Politik

Wirre Vorwürfe auf Hotlines QAnon-Anhänger lähmen US-Kinderschutz

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Die QAnon-Verschwörungsgläubigen unterstützen mehrheitlich den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump, wie dieser Teilnehmer einer Pro-Trump-Demonstration in Arizona.

(Foto: imago images/Agencia EFE)

Verschwörungsideologen der QAnon-Bewegung wittern überall Kindesmissbrauch. Mit kruden Verdächtigungen behindern sie jedoch diejenigen, die sich tatsächlich für Missbrauchsopfer einsetzen: Kinderhilfswerke. Die setzen sich inzwischen zur Wehr.

US-Kinderschutzorganisationen schlagen Alarm. Ausgerechnet im Pandemiejahr, in dem Kontaktbeschränkungen in vielen Bundesstaaten Familien zusetzen und Kinder in Gefahr geraten, lähmt ein zweites Problem massiv die Arbeit der Helfenden: QAnon. Was die Anhänger dieser Bewegung eint, klingt zu durchgeknallt, um es ernst zu nehmen: Es ist die Überzeugung, dass in den USA ein bösartiges Netzwerk von demokratischen Politikern und Prominenten Kinder entführt und in unterirdischen Gewölben gefangen hält, um sich mit ihrem Blut selbst jugendlich zu halten. Auch dass Kinder gegessen werden, wird behauptet.

Dass man Menschen, die derlei Irrsinn glauben und verbreiten, dennoch ernst nehmen muss, liegt an dem Schaden, den die QAnon-Anhänger damit anrichten. Ganz konkreten Schaden im Fall der Kinderhilfe: Ihre Notfall-Hotlines werden von Anrufern besetzt, die in ihrem Verschwörungswahn Nachbarn oder Bekannte denunzieren wollen. Und das in einer Masse, die nun die Organisation Childhelp dazu zwang, ihrer Hotline einen Anrufbeantworter vorzuschalten. Childhelp war in einem Meme von QAnon im Internet erwähnt worden. Das hatte die Flut von Beschuldigungen gestartet.

Ist der Mensch, der die Hotline für Notfälle bedient, jedoch damit beschäftigt, "mit jemandem eine widerlegte Verschwörungstheorie zu diskutieren, dann hängt vielleicht ein Kind währenddessen in der Warteschleife", sagte die Sprecherin von Childhelp, Daphne Young, dem US-Nachrichtensender CNN. Gerade zu Pandemiezeiten wollen Hilfsorganisationen misshandelten Kindern zu jeder Zeit Schutz bieten. Denn wenn wegen der Corona-Gefahr Schulen geschlossen bleiben, müssen Täter noch weniger die Aufdeckung ihres Verbrechens fürchten.

Neben der rein praktischen Behinderung durch eine besetzte Hotline kämpfen die Kinderschützer auch mit Schaden auf der Ebene der Wahrnehmung, dem sogenannten "Crying Wolf"-Phänomen. Die Fabel vom Schäferjungen, der immer wieder zum Scherz vor einem Wolf warnt und dem, als schließlich wirklich ein Wolf erscheint, niemand mehr glaubt, beschreibt das Problem, das entsteht, wenn zu viele haltlose Anschuldigungen über Kindesmissbrauch in der Gesellschaft kursieren. Werde ständig der absurde Vorwurf erhoben, dass "jeder in Hollywood Teil dieser riesigen, Kinderblut trinkenden Clique ist", dann überdecke "dieser Schwachsinn ein Kind, das um Hilfe bittet, ein Elternteil, das Unterstützung braucht", sagt Daphne Young.

Hat der Typ doch nichts getan?

Die Flut falscher Anschuldigungen gibt Kinderschändern nach Einschätzung Youngs sogar einen gewissen Schutz. Wenn ständig zu Unrecht Menschen beschuldigt werden, "dann hat vielleicht der Typ am Ende der Straße auch nichts getan"? So können auch Behörden misstrauischer werden gegenüber begründeten Missbrauchsvorwürfen.

