Politik

Die Waffen der Frauen Milliardärsschwester wird zum Star

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Irina Prochorowa stand zwar nicht zur Wahl - wurde aber trotzdem gewählt.

(Foto: REUTERS)

Hinter erfolgreichen Männern steht häufig eine starke Frau. Das gilt selbst für russische Oligarchen und Präsidentschaftskandidaten. Michail Prochorow zieht gegen Wladimir Putin zwar den Kürzeren, erreicht aber ein überraschend gutes Ergebnis. Der Achtungserfolg trägt auch den Namen seiner Schwester: Irina Prochorowa. Seit 20 Jahren leitet sie ihren Verlag für geisteswissenschaftliche und  intellektuelle Literatur in Moskau. Doch das Nischendasein hat plötzlich ein Ende.

Im russischen Wahlkampf verweigerte sich Putin Debatten mit anderen Kandidaten und schickte statt dessen Stellvertreter. Michail Prochorow schlug zurück und  ließ seine große Schwester mit dem russischen Star-Regisseur und Putin-Freund Nikita Michalkow über Kultur diskutieren. Was eine Ein-Mann-Show werden sollte, entwickelte sich zum Gegenteil. Der gerne äußerst lautstark und dominant auftretende Regisseur streckte früh die Waffen und staunte schweigend. Am Ende spendete er ein für die russische Gesellschaft ungewöhnliches Lob: "Wenn Sie mit Ihrem Bruder gemeinsam kandidieren würden, würde ich Sie wählen." Das dachten sich auch viele der Russen, die für Prochorow stimmen. Ihr Argument: Wer so eine Schwester habe, könne kein schlechter Mensch sein.

n-tv.de: Ihr Verlag NLO galt bisher als Refugium der russischen Intellektuellen. Doch nun sind Sie Hoffnungsträgerin der wachsenden Mittelschicht Russlands. Viele von denjenigen, die Ihren Bruder wählten, taten das Ihretwegen. Auslöser war das Streitgespräch mit Putins Duzfreund Nikita Michalkow...

Irina Prochorowa: Das hat mich wirklich überrascht. Michalkow ist außerordentlich talentiert und hat eine Reihe guter Filme gemacht. Doch in den letzten 10 bis 15 Jahren hat er sich zu einer abscheulichen Person entwickelt. Macht löst eine gewaltige Faszination in ihm aus. Meine Idee war, mit ihm über Kultur zu sprechen – nicht über Politik. Ich wollte über den dramatisch schlechten Zustand der Kultur in unserem Land reden. Doch diese Unterhaltung wurde zu einem Symbol. Damit konnte ich nicht rechnen.

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Irina Prochorowa.

Diese außerordentlich große Resonanz muss Sie doch freuen...

Ich habe gemischte Gefühle. Natürlich freue ich mich, dass so viele Leute so positiv auf dieses Gespräch reagieren. Doch dieses Jahr wird mein Verlag 20 Jahre alt. Das ist das Wichtigste, was ich gemacht habe. Es entbehrt doch nicht einer gewissen Ironie: Da arbeitet man jahrelang hart, baut etwas auf und hofft, dafür Anerkennung zu bekommen. Meine Kollegen und ich haben etwas erreicht, auf das wir stolz sind. Und plötzlich werde ich für dieses eine Gespräch gelobt und erreiche deshalb Prominenz. Dass Michail Prochorow mein Bruder ist, war schon vorher kein Geheimnis.

Ihrem Bruder hat Ihr Auftritt offensichtlich geholfen. Liegt das daran, dass es in der russischen Gesellschaft eine Sehnsucht nach Kultur, Bildung und guten Manieren gibt? Putin steht nicht gerade für diese Attribute.

Es gibt in Russland viele Mythen über unseren angeblichen Charakter. Es wird immer wieder behauptet, wir hätten eine bestimmte Mentalität. Das ist alles Unsinn. Da gibt es beispielsweise das Klischee, dass Russen Intellektuelle geringschätzen und stattdessen harte Kerle bevorzugen. Dieses Gerede verdeckt ein interessantes Phänomen: Es gibt hier so viele Menschen, die sich gebildete, vernünftige, verantwortliche Persönlichkeiten wünschen.

