Politik

Rund eine Million unter Waffen Ukraine plant Großoffensive im Süden

Die ukrainische Führung rät Zivilisten im besetzten Süden des Landes zur Flucht. Damit die Menschen im Zuge einer bevorstehenden Offensive zur Rückeroberung besetzter Gebiete nicht gefährdet werden, sollen Einwohner von Cherson und Saporischschja ihre Häuser verlassen - notfalls auch in Richtung der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim.

Die ukrainische Führung hat nach Darstellung des Verteidigungsministeriums mittlerweile etwa eine Million Männer und Frauen unter Waffen und will nun die von Russland besetzten Gebiete im Süden des Landes zurückerobern. Der britischen Zeitung "The Sunday Times" sagte Verteidigungsminister Olexij Resnikow, Präsident Wolodymyr Selenskyj habe dem Militär bereits die Order gegeben, die Küstengebiete mithilfe westlicher Waffen zurückzugewinnen. "Die Ukraine hatte aus der Sowjet-Ära bewaffnete Streitkräfte mit 30 Jahre alten Waffen", sagte Resnikow. "Das haben wir innerhalb von drei Monaten geändert." Resnikow zufolge umfasst das ukrainische Heer mittlerweile 700.000 Soldaten. Rechne man die Nationalgarde, die Polizei und die Grenzpolizei hinzu, käme man auf eine Armeegröße von einer Million Mann. Wie viele davon sich an der Offensive beteiligen sollen, sagte er nicht.

Tausende Zivilisten im besetzten Süden des Landes wurden wegen der geplanten Armee-Offensive zur Flucht aufgerufen. Einwohner der Gebiete Cherson und Saporischschja sollten dringend ihre Häuser verlassen - notfalls auch in Richtung der bereits seit 2014 von Russland annektieren Schwarzmeer-Halbinsel Krim, sagte Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk. Das sei notwendig, damit die Menschen im Zuge des bevorstehenden Rückeroberungsversuchs nicht gefährdet würden.

Insbesondere die Küstengebiete seien für die ukrainische Wirtschaft von großer Bedeutung, sagte Resnikow weiter. Selenskyj hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach betont, dass sein Land sich von Russland kontrollierte Regionen zurückholen wolle. Die Chancen, dass es der Ukraine gelingt, den Süden zurückzuerobern, schätzt Militärexperte Ralph Thiele im ntv-Interview dennoch nicht besonders groß ein. "Russland hat etwa tausend Artilleriegeschütze mehr als die Ukraine", so Thiele. "Damit verfeuern sie etwa 20.000 Granaten und die Ukraine etwa 6000 pro Tag."

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Präsident Selenskyj hat dem Militär befohlen, mithilfe westlicher Waffen besetztes Gebiet im Süden zurückzugewinnen.

(Foto: picture alliance / AA)

Resnikow zeigte sich im Interview zwar zufrieden mit der militärischen Hilfe der NATO-Partner, drängte aber auch zur Lieferung weiterer Waffen. "Wir brauchen mehr, schnell, damit wir das Leben unserer Soldaten retten können", so der Minister. "An jedem Tag, an dem wir auf Haubitzen warten, könnten wir einhundert Soldaten verlieren." Der Westen würde vor allem deshalb Waffen an die Ukraine liefern, weil das Land bewiesen habe, dass es kämpfen kann. Mann habe zu Beginn des Krieges einerseits die Entschlossenheit der Ukrainer unterschätzt, ihr Land zu verteidigen, und andererseits die Stärke der russischen Armee überschätzt.

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"Nach acht Jahren des hybriden Krieges haben wir inzwischen mehr als 400.000 Veteranen und deren Verwandte in verschiedenen Teilen der Welt", so Resnikow weiter. "Arbeiter von Polen bis Portugal haben sich entschieden, in die Ukraine zurückzukehren, um ihre Heimat zu verteidigen."

Dass sich die ukrainischen Streitkräfte aus Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zurückgezogen haben, will Resnikow nicht als strategischen Sieg Russlands werten. Es sei vielmehr ein taktischer Rückzug gewesen, "um Leben zu retten", sagte Resnikow. Die demokratische Welt sei geeint in dem Willen, Russland zu besiegen. Der Krieg in der Ukraine werde das Ende des russischen Reichs besiegeln.

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 10. Juli 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de, jki/jug/dpa

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