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Ende der Großfahndung in Boston Polizei fasst zweiten Verdächtigen lebend

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Patriotisch begeisterte Erleichterung: In Boston feiern Anwohner das Ende der Großfahndung.

(Foto: AP)

Aufatmen in den USA: Sicherheitskräfte nehmen den zweiten mutmaßlichen Attentäter des Boston-Marathons in Gewahrsam. "Die Jagd ist vorbei", teilt die Bostoner Polizei per Twitter mit. Schwer bewaffnete Polizisten stellen den dringend tatverdächtigen jungen Mann in einem Boot.

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Verzweifeltes Versteck unter der Plane eines Freizeitboots: Spezialkräfte des FBI umstellten den Garten.

(Foto: Reuters)

Nach einer dramatischen Großfahndung hat die Polizei den flüchtigen mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston lebend gefasst. Die Einsatzkräfte nahmen Dschochar Zarnajew am Freitagabend (Ortszeit) im Vorort Watertown in Gewahrsam. "Wir sind so dankbar, in diesem Fall für Gerechtigkeit gesorgt zu haben", sagte der Polizechef von Massachusetts, Timothy Alben, auf einer Pressekonferenz.

Nach Polizeiangaben hatte sich der 19-jährige Verdächtige in einem Boot im Garten eines Hauses versteckt, nachdem er in der Nacht zuvor bei einer Schießerei mit der Polizei verwundet wurde. Sein älterer Bruder Tamerlan war nach dem Schusswechsel seinen Verletzungen im Krankenhaus erlegen. Dschochar Zarnajew befinde sich in einem "ernsten Zustand", teilte ein Polizei-Sprecher auf einer Pressekonferenz mit. Er wurde ebenfalls in ein Krankenhaus gebracht.

Seine Festnahme sei einem Hausbesitzer zu verdanken, erklärte die Bostoner Polizei. Nach Aufhebung der Ausgangssperre im Großraum Boston habe der Anwohner im Vorort Watertown sein Boot inspizieren wollen, das auf seinem Grundstück abgestellt war.

Roboter entfernt die Plane

Der Mann entdeckte den Angaben zufolge Blutspuren auf der Abdeckplane des Bootes, hob diese hoch und entdeckte darunter einen blutbedeckten Körper. Geistesgegenwärtig habe er daraufhin den Polizeinotruf gewählt. Die Behörden hätten dann zunächst einen Hubschrauber mit einer Infrarot-Kamera zum Aufspüren von Wärmestrahlung eingesetzt und dadurch festgestellt, dass es sich bei der Person im Boot um einen lebendigen Menschen handele.

Danach seien dann Spezialeinsatzkräfte an den Ort geschickt worden. Sie hätten versucht, den Verdächtigen anzusprechen, aber er habe nicht reagiert. Der Verdächtige sei mehrfach aufgefordert worden, sich zu ergeben. Schließlich habe ein ferngesteuerter Roboterwagen die Plane abgezogen. Zarnajew soll daraufhin noch einmal das Feuer eröffnet haben.

Wie genau er dann in Gewahrsam genommen wurde, blieb allerdings zunächst unklar. Den Berichten verschiedener US-Medien zufolge soll er zwei Schussverletzungen nicht im Zuge seiner Festnahme, sondern bereits in der Nacht zum Freitag während des Schusswechsels mit der Polizei erlitten haben, bei dem sein älterer Bruder tödlich verwundet worden war.

Die beiden aus einer tschetschenischen Familie stammenden Brüder sollen am Montag einen Anschlag auf den Bostoner Marathon verübt haben. Im Zielbereich der Laufstrecke waren binnen weniger Sekunden zwei Bomben detoniert, die drei Menschen töteten und etwa 180 weitere verletzten.

Die Suche nach Dschochar Zarnajew hatte sich seit dem späten Donnerstagabend auf Watertown konzentriert. Nachdem die Polizei das Gebiet stundenlang ohne Ergebnis durchkämmt hatte, wurde die für Boston geltende Ausgangssperre am späten Freitagnachmittag wieder aufgehoben.