Putin steht allerdings nicht für das Kultivierte. Was haben Sie gedacht, als das offizielle Resultat verkündet wurde. Eine Überraschung war ja ausgeschlossen...

Auch ich habe kein Wunder erwartet – bei all den administrativen Ressourcen, die Putin in seinen Wahlkampf stecken konnte. Doch ich bin ganz zufrieden. Offiziell hat mein Bruder landesweit knapp acht Prozent der Stimmen bekommen. Wenn korrekt ausgezählt worden wäre, hätte er sicher weit mehr als zehn Prozent erreicht. Vor dem Hintergrund dieses unfairen Rennens hat er ein respektables Ergebnis erzielt.

Wladimir Putin ist wieder Präsident Russlands. Insofern bleibt alles beim Alten.

Seit langem wurde hier darüber geklagt, dass sich nichts verändert. Es war ein weit verbreitetes Gefühl vollständiger Apathie. Man hatte den Eindruck, jeder Versuch etwas zu ändern, sei aussichtslos. Diese universelle Desillusionierung war deprimierend. Ich weiß, wie schlecht ich mich vor einem halben Jahr fühlte. Ich dachte, für dieses Land gebe es keine Aussichten auf eine bessere Zukunft. Dieses Regime werde sich niemals ändern. Aber dann geschah unerwarteterweise doch etwas. Es ist wie so häufig: Wenn man die Hoffnung aufgegeben hat, passiert etwas. Plötzlich wurde Protest laut. Die Gesellschaft startete, ihren tiefen Wunsch nach Veränderungen zu artikulieren.

Wann gab es diesen Punkt? Bei der Ankündigung von Putin und Medwedew, die Ämter zu tauschen?

Gesellschaften können sich fundamental verändern. Doch das ist häufig ein leiser, unsichtbarer Prozess. Das geschieht gewissermaßen unter der Oberfläche. Hier in Russland kommt erschwerend hinzu, dass die Presse nicht frei ist. Damit fehlt ein wichtiger Indikator, um Veränderungen zu beobachten. Möglicherweise war es diese nahezu zynische Rochade, die diese Entwicklung sichtbar gemacht hat. Sie hat diesen Prozess allerdings nicht ausgelöst. Er läuft schon seit langem.

In Moskau bekam Ihr Bruder offiziell 20 Prozent der Stimmen. Bleibt er in der Politik? Vor den Wahlen hatte er gesagt, vor ihm liege ein langer Weg...

Selbstverständlich bleibt er in der Politik. Er hat angekündigt, dass er eine neue Partei gründen wird. Der Sieg von Putin war vorhersehbar. Das ist aber kein Grund, es nicht noch einmal zu versuchen. Wissen Sie, Putin macht derzeit nicht den Eindruck eines starken Mannes. Diese organisierten Demonstrationen angeblicher Unterstützer sind doch hysterisch. Seinen Wahlsieg verkündete er auf eine Art und Weise, als ob ein großer Feind besiegt worden sei. Dabei handelt es sich lediglich um Wahlen und nicht um einen Krieg. Diese Inszenierung, diese Rhetorik sind ein Zeichen von Schwäche. Diese übertriebene, aufgesetzte Freude zeigt seine Unsicherheit. Angesichts der für seinen Sieg notwendigen Manipulationen ist das nachvollziehbar. In Russland entsteht eine neue Zivilgesellschaft. Das kann auch Putin nicht ändern. Uns steht aber ein langer, anstrengender Weg bevor. Erfolg kommt nicht von alleine.

Will Michail Prochorow daran teilhaben? Viele zweifeln angesichts seines Reichtums an seiner Motivation.

Viele Menschen halten es für undenkbar, dass ein reicher und erfolgreicher Geschäftsmann zugleich ein guter Staatsbürger und Patriot ist. Es gibt das Vorurteil, nur weil man reich und erfolgreich sei, sei einem der Rest der Menschen egal. Doch mein Bruder verschließt die Augen nicht vor dem, was um ihn herum passiert.

Er würde damit ein großes Risiko eingehen. Für ihn steht dann viel auf dem Spiel.

