Politik

"Grober Unfug" Protest gegen klassenlosen Nahverkehr

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Nur gut sechs Prozent der Bahn-Plätze im Nahverkehr sind in der 1. Klasse verordnet.

(Foto: imago images / Rüdiger Wölk)

Linke-Chef Riexinger plädiert für ein Ende der Premiumplätze in Regios. So gäbe es mehr Platz für alle. Tatsächlich aber wäre der Effekt gering, sagt die Bahn. Und auch Lobbyverbände können dem Vorschlag nichts abgewinnen.

Schneller ist sie nicht, aber angenehmer: Mit der 1. Klasse im Regio kommen Pendler meist entspannter ins Büro. Doch sie sind Linke-Chef Bernd Riexinger ein Dorn im Auge, und er will sie im Nahverkehr abschaffen. "Dann hätten wir auf einen Schlag mehr Kapazität für alle - und zwar praktisch gratis." Der Widerspruch folgte prompt. "Sozialistische Gleichmacherei", sieht der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Enak Ferlemann. "Grober Unfug", kommentierte der Fahrgastverband Pro Bahn und der Verband deutscher Verkehrsunternehmen schloss sich an. Die Bahn selbst machte deutlich, dass es nicht viel bringen würde, die privilegierten Plätze auszubauen.

Tatsächlich aber gibt es gar nicht mehr so viele 1.-Klasse-Plätze wie früher. Bei der S-Bahn sind sie außer in Frankfurt am Main und Stuttgart Geschichte. Und in Regionalzügen sind ganze Wagen für die besseren Plätze - wie von Riexinger beschrieben - äußerst selten. Vielmehr sind es meist kleinere Bereiche oder einzelne Etagen in Doppelstockwagen. Laut Deutsche Bahn - die immerhin rund zwei von drei Regionalzügen auf deutschen Gleisen betreibt - sind 6,5 Prozent ihrer rund eine Million Sitzplätze noch der 1. Klasse vorbehalten. Demnach kommen auf 100 Plätze sechseinhalb im Premiumbereich. "Der Anteil der 1.-Klasse-Kapazitäten ist über die Jahre zurückgegangen, allerdings wird dieses Angebot weiterhin in vielen Regionen nachgefragt", sagte ein Sprecher.

Fahrgastverband: Lieber längere Züge

Die Bahn geht davon aus, dass ein Ende der 1. Klasse nur "sehr geringfügig" mehr Plätze bringen würde. "Wenn ich mehr Platz schaffen will, brauche ich längere Züge", sagte der Ehrenvorsitzende des Verbands Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. Die 1. Klasse aber müsse bleiben. Gerade auf längeren Strecken und im Berufsverkehr schätzten Fahrgäste die Aussicht auf freie Sitzplätze und ruhiges Arbeiten.

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Alle gleich im Nachverkehr - so wünscht es sich der Linke-Chef.

(Foto: imago images / Olaf Döring)

Fahre in einem Zug mal ein Wagen mit weniger 1.-Klasse-Plätzen als vorgesehen, gingen sofort Kundenbeschwerden ein, sagte ein Sprecher des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg. Der Verbund bestellt im Auftrag der Länder, Landkreise und Städte Verkehrsleistungen für die Region. So ist es bundesweit: Eisenbahnunternehmen statten ihre Züge so aus, wie es die öffentlichen Auftraggeber der Region möchten.

Anders ist es im Fernverkehr mit ICE und Intercity, die die Bahn auf eigene Rechnung betreibt. Dort ist die 1. Klasse fester Bestandteil der Züge. Mit Gratis-Zeitungen, Bedienung am Platz, unbegrenztem WLAN im ICE und Zugang zu exklusiven Wartebereichen (Lounge) am Bahnhof. Das soll helfen, Geschäftsreisende aus dem Flieger in den Zug zu locken - so wie es auch das Ziel ist, autofahrenden Pendlern mit guten Regionalzügen das Bahnfahren schmackhaft zu machen.

Riexinger reist 1. Klasse

Bei der Buchung für ICE und Intercity macht die Bahn ihren 2.-Klasse-Kunden inzwischen die besseren Plätze schmackhaft. So bietet sie etwa für schwach ausgelastete Züge zu relativ geringen Aufpreisen 1.-Klasse-Plätze an. Das soll den Verdienst pro Kunde steigern. Bahnbeauftragter Ferlemann sieht es so: "Wenn jemand für breitere Sitze und mehr Platz bezahlen will, so soll man das Reisen doch so ermöglichen."

Ähnlich äußert sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: "Wenn es genug Menschen gibt, die gerne auf diese Art und Weise fahren wollen, dann soll es auch ein entsprechendes Angebot geben", sagt der SPD-Politiker. "Und wenn die Kunden 2. Klasse fahren wollen, dann muss es genügend Züge und Waggons geben für die 2. Klasse."

Riexinger selbst erhält als Bundestagsabgeordneter eine Bahncard 100 für die 1. Klasse. Seither reist er auch 1. Klasse, wie er auf Nachfrage erklärte. "Gerade wenn die zweite Klasse überfüllt ist, ergibt es ja wenig Sinn, wenn ich dann noch einen weiteren Platz belege."

Quelle: n-tv.de, jwu/dpa

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