Politik

Alle US-Gegenmaßnahmen vergebens Opioid-Krise treibt so viele wie nie in den Tod

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Fentanyl-Konsumenten in Los Angeles.

(Foto: AP)

Vor fünf Jahren verhängte Präsident Trump den nationalen Gesundheitsnotstand wegen Opioiden. Doch 2021 starben so viele Menschen an einer Überdosis Fentanyl wie nie zuvor. Grund ist eine Serie von Fehlentscheidungen.

Fast 500 Tote durch Fentanyl seit 2018, allein beobachtet von einem Ermittler im kalifornischen San Diego: Diese persönliche Statistik führt der Mitarbeiter des Heimatschutzministeriums - und hat Journalisten der "Washington Post" davon erzählt. Die kalifornische Grenzstadt zu Mexiko ist das Haupteinfalltor für den Schmuggel des synthetischen Schmerzmittels in die USA. Mehr als die Hälfte des beschlagnahmten Fentanyls an der Südgrenze wird hier entdeckt.

Die Vereinigten Staaten sind mit ihren bisherigen Gegenmaßnahmen gescheitert. Es sind dort bereits mehr an einer Überdosis des Opioids gestorben als Soldaten in den Kriegen in Vietnam, Irak und Afghanistan zusammengerechnet. Im vergangenen Jahr waren es auch mehr als bei Autounfällen, Selbsttötungen oder durch Waffengewalt. Bereits seit 2013 steigen die Zahlen an, die von Opioid-Toten insgesamt seit mehr als zwei Jahrzehnten. Laut der Recherche der "Washington Post", die unter anderem auf Angaben des Anti-Seucheninstituts CDC und des Gesundheitsministeriums basiert, ist Fentanyl inzwischen die häufigste Todesursache in der Altersgruppe von 18 bis 49 Jahren.

Die meisten beginnen ihre Drogenkarriere mit legalen Schmerzmitteln und steigen wegen des Preisvorteils auf andere Opioide um. Die Gesamtanzahl von Überdosistoten im vergangenen Jahr wird auf 107.622 geschätzt, so viele wie nie zuvor. Zwei Drittel dieser Menschen starben durch Fentanyl. Offiziell gibt es drei Millionen Abhängige in den USA, aber der Stoff ist äußerst gefährlich, viele Opfer fallen vorher nicht auf und sind Teil einer mutmaßlich enormen Dunkelziffer.

Bereits seit 2017 ist Fentanyl der am häufigsten verwendete Stoff bei einem Tod durch Überdosis. Seit fünf Jahren befinden sich die USA deshalb offiziell im nationalen Gesundheitsnotstand. Kein Präsident hat das Problem lösen können, was mit einer ganzen Reihe von schlechten Entscheidungen zu tun hat.

Fentanyl ist extrem: Zwei Milligramm reichen für eine Überdosis, es hat die 50fache Wirkung von Heroin und die 100fache von Morphin. Das bedeutet für Hersteller, vor allem für die illegalen: weniger Risiko, viel weniger Menge, viel mehr Profit. Seit 1972 ist der Stoff als verschreibungspflichtiges Schmerzmittel zugelassen. Wegen seiner hohen Wirksamkeit wird es häufig bei Krebspatienten oder nach Operationen eingesetzt oder als stärkeres Opioid für solche, denen andere Mittel zu schwach geworden sind. Fentanyl kann euphorische Gefühle wie von Heroin auslösen, hat aber auch potenzielle Nebenwirkungen wie Atemprobleme, Blutniedrigdruck und Schwindel.

196 Fentanyl-Tote täglich

Ein Teil des Problems auf dem illegalen Markt ist die Mischung: Viele Drogenverkäufer bieten das im Einkauf günstige illegal produzierte Fentanyl an oder mixen ihr Heroin, Kokain oder gefälschte Schmerztabletten damit. Sie verdienen so mehr. Wissen die Konsumenten nichts davon, können sie nicht entsprechend dosieren und sterben. Die Zahl der Toten durch Fentanyl in den USA hat sich seit 2019 fast verdoppelt. Laufend aktualisierte Zahlen sind nicht öffentlich verfügbar. Geschätzt sterben etwa 196 US-Amerikaner täglich an Fentanyl.