Selbst große globale Organisationen wie Save the Children geraten durch die Masse an Verschwörungsgläubigen in Bedrängnis. Ihr Hashtag #savethechildren, mit dem die NGO Spenden sammelt, wurde von QAnon-Gläubigen gekapert, um darunter ihre realitätsfernen Theorien zu verbreiten. US-Präsident Donald Trump sehen sie auf ihrer Seite, und wenn das Weiße Haus - wie im Sommer geschehen - 35 Millionen US-Dollar zur Unterstützung von Missbrauchsopfern freigibt, dann ist das aus Sicht der QAnon-Bewegung ein Beweis dafür, dass es das Kinderschänder-Netzwerk tatsächlich gibt.

In den Social-Media-Kanälen tauchen Namen wie die Clintons, Tom Hanks oder Papst Franziskus als führende Mitglieder der von QAnon als "satanisch" eingeschätzten Gruppe auf. Als der Schauspieler Hanks im Sommer die griechische Staatsbürgerschaft erhielt, wurde im Netz das Gerücht verbreitet, er sei griechischer Staatsbürger geworden, weil dort Pädophilie als Behinderung gelte. Eine Behauptung, die Medien wie die Zeitung USA Today als falsch entlarvten. Doch Faktenchecks interessieren Verschwörungstheoretiker kaum.

Die Absurdität der Vorwürfe könnte zum Lachen reizen, wenn die Bewegung sich nicht mit solcher Macht in die öffentliche Meinung drängen würde. Und das bei einem Bereich, in dem Vorwürfe tatsächlich häufig absurd erscheinen, sich später jedoch als wahr herausstellen. Wer in Deutschland hätte einer bloßen Behauptung geglaubt, dass von einem Wohnwagen in Bergisch-Gladbach aus ein Netzwerk von Pädophilen mit kinderpornographischem Material beliefert wurde, mit Filmen, die zum Teil die Eltern der Kinder zur Verfügung stellten? Auch das würde unglaubhaft klingen, hätte die Polizei nicht inzwischen zehn Terrabyte Beweismaterial sichergestellt.

Für uns oder für Kinderhandel?

Eben dieses Spannungsfeld ist es, was QAnon so attraktiv mache, sagt Marc-André Argentino, der an der Universität von Concordia die Präsenz der Bewegung in sozialen Medien untersucht. "Jeder stimmt zu, dass Kinderhandel furchtbar ist", erläuterte Argentino der "New York Times". Das Argument, das QAnon daraus mache, sei: "Wenn Sie dagegen sind, dass wir darüber reden, dann sind Sie für Kinderhandel." Indem sich QAnon an namhafte Organisationen anhängt, verleiht es seinen abstrusen Vorwürfen Glaubwürdigkeit und generiert enorme Verbreitung.

In einem offenen Brief wehrten sich im Oktober mehr als 100 Kinderschutzorganisationen gegen die Vereinnahmung ihres realen Kampfes gegen Kindesmissbrauch durch die QAnon-Sektierer. Sie riefen dazu auf, die wahren Nöte der Opfer zu bekämpfen, anstatt "politisch motivierte und hochgradig gefährliche Erzählungen" in die Welt zu setzen, die jenen schaden würden, "für die sie angeblich eintreten: Opfer, Überlebende, Kinder, Familien und gefährdete Gemeinden". Die Stiftung KidSafe warnt im Internet vor "Parasiten", die den guten Namen von Organisationen rauben, die den wirklichen Kampf gegen Missbrauch anführen.

Weniger dramatisch sieht der scheidende Präsident Trump das Problem. Im Interview mit dem US-Nachrichtensender NBC stellte er im Oktober fest, dass QAnon "sehr stark gegen Pädophilie" sei. Und mit dieser Empfindung stimme er überein. Für Verschwörungsgläubige war das ein weiteres Signal, dass er an ihrer Seite steht.

Quelle: ntv.de, fni