Politik

Zwischen lieb und hyperaggressiv Mitschüler gruselten sich vor Tobias R.

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Auffällig unauffällig: Der Hanauer Todesschütze Tobias R.

Das Bundeskriminalamt bescheinigt dem Todesschützen von Hanau eine Psychose, doch in diversen Schützenvereinen will keiner mitbekommen haben, dass Tobias R. ein Rassist war, der unter Verfolgungswahn litt. Frühere Mitschüler und Ex-Arbeitskollegen schildern dagegen eine schwer gestörte Persönlichkeit.

Der Attentäter von Hanau gilt den Ermittlern als "einsamer Wolf", der ohne Terrornetzwerk im Rücken sein paranoides Weltbild schmiedete. Doch ganz so unauffällig, wie erste Zeugen den Sportschützen zunächst darstellten, ist Tobias R. wohl doch nicht gewesen. Nach Recherchen des "Spiegel" deutet bereits ein Eintrag in der Abiturzeitung darauf hin, dass den Mitschülern ihr Klassenkamerad unheimlich gewesen sei.

"Einer der durchgeschossensten Leute des Jahrgangs", zitiert das Blatt aus dem Jahrgangsheft. "Macht auf obercool und Karriere. Schwallt oft ohne Inhalt und Ziel. Schwankt zwischen lieb und hyperaggressiv." Diese Einschätzung kommt der Einordnung offizieller Stellen nach der rassistischen Bluttat vom Mittwoch Abend sehr nah. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, bescheinigte dem Mann eine offensichtlich "schwere psychotische Krankheit".

Trotzdem absolvierte der Mann eine scheinbar bürgerliche Karriere. Er leistete Zivildienst und schloss 2007 innerhalb von sieben Jahren ein Studium der Betriebswirtschaft in Bayreuth ab. Sein erster Job endete allerdings mit einem Rauswurf. Nach einer Tätigkeit von 2008 bis 2011 beim Finanzdienstleister MLP in Trier hätte man ihm gekündigt, berichteten Personen aus seinem Arbeitsumfeld laut "Spiegel". Der Grund: Er habe als Kundenberater "nicht getaugt".

Die nächste Arbeitsstelle bei Check 24 habe den späteren Attentäter als Kundenberater nach München geführt. Arbeitskollegen aus dieser Etappe erzählten dem Magazin, dass Tobias R. ein "Arbeitstier" und unglaublich ehrgeizig gewesen sei. Bis zu zwölf Stunden am Tag habe er geschuftet, in den Urlaub musste er gedrängt werden. Seine politische Gesinnung blieb den Kollegen trotzdem kein Geheimnis. In der Fußballnationalmannschaft waren für seinen Geschmack "zu viele Ausländer" und die AfD war Tobias R. "nicht radikal genug", erinnern sich die Arbeitskollegen laut des Berichtes.

Die Mutter aus Mitleid getötet?

Zum Zeitpunkt des Attentats wohnte der 43-Jährige wieder bei seinen Eltern im Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Seine 72-jährige Mutter sei bettlägerig und pflegebedürftig gewesen, erzählten Nachbarn verschiedenen Medien. Der Vater galt in der Gegend als schwierig. Er sei oft mürrisch gewesen, insbesondere gegenüber neu Zugezogenen. Er habe sich beklagt, wenn Menschen in der Nähe seines Hauses eingezogen seien, die er für Ausländer gehalten habe, zitierte der "Spiegel" Nachbarn von Tobias R.

Der "Stern" sprach mit einer Bekannten der Familie. "Tobias hatte ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Mutter", berichtete die Frau dem Blatt. "Ich denke, Tobias hat die Mutter getötet, um sie nicht allein beim Vater zu lassen", erzählte die Zeugin weiter. Die Mutter war demnach an Parkinson erkrankt und körperlich stark eingeschränkt. Tobias R. sei mit ihrer Tochter zur Schule gegangen. Sie schilderte den Jungen als sehr still und zurückgezogen.

Den Vater des Attentäters beschreibt auch die Familienfreundin als "eigensinnig". Er sei in der Siedlung negativ aufgefallen, seine drei alten Autos hätten regelmäßig die Straßen blockiert, sein aggressives Verhalten sei in der Nachbarschaft gefürchtet gewesen, zitierte der "Stern" die Frau, die mit Familie R. in derselben Hanauer Siedlung wohnte und die Leute regelmäßig besuchte. So soll der Mann Mülltonnen umgeworfen und den Unrat auf den Parkplätzen der Nachbarn verteilt haben.

Münchner Schützenverein: "Keiner erinnert sich an ihn"

Während das alltägliche Umfeld von Tobias R. also durchaus Warnzeichen bemerkte, blieb der spätere Attentäter in sensiblen Bereichen, die ihm den legalen Zugang zu Waffen erlaubten, offenbar unsichtbar. So etwa bei dem Schützenverein in Frankfurt, wo Tobias R. vor den Morden in den beiden Shisha-Bars mehrmals in der Woche trainierte. "Er war total unauffällig", sagte der Vorsitzende des Vereins Diana, Claus Schmidt, dem Sender RTL. Seit 2012 war R. Mitglied des Vereins, er sei immer "nett und freundlich" gewesen. Niemand hatte demnach Anzeichen dafür gesehen, dass der Mann ausländerfeindliche oder rassistische Ansichten hegte. Dass Tobias R. im Internet wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien äußerte, sei nicht bekannt gewesen. "Mit dem konnte man sich ganz vernünftig unterhalten", sagte Schmidt.

Bereits in seiner Münchner Phase war R. Mitglied in einem Waffenverein: Von 2014 bis Ende vergangenen Jahres trainierte er in der "Königlich Privilegierten Hauptschützengesellschaft München 1406", laut "Spiegel" einem der exklusivsten Schützenvereine der Stadt. Obwohl die Hürden für den Eintritt hoch sind und zwei langjährige Mitglieder für jeden Neuzugang bürgen müssen, konnte sich im Gespräch mit dem Blatt niemand an Tobias R. erinnern.

Der Präsident und 1. Schützenmeister Helmut Fischer betonte, er selbst habe niemals mit dem Attentäter von Hanau zu tun gehabt. Der sei ein Einzelgänger gewesen, "keiner aus dem Verein kann sich an eine persönliche Begegnung erinnern", sagte Fischer der Zeitung. Aus dieser Unsichtbarkeit trat Tobias R. am Mittwochabend in Hanau heraus: Neun Menschen mit ausländischen Wurzeln mussten dabei sterben, seine Mutter und er selbst. Den Vater befragen die Ermittler nun als Zeugen.

Quelle: ntv.de, mau