Nachdem Donald Trump ins Weiße Haus gekommen war, breitete sich die Fentanyl-Krise in den USA aus. Die Mauer des Ex-Präsidenten, die Immigranten und nebenbei auch den Drogenschmuggel stoppen sollte, brachte keinen messbaren Erfolg. Die Substanzen gelangen weiterhin nach Norden. Auch Bidens Regierung hat kein schnell wirksames Gegenmittel gefunden. Aber wie kam es überhaupt dazu? Auch das hat die "Washington Post" detailliert aufgearbeitet.

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Beschlagnahmte Fentanyl-Pillen aus einer illegalen Drogenküche in Mexiko-Stadt.

(Foto: REUTERS)

Als Ex-Präsident Richard Nixon den Anti-Drogen-Krieg vor einem halben Jahrhundert ausrief, hatte es 6771 Überdosistote in einem Jahr gegeben, ein kleiner Bruchteil der heutigen Opfer. Die Drug Enforcement Agency (DEA), die unter Nixon 1973 gegründet wurde, sieht sich aktuell der größten Aufgabe ihrer bisherigen Existenz gegenüber. Manche nennen sie die derzeit größte Gefahr für die nationale Sicherheit.

Es war eine ganze Serie von Fehlentscheidungen, die laut US-Medien zur aktuellen Katastrophe geführt hat. Schon unter George W. Bush waren viele US-Amerikaner verschreibungspflichtigen Opioiden wie Oxycodon verfallen. Unter dessen Nachfolger Barack Obama wurden Beobachtungsprogramme gestrichen, der Präsident verbannte den Drogenbeauftragten - den sogenannten "Drogen-Zar" - aus seinem Kabinett. Als die Regierung gegen verschreibungspflichtige Opioide vorging, stieg der Konsum von Heroin, das als Ersatz diente.

Droge rollt ins Land

Das Heimatschutzministerium, das für die Grenzsicherheit zuständig ist, hat es zugleich nicht geschafft, den Schmuggel effektiv einzuschränken. Die Fentanyl-Labore befinden sich häufig in Mexiko. Von illegalen Laboren wird es als weißes Pulver hergestellt, im Norden des Nachbarlandes in Tablettenform gepresst und dann millionenfach über die Grenze in Zwischenlager in Los Angeles oder Phoenix gebracht, von wo es über das Land verteilt wird. Drogenkartelle mieten dort etwa Wohnungen an, von denen aus sie die Pillen verschicken.

All das geschieht, obwohl unter Trump Milliarden Dollar nach Süden flossen, um die dortigen Grenzanlagen auszubauen. Unter ihm blieb die Position des Drogen-Zaren monatelang unbesetzt, obwohl auch er die Dringlichkeit der Situation erkannt hatte. Dann ernannte er den Abgeordneten Tom Marino - der sich jedoch zurückzog, nachdem US-Medien festgestellt und veröffentlicht hatten, dass er an einem Gesetz beteiligt gewesen war, dass die Strafverfolgung von Drogenfabrikanten und -verkäufern durch die DEA erschwert hatte. Eine fortlaufend angepasste Anti-Drogen-Strategie präsentierte das Weiße Haus während Trumps Amtszeit nicht.

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Die Grenzanlagen haben keinen messbaren Effekt.

(Foto: REUTERS)

Doch er erklärte die Opioid-Krise im Oktober 2017 zum nationalen Gesundheitsnotstand. Dieser wird seither alle paar Monate verlängert. In den fünf vergangenen Jahren stieg die beschlagnahmte Fentanyl-Menge um das Neunfache. Trumps Mitarbeiter erklärten damals öffentlich, das meiste Fentanyl komme aus China. Da hatten Ermittler in San Diego bereits den deutlichen Eindruck, es käme von Kartellen aus Mexiko. Die DEA ignorierte das Thema in ihrem damaligen Jahresbericht nahezu.

