Politik

"Putin ist ein Narr" Russische Soldaten erzählen in Telefonaten von Butscha

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Anfang April verließen die russischen Streitkräfte den Kiewer Vorort Butscha. Der Weltöffentlichkeit bot sich ein Bild des Grauens.

(Foto: picture alliance / The Presidential Office of Ukrai)

Der Angriff auf Kiew im März läuft für Russland nicht wie geplant. Die "New York Times" veröffentlicht nun abgehörte Telefonate von russischen Soldaten aus dieser Zeit. Die Mitschnitte zeugen nicht nur von Plünderungen und der Gewalt gegen Zivilisten, sie dokumentieren auch die Frustration innerhalb der Truppe.

Die ukrainische Regierung hat laut der "New York Times" in den ersten Kriegswochen Tausende Telefonate von russischen Soldaten mit Verwandten und Freunden aufgezeichnet, die den Krieg in der Ukraine scharf kritisieren. Die Zeitung veröffentlichte zahlreiche Mitschnitte, die unter anderem aus dem Kiewer Vorort Butscha stammen sollen, wo russische Truppen Hunderte Zivilisten töteten. Die Aufzeichnungen seien der Zeitung zufolge verifiziert: Reporter hätten die russischen Telefonnummern mit Messaging-Apps und Profilen in sozialen Netzwerken abgeglichen haben.

Einer der Soldaten schilderte demnach, wie er in Butscha "zum Mörder wurde": "Uns wurde befohlen, jeden zu töten, den wir sehen." Seine Einheit habe drei Männer erschossen, die an einem russischen Lager vorbeigelaufen seien. Man habe so die Position der Truppen geheim halten wollen. Wenige Tage später habe er in einem weiteren Telefonat von einem "Meer von Leichen" erzählt. "Ich habe noch nie so viele Leichen in meinem verdammten Leben gesehen. Es ist komplett verrückt. Man kann nicht sehen, wo es aufhört."

Die Aufzeichnungen dokumentieren der "New York Times" zufolge auch die Frustration der russischen Truppen während der Invasion. "Putin ist ein Narr. Er will Kiew einnehmen. Aber es ist unmöglich, das zu tun", sagte demnach ein Soldat. Das Equipment der Truppen sei mangelhaft: Alles sei "uralt", einige Männer hätten die Ausrüstung getöteter ukrainischer Soldaten geplündert, weil diese "besser" sei, heißt es in weiteren Mitschnitten. Ein Soldat habe zudem berichtet, dass seine Einheit von den eigenen Truppen beschossen worden sei, weil man sie für Ukrainer gehalten habe. Mehrere Männer erzählten, dass