In Russland gibt es ein Sprichwort: "Wenn Du kein Risiko eingehst, wirst Du keinen Champagner trinken." Man muss etwas riskieren, um etwas zu erreichen. In der Tat, mein Bruder kann verlieren. Er kann alles verlieren. Aber auf der anderen Seite kann er auch viel erreichen. Es gibt in Russland derzeit viele Leute mit ganz anderem Hintergrund, die viel riskieren. Viele junge Männer nehmen an den Protesten teil. Sie riskieren ihre Freiheit, ihre Gesundheit. Und dennoch gehen sie dorthin. Warum tun sie sich das an? Sie sind jung, das ganze Leben liegt noch vor ihnen. Sie könnten sich auch mit einem hübschen Mädchen treffen und sich eine nette Zeit machen. Doch auch für sie gibt es Wichtigeres.

Ihr Bruder wird immer wieder als ein Projekt Putins bezeichnet...

Sie können über alles und jeden behaupten, es oder er sei ein Projekt von irgendwem. Aber nehmen Sie doch einmal an, dass der Kreml nicht alles kontrolliert. Es ist doch ein Teil des Mythos, zu glauben, dass der Kreml unser Leben von der Geburt bis zum Tod bestimmt. Gehen wir doch einmal davon aus, dass auch der Kreml nicht losgelöst von der Gesellschaft existiert, dass er mit ihr Kompromisse eingehen muss. Auch er muss akzeptieren, dass neue, talentierte Persönlichkeiten auftauchen. Wer davon überzeugt ist, dass alles ein Produkt Putins sei, der kann auch behaupten, dass die Proteste auf dem Bolotnaja-Platz vom Kreml gesteuert seien. Das ist natürlich Unsinn, das Gegenteil ist der Fall. Hier wächst eine Zivilgesellschaft heran. Viele Menschen erkennen, dass sie nicht ohnmächtig sind.

Natürlich ist der Kreml mit seinem Repressionsapparat sehr mächtig. Dennoch bin ich zuversichtlich. Ich habe die Hälfte meines Lebens in der Sowjetunion verbracht. Und damals war es viel schlimmer als heute. Damals herrschte ein totalitäres Regime. Doch selbst dann gelang es Leuten, unabhängig zu bleiben. Sie hatten Erfolg, obwohl sie kein Teil des Systems waren. Nicht jeder, der etwas erreichte, unterstützte das Regime. Das Leben ist manchmal sehr viel komplizierter, als wir denken.

Sie sprachen über die sich entwickelnde Zivilgesellschaft. Verabschiedet sich tatsächlich ein Großteil der Russen vom System Putins, oder handelt es sich nur um eine Minderheit?

Die Trennung der Gesellschaft von Putin ist noch nicht vollzogen. Dieser für den Kreml schmerzhafte Prozess ist aber in vollem Gange. Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Das ist der sichtbare Teil des Protests. Viele Menschen werden gezwungen, für Putin zu jubeln oder gar für ihn zu stimmen. Doch selbst für die, die es freiwillig tun, gilt: Ein großer Propaganda-Apparat ist ganz und gar auf einen Kandidaten ausgerichtet. Wenn wir einen wirklichen Wahlkampf mit gleichen Chancen und echten Diskussionen gehabt hätten, wenn alle Kandidaten den gleichen Zugang zu den Medien hätten, dann würde das Bild ganz anders aussehen. Ich denke, dass dann viele Menschen für einen anderen Menschen als Putin gestimmt hätten. Sie hätten möglicherweise für meinen Bruder gestimmt. Vielleicht auch für ganz andere Persönlichkeiten, wenn sie denn hätten kandidieren dürfen. Doch wie sie sich entschieden hätten, das können wir nicht wissen.

Und wie zuversichtlich blicken Sie in die Zukunft?

Wir sind in einer Übergangsphase. Niemand weiß, wie Putin und seine Leute reagieren werden. Haben Sie ausreichend gesunden Menschenverstand? Haben Sie das Gespür für neue Realitäten, um mit der Gesellschaft Kompromisse einzugehen? Sie können nicht so weiterherrschen wie bisher. Doch vielleicht werden sie trotzdem versuchen, den Status Quo zu verteidigen. Wir werden sehen, was die kommenden Jahre bringen. Wir befinden uns inmitten eines Stücks von Shakespeare.

Mit Irina Prochorowa sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de

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