Damals rollten täglich mehr als 228.000 Fahrzeuge aus Mexiko nach Norden. Die US-Grenzbehörde scannte etwa 6 Prozent der Lkw und 1 Prozent der Autos. Offenbar waren nicht wenige mit illegaler Fracht unterwegs. Im Jahr 2019 bewilligte der US-Kongress dann zusätzliches Geld, um den Überprüfungsanteil auf 70 Prozent der Lastwagen und 40 Prozent der Autos zu erhöhen; mit dreidimensionalen Scans und künstlicher Intelligenz. Doch noch immer werden die Bilder manuell von Mitarbeitern bewertet, was die Arbeit verlangsamt.

"So viel überflüssiger Tod"

Die Sicherheitsbehörden bezichtigen auch deshalb die Regierung in Washington, noch immer nicht genug zu tun, um die tödliche Gefahr einzudämmen. Ermittler reagieren häufig nur. Sie tragen dann Naloxon in Spritzen oder als Nasenspray bei sich, weil es als Gegenmittel hilft. Um Maßnahmen vorher einzuleiten, bräuchten die Behörden die entsprechenden Daten über Konsumenten, und zwar andere Angaben als Todesfälle und mehr als ein Jahr verzögert.

"Das ist wie eine Epidemie mit Friedhofsbesuchen zu beobachten", sagt dazu John Walters, der Drogenbeauftragte im Weißen Haus unter Ex-Präsident Bill Clinton und George W. Bush, der "Washington Post". Es werde weder gemessen, was ins Land gelangt, noch was die gesundheitlichen Effekte sind und mit welchen Mitteln sie abgefedert werden könnten.

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DEA-Chefin seit 2021: Anne Milgram

(Foto: REUTERS)

Bis 2013 gab ein Programm, das Festgenommene auf Drogenkonsum testete, es wurde aber unter Obama wegen Sparmaßnahmen eingestellt. Bereits zwei Jahre zuvor endete die Datensammlung über Drogenkonsumenten und solche mit Überdosen in Krankenhäusern und Notdiensten. Sie wurde 2018 wieder eingeführt. Im Bezirk San Diego, der die Stadt und viel Land an der Grenze umfasst, registrierten die Sonderermittler damals 92 Fentanyl-Tote in einem Jahr. 2021 waren es 814. "So viel überflüssiger Tod", sagte der ehemalige leitende Ermittler einer Sondereinheit dazu.

Nachdem Biden Präsident wurde, installierte er Anne Milgram als neue DEA-Chefin. Die Stelle war seit 2015 unbesetzt gewesen. "Das ist kein Krieg gegen Drogen, sondern ein Krieg, um Leben zu retten", sagte sie zur Fentanyl-Katastrophe. Unter Milgrams Führung versucht die DEA vorrangig, die Quellen des illegalen Fentanyls auszutrocknen, indem sie Geldflüsse und globale Versorgungsnetzwerke der beiden mächtigen Drogenkartelle Sinaloa und Jalisco Nueva Generación attackiert.

Das klingt ambitioniert. Doch selbst wenn dies teilweise Erfolg haben sollte, wird es dauern. Das Gesundheitsministerium versucht zugleich, mit seinen eigenen Mitteln gegenzusteuern. So ist es inzwischen einfacher für Süchtige, Methadon als Ersatzstoff zu bekommen. Und für das Gegenmittel Naloxon könnte bald die Verschreibungspflicht entfallen. Die Arzneimittelindustrie verdient an den legalen Opioiden, welche die Menschen abhängig machen, und am Gegenmittel danach ebenso. Dazwischen liegen viele Leichen. Die Schritte des Ministeriums sind also nur eine kleine, verzweifelte Notlösung. Zugleich ist sie ein Geständnis: Die Opioide haben die USA fest im Griff.

Quelle: ntv.de

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