Wettlauf gegen Irans GeschosseRaketenabwehr der Golfstaaten unter Druck

Die Golfstaaten geraten im Iran-Krieg ins Visier iranischer Raketen. Bisher hält ihre Abwehr dem starken Beschuss stand. Sollte der Iran in dieser Intensität fortfahren, steht ihre Verteidigung jedoch vor ernsthaften Schwierigkeiten.
Die vom Iran angegriffenen Golfstaaten haben es bisher geschafft, die Schäden durch Hunderte von Drohnen und Raketen durch den Einsatz hochentwickelter US-Luftabwehrsysteme zu begrenzen. Mit kostspieligen Abfangraketen und Radarsystemen, die in das US-Militär integriert sind, verfügen die ölreichen arabischen Monarchien trotz ihrer kleinen Bevölkerungen und Armeen über einige der modernsten Luftverteidigungen weltweit. Eine entscheidende Variable in diesem Krieg ist jedoch, ob diesen Monarchien die Abfangraketen ausgehen, bevor das iranische Regime keine Geschosse mehr hat. Bei der derzeitigen Verbrauchsrate könnte dies sehr bald der Fall sein.
"Die Intensität des Verbrauchs an Abfangraketen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, kann nicht länger als eine weitere Woche aufrechterhalten werden - wahrscheinlich höchstens ein paar Tage", meint Fabian Hoffmann, Raketenexperte an der Universität Oslo.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Geschwindigkeit, mit der Israel und die USA die iranischen Startrampen sowie Raketen- und Drohnenvorräte zerstören können. Allein die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) teilten mit, dass sie bis Montagabend innerhalb von drei Tagen Ziel von 174 ballistischen Raketen, acht Marschflugkörpern und 689 Drohnen gewesen seien. Dabei habe keine Rakete eingeschlagen und lediglich 44 Drohnen hätten ihr Ziel erreicht.
Auch Bahrain, Kuwait und Katar gerieten unter schweren Beschuss. Bahrain meldete 70 ballistische Raketen. Am Montag wurden unter anderem die US-Botschaft in Kuwait sowie ein wichtiges Kraftwerk und die zentrale Flüssigerdgas-Anlage in Katar von iranischen Drohnen getroffen.
Iran besitzt über 2000 Raketen
Normalerweise werden zwei oder drei Abfangraketen (etwa für die Patriot- oder THAAD-Systeme) benötigt, um eine ballistische Rakete abzuschießen. Westliche Offizielle schätzten, dass der Iran zu Beginn dieser Kampfrunde über weit mehr als 2000 Raketen verfügte, die die Golfstaaten erreichen können. Während die genaue Anzahl der in der Region stationierten Abfangraketen geheim ist, kalkulierte Hoffmann aus offenen Quellen, dass die VAE weniger als 1000 bestellt haben, Kuwait etwa 500 und Bahrain weniger als 100.
Die VAE wiesen Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit ihrer Bestände zurück. Das Außenministerium erklärte, das Land verfüge über robuste strategische Munitionsvorräte, die eine dauerhafte Abwehr über längere Zeiträume gewährleisteten. Auch Katar betonte, dass sein Bestand an Patriot-Abfangraketen nicht erschöpft sei.
Die Golfstaaten werden zusätzlich durch das US-Militär verteidigt. Doch auch das Pentagon verzeichnet schwindende Vorräte an Patriot-Raketen, da die ukrainische Luftverteidigung in den vergangenen vier Kriegsjahren einen Großteil der westlichen Bestände verbraucht hat. Lockheed Martin produzierte im vergangenen Jahr 620 PAC-3 MSE Patriot-Abfangraketen und plant, die Produktion innerhalb von sieben Jahren auf 2000 jährlich zu steigern. Jede Rakete kostet Millionen von Dollar.
"Änderung der Taktik"
Im Gegensatz zur Ukraine haben die Golfstaaten ihre Patriots bisher auch zum Abschuss von iranischen Shahed-Drohnen verwendet, die nur einen Bruchteil der Kosten einer Rakete verursachen. Dieser Ansatz sei nicht mehr lange tragbar, warnen Militäranalysten. "Wir werden eine Änderung der Taktik erleben", meint Becca Wasser vom Center for a New American Security. "Man wird die Abfangraketen nur noch gegen Ziele mit höchstem Wert einsetzen, also ballistische Raketen." Dies bedeute jedoch, das Risiko zu akzeptieren, dass einige Drohnen durchkommen, was verheerende Auswirkungen auf die Stabilität und den Tourismus der Golfstaaten haben könnte.
Ein besonderes Problem für die Golfstaaten ist die geografische Nähe: Während Drohnen nach Israel mehrere Stunden fliegen und somit leichter abzufangen sind, beträgt die Flugzeit zu einigen Zielen am Golf oft nur wenige Minuten. Drohnen haben bereits Hotels, Flughäfen und den Hafen Jebel Ali in den VAE sowie Ölraffinerien in Saudi-Arabien und Katar getroffen.
Experten kritisieren zudem, dass die USA und die Golfstaaten - anders als die Ukraine - kein mehrschichtiges Luftverteidigungssystem mit spezialisierten, kostengünstigen Anti-Drohnen-Teams (etwa mit Maschinengewehren) entwickelt haben. "Es ist schmerzhaft zu sehen, dass diese Punktverteidigung an unseren Militärstützpunkten fehlt", meint Dara Massicot vom Carnegie Endowment for International Peace.