Politik

Haiti noch immer in Trümmern Oppositionspolitiker: "Geld kam niemals an"

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Verlangt von den UN, dass sie mit Haiti besser zusammenarbeiten: Oppositionspolitiker Reginald Boulos.

Zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben liegt Haiti noch immer in Trümmern. Korruption und Kriminalität sind außer Kontrolle. Oppositionspolitiker Reginald Boulos saß in der Kommission für Wiederaufbau. Sein Vorwurf: Die Internationale Gemeinschaft habe im Land gemacht, was sie wollte.  

ntv: Herr Boulos, 10 Jahre nach dem Erdbeben - wie ist die Lage heute in Haiti?

Reginald Boulos: Ich würde sagen, sehr traurig. Denn ich glaube, wir haben in den vergangenen acht Jahren eine Chance verloren. Eine Chance, uns nach dem Erdbeben zu vereinen für Solidarität, für soziale Gerechtigkeit, für Wiederaufbau. Es gab überschwängliche Anteilnahme für Haiti in der Welt am Tag nach dem Beben. Doch ich denke, beide Seiten sind gescheitert.

Inwiefern?

Zunächst mal hat die internationale Gemeinschaft mit all ihren Reden niemals geliefert. Die Hilfe, die kam, wurde von der internationalen Gemeinschaft verteilt. Und wir selbst, würde ich sagen, wir haben es nicht geschafft, uns als Eigentümer dieses Landes zu behaupten. Es ist uns nicht gelungen, uns zu vereinen auf einem gemeinsamen Weg. Wir sind darin gescheitert zu zeigen, dass wir in Solidarität mit 250.000 Menschen, die an jenem Tag starben, und wahrscheinlich einer knappen Million, die schwere Schäden davon trugen, jenen Tag zum Anlass nehmen, Haitis Kurs zu ändern.

Aber geht es Haiti heute besser als vor dem Beben? 

Absolut nicht. Die Bevölkerung Haitis ist arm, es gibt mehr Gewalt, mehr Gangs im ganzen Land. Die nationale Polizei ist nicht in der Lage, die Ordnung wieder herzustellen, und wir haben eine korrupte Regierung. Der Präsident dieses Landes ist angeklagt worden wegen Unterschlagung von Geld. In jedem anderen Land der Erde wäre er am Tag darauf zurückgetreten. Aber er ist noch immer an der Macht. Ich glaube, wir alle kämpfen für soziale Gerechtigkeit, für Veränderung, aber wir sehen noch nicht das Ende des Tunnels.

Zwischen 10 und 12 Milliarden US-Dollar wurden Haiti von der internationalen Gemeinschaft nach dem Beben gegeben. Was ist mit diesem Geld geschehen?

Das ist eine Lüge, eine große Lüge. Ich glaube nicht, dass wir mehr als 20 Prozent dieses Geldes erhalten haben. Geld wurde versprochen, aber niemals ausgezahlt. Ich denke, das beste Beispiel dafür, das Sie sehen können, ist das Zentrale Krankenhaus. Ich lade Sie ein, es zu besuchen. Das Zentrale Krankenhaus sollte von Frankreich und den USA gebaut werden. Ein wenig Geld ist möglicherweise geflossen. Doch zehn Jahre später ist es noch immer nicht fertiggestellt. Das ist Schlamperei. Darum sage ich, dass das Geld niemals ankam. Und die Hilfe, die kam, wurde gemanagt von den Freunden Bill Clintons, in Haiti und außerhalb Haitis. Das Geld sollte von der Weltbank und den anderen Organisationen verteilt werden, es wurde nicht direkt an die Regierung Haitis gegeben, die das beantragt hatte. Wir sind dafür nicht verantwortlich.

Zehn Jahre später - was müsste jetzt getan werden?

Wir brauchen eine Veränderung in unserer Kultur. Wir haben eine Kultur der Korruption entwickelt. Schmuggel, Schwarzmarkt, keine Steuern zahlen, und was an Steuern gezahlt wird, das stiehlt die Regierung. Das muss sich heute verändern. Und ausnahmsweise muss die internationale Gemeinschaft hier aufhören, sich in unsere Dinge einzumischen.

Meinen Sie damit auch, dass all die internationalen Hilfsorganisationen das Land verlassen sollten? Leisten die NGOs denn Hilfe oder sind sie eher eine Last?

Zunächst müssen wir die Verfahren ändern. Und dann zu einigen größeren Organisationen sagen: Seid Ihr bereit, ein Teil dieser neuen Verfahren zu werden und nicht mehr einfach das zu tun, was ihr möchtet? Sie können in Regionen Haitis kommen, wo sie vier NGOs mit Gesundheitsstationen am selben Ort finden. Und in der nächsten Stadt gibt es überhaupt keine Gesundheitsstation. Mit Schulen ist es dasselbe Problem. Wir können keine NGO-Industrie sein. Haiti ist ein Land, wo NGOs mehr tun als die Regierung, aber unorganisiert und ohne Aufsicht. Jedes Jahr hört man von Fällen sexueller Gewalt oder von Betrügern, die ins Land kommen. Man dachte nur, sie kämen, um zu helfen. NGOs können kein Land entwickeln.

Mit Reginald Boulos sprach Nadja Kriewald.

Quelle: ntv.de