Politik

Aleppo als Wendepunkt Nach dem Krieg kommt der Guerillakampf

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Kein Frieden in Sicht: Blick von der Zitadelle auf das "befreite" Aleppo.

(Foto: REUTERS)

Mit dem Fall von Aleppo bricht die bisherige Strategie der syrischen Opposition zusammen - politisch wie militärisch. Frieden kehrt damit allerdings noch lange nicht ein in dem Land mit seiner durch den Bürgerkrieg radikalisierten Gesellschaft.

Im Angesicht ihrer bisher wohl größten Niederlage im syrischen Bürgerkrieg demonstriert die Opposition Kampfbereitschaft und Entschlossenheit: "Wenn Assad und seine Verbündeten glauben, dass ihr militärisches Vorrücken in einigen Vierteln von Aleppo bedeutet, dass wir Zugeständnisse machen, dann sei ihm gesagt, dass das nicht passieren wird", verkündete trotzig Riad Hidschab, der Chefunterhändler der syrischen Opposition, während die Rebellen dabei sind, die letzten Gebiete ihrer einstigen "Hauptstadt" in Syriens Wirtschaftsmetropole Aleppo zu verlieren.

Tatsächlich allerdings gibt es nach dem Fall von Aleppo nicht mehr viel zu verhandeln. Die - bislang ohnehin gescheiterte - Strategie der syrischen Opposition und ihrer westlichen Unterstützer, dem Präsidenten Baschar al-Assad einen politischen Kompromiss abzuringen oder ihn gar zum Abdanken zu zwingen, ist auf absehbare Zeit völlig unrealistisch geworden. Denn mit Aleppo haben die Rebellen ihr letztes Faustpfand für solche Verhandlungen verloren. Angesichts des desaströsen Zustands, den die Rebellengruppen in Aleppo offenbarten, gilt es als wahrscheinlich, dass Assads Truppen und ihre Verbündeten in Kürze auch einen Großteil der verbliebenen Rebellengebiete erobern können.

Einen Plan B hat die Opposition offensichtlich nicht, weder militärisch noch politisch. "Sie wurden in Aleppo von Assad komplett ausmanövriert", sagt Usama Butt, Direktor des Instituts für Islamische Strategische Studien in London, n-tv.de. Während die Rebellen ihre Kräfte in Aleppo gebündelt hatten, um ihre größte Stadt möglichst lange zu halten, hätten die politischen Vertreter ganz auf einen Wahlsieg von Hillary Clinton in den USA gesetzt. Von Clinton hatten sie sich ein stärkeres Engagement in Syrien und mehr Druck auf Russland und das Regime erhofft, um zu einer Lösung des Konflikts am Verhandlungstisch zu kommen.

In Idlib wird niemand helfen

Nach Donald Trumps Wahlsieg und seinem absehbar russlandfreundlichen Kurs sowie der Niederlage in Aleppo seien Syriens Oppositionelle "im Moment ziemlich orientierungslos", sagt Butt, der mit mehreren Vertretern der Rebellen und der politischen Oppositionsgruppen in Kontakt steht. Diese hätten derzeit weder die militärischen Fähigkeiten noch eine Strategie, um im Bürgerkrieg wieder die Oberhand zu gewinnen. "Das einzige, was sie derzeit tun können, ist sich auf die nächste Offensive des Regimes vorzubereiten", sagt Butt, "und die wird in Idlib stattfinden."

Die Stadt Idlib und die gleichnamige Provinz bilden das letzte große zusammenhängende Rebellengebiet in Syrien. Die Chancen für die Opposition, diese zu verteidigen, stehen allerdings nicht gut. Die mit Abstand stärksten Oppositionskräfte in Idlib sind die extremistischen Gruppen Ahrar al-Scham und die Al-Nusra-Front, die sich erst im Sommer von Al-Kaida lossagte. Beide Gruppen werden auch von den USA als Terrororganisationen eingestuft. Dass die Rebellen bei der anstehenden Verteidigung von Idlib nennenswerte Unterstützung aus dem Ausland erhalten, gilt daher als ausgeschlossen.

Trotz dieser düsteren Aussichten glaubt Butt nicht, dass die Rebellion in Syrien damit in Kürze beendet sein wird. "Aleppo ist in der Tat ein Wendepunkt, aber nicht das Ende des Krieges", sagt der Syrienexperte. Er rechnet damit, dass sich die Aufständischen von der derzeitigen auf die Beherrschung von Territorium ausgerichteten Taktik ganz auf Guerilla-Kriegsführung verlegen werden. Die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Guerilla-Kampf seien in vielen Teilen Syriens gegeben: die Unterstützung der lokalen Bevölkerung und eine ausreichende Zahl an Kämpfern. Angesichts der in Syrien in den vergangenen Jahren zu beobachtenden Radikalisierung vor allem der Jugend dürften die Rebellen keinerlei Nachwuchssorgen haben, so Butt.

Als Guerillakrieg könnte sich der Syrienkonflikt so über Jahre oder Jahrzehnte weiter hinziehen. Selbst wenn Assad sein Staatsgebiet wieder vollständig erobern würde, hätte er den Krieg damit noch lange nicht gewonnen.

Quelle: ntv.de