Ereignisse überschlagen sich

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: In Watertown waren Schüsse zu hören, Polizeiautos und Krankenwagen eilten heran, Hubschrauber kreisten über der Gegend. Der Polizei zufolge kamen die Ermittler dem Versteck in dem Boot durch den Hinweis eines Anwohners auf die Spur. Nach einem fast zwei Stunden dauernden Nervenspiel überredeten die Einsatzkräfte Zarnajew zur Aufgabe.

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"Wir haben ihn": Für die Sicherheitskräfte geht ein beispielloser Großeinsatz erfolgreich zu Ende.

(Foto: JOHN TAGGART REUTERS)

"GEFASST!!! Die Jagd ist vorbei. Der Terror ist vorbei", lautete die erste Mitteilung der Bostoner Polizei bei Twitter. Den Angaben zufolge wurde Dschochar Zarnajew mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, sein Gesundheitszustand sei "ernst".

Mit der Festnahme endete eine mehr als 24-stündige Großfahndung, die Boston zwischenzeitlich in eine Geisterstadt verwandelte und die Menschen in den USA in Atem hielt. Die Bundespolizei FBI war am Donnerstag mit Fahndungsbildern an die Öffentlichkeit gegangen, auf denen zwei verdächtige junge Männer mit Rucksäcken in der Nähe des Anschlagsorts zu sehen waren.

Auf ihrer Flucht versuchten die beiden mutmaßlichen Bombenleger in der Nacht zum Freitag, im nahe Boston gelegenen Cambridge ein Geschäft auszurauben. Dann fuhren sie nach Polizeiangaben zum ebenfalls in Cambridge gelegenen Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo ein Polizist durch Schüsse verletzt wurde und schließlich starb.

Anschließend überfiel das Duo offenbar den Fahrer eines Wagens und flüchtete mit der Geisel, die später entkommen konnte. Eine Verfolgungsjagd mit der Polizei in Watertown endete mit einem wilden Schusswechsel, US-Medien zufolge warfen die Brüder auch Sprengsätze aus dem Auto. Tamerlan Zarnajew wurde den Angaben zufolge dabei verletzt. Der Mann sei an mehreren Schusswunden und den Folgen einer Explosion schließlich gestorben, sagte ein Arzt aus der Klinik, in die der Verdächtige eingeliefert worden war. Sein jüngerer Bruder konnte der Polizei zunächst entkommen.

Obama lobt Polizeieinsatz

Nach der Festnahme des mutmaßlichen zweiten Bombenlegers von Boston hat sich die Polizei überaus erleichtert über den Ausgang der Terroristenjagd geäußert. "Leute, wir sind erschöpft, aber wir haben heute Nacht einen Sieg zu vermelden", sagte Timothy Alben von der Staatspolizei in Massachusetts auf einer Pressekonferenz am Freitagabend (Ortszeit). "Wir sind so dankbar, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird...Wir sind auf ewig dankbar für den Ausgang.."

Auch der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, zeigte sich erleichtert darüber, dass die Bürger von Boston jetzt wieder ruhig schlafen könnten. Patrick dankte den an der Fahndung beteiligten Behörden für ihren Großeinsatz - auch im Namen der Terroropfer.

US-Präsident Barack Obama hat die Polizei für die Festnahme des mutmaßlichen Bombenattentäters von Boston gelobt. Mit "Professionalität und Mut" sei den Ermittlern ein Fahndungserfolg gelungen, sagte Obama am Freitagabend (Ortszeit) in Washington. Dank der Bemühungen sei nun ein "wichtiges Kapitel" in dem Fall abgeschlossen. Obama pries auch die Einwohner der Stadt Boston, die mit "Entschlossenheit" auf die "bösartige Attacke" reagiert hätten.

Obama versprach, die Hintergründe der Tat vollständig aufzuklären. "Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studierte haben, zu einer derartigen Gewalt gegriffen?", fragte er. "Wie haben sie die Attacken geplant und ausgeführt? Und haben sie dabei Hilfe bekommen?" Die Familien der Getöteten und die Verwundeten verdienten Antworten, sagte der Präsident. "Ich habe das FBI, das Heimatschutzministerium und unsere Geheimdienste angewiesen, weiterhin alle notwendigen Mittel einzusetzen, um die Ermittlungen zu unterstützen."

Keine Verbindung zu Separatisten

Die mutmaßlichen Bombenleger stammen aus einer tschetschenischen Familie, die in den 1990er Jahren aus der zu Russland gehörenden Kaukasus-Republik geflüchtet sein soll. Nach einem Aufenthalt in Zentralasien soll die Familie dann vor einigen Jahren in die USA gezogen sein. Ein im Bundesstaat Maryland lebender Onkel der Verdächtigen bestätigte die Herkunft.

Die beiden Männer sollen legal in den USA gelebt haben. Wann genau sie einwanderten, blieb unklar. Ein Motiv für den blutigen Anschlag beim Boston-Marathon, bei dem am Montag drei Menschen getötet und 180 verletzt wurden, wurde zunächst nicht genannt. In Sicherheitskreisen tendiere man zu der Annahme, dass das Attentat auf den Boston-Marathon einen islamistischen Hintergrund habe, sagte ein Vertreter der Nationalen Sicherheitsbehörde in Washington. Die Brüder hätten "militärische Erfahrung", meldete der Sender NBC. Laut Reuters hatte der flüchtige Verdächtige im Internet Links zu islamistischen Websites und zu Seiten mit Aufrufen für die Unabhängigkeit der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien gesetzt.

US-Außenminister John Kerry wies Spekulationen über eine Verbindung der beiden mutmaßlichen Bombenleger zu tschetschenischen  Separatisten zurück. Auch Tschetschenien dementierte dies. "Die Personen, die in Boston des Verbrechens beschuldigt werden, haben zu Tschetschenien keinerlei Beziehungen", sagte Alwi Karimow, der Sprecher von Republikchef Ramsan Kadyrow, der Agentur Interfax. Die Brüder hätten im Kindesalter die Konfliktregion verlassen. Die Familie soll danach in Kasachstan gelebt haben, von wo sie in die USA ausgewandert sei.

Ein Onkel der beiden Verdächtigen bestätigte die Herkunft. "Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass die Kinder meines Bruders damit in Verbindung stehen", sagte der im US-Bundesstaat Maryland lebende Ruslan Tsarni. Er betonte, er habe schon seit Jahren keinen Kontakt zu den Brüdern gehabt.

Gedenken beim London Marathon

Am Donnerstagabend hatte die Polizei erstmals Fotos der Verdächtigen veröffentlicht, die kurz vor dem Terroranschlag am Montag am Tatort aufgenommen worden waren. Sie zeigen zwei junge Männer mit Rücksäcken, in denen sie vermutlich den Sprengstoff transportierten. Eine der verwendeten Bomben bestand aus einem Schnellkochtopf, der mit einem Zünder versehen war und neben Schwarzpulver auch Nägel und Metallteile enthielt. Ob auch die zweite Bombe aus einem Schnellkochtopf gebaut war, war noch unklar.

Von den Verletzten des Anschlags befand sich niemand mehr im kritischen Zustand. Aus den Krankenhäusern der Stadt verlautete, von den Schwerverletzten würden wohl alle überleben. Die Genesung könne aber Jahre dauern.

US-Präsident Barack Obama hatte am Donnerstag bei einem Trauergottesdienst in der Kathedrale von Boston die Amerikaner aufgerufen, dem Terror zu trotzen. "Die Bombe kann uns nicht besiegen. Wir machen weiter", sagte er. Zugleich machte Obama klar, dass der Staat mit aller Härte reagieren und die Verantwortlichen vor den Richter bringen werde. "Wir werden Euch finden. Wir werden Euch zur Rechenschaft ziehen."

Im Gedenken an die Opfer von Boston sollen die Teilnehmer des London-Marathons an diesem Sonntag schwarze Armbinden tragen. Außerdem werde man vor Beginn des Laufs eine Schweigeminute einlegen, sagte die britische Ministerin für Kultur, Medien und Sport Maria Miller. Auch in Hamburg findet an diesem Sonntag ein Marathon statt. 

Quelle: ntv.de, mli/AFP/rts/dpa