete, lag die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien bei 114. Doch die Tendenz war klar fallend. Zu diesem Zeitpunkt lag das vor allem am Lockdown und noch kaum an den Impfungen. Diese beschleunigten den Trend jedoch: Am 12. April, als die Pubs wieder draußen Bier ausschenken durften, lag der Wert bei 15,9.

Kann Deutschland etwas von Großbritannien lernen? Dafür ist es vermutlich zu spät. Erstens können frühzeitige Impfstoff-Bestellungen nun nicht mehr nachgeholt werden. Zweitens wollten die Bundesregierung und die Bundesländer den Deutschen keinen harten Lockdown zumuten - entsprechend hoch blieben die Werte, entsprechend voll sind die Intensivstationen. Und drittens kann die Koalition sich nicht auf einen Ausstiegsplan einigen. "Wir brauchen den Fahrplan zurück ins normale Leben, aber einen, der nicht nach ein paar Tagen widerrufen wird", sagte SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am vergangenen Wochenende der "Bild am Sonntag". Das sieht CSU-Chef Markus Söder anders. "Mit Corona kann man keine Deals und Pläne machen", sagte er in der ARD. "Unser einziger vernünftiger Plan heißt: Jetzt vernünftig in den nächsten Wochen zu agieren, weiter Abstand zu halten, Corona sehr, sehr ernst zu nehmen." Öffnungen könne es nur mit zunehmendem Impferfolg geben.

Besiegt ist das Virus auch durch den Impferfolg in Großbritannien nicht. Selbst Johnson warnte an diesem Dienstag vor einer dritten Welle, die im Sommer, infolge der Lockerungen und neuer Mutationen, durch Großbritannien ziehen könnte. Der Mediziner Calum Semple, der zum wissenschaftlichen Beraterkreis der britischen Regierung gehört, sagte dem Sender Sky News, eine dritte Welle müsse nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Einschränkungen wieder in Kraft gesetzt werden müssten. "Es ist unvermeidlich, dass die Fälle ansteigen, wenn wir öffnen. Die Frage ist, ob wir das Rennen um die Impfung der am stärksten gefährdeten Mitglieder der Gesellschaft gewonnen habe, damit wir dieses Mal offen bleiben können."

Dass Johnson keinesfalls einen weiteren Lockdown will, liegt auf der Hand - er hatte schon Lockdown zwei im November und drei im Januar um jeden Preis vermeiden wollen. Auch wenn er das Zitat mit den sich stapelnden Leichen bestreitet: Plan und Linie hatte Johnsons Corona-Politik bis zum Start der Impfkampagne nicht. Das ändert nichts daran, dass Großbritannien gezeigt hat, wie der Weg aus der Pandemie heraus aussehen kann.

Quelle: ntv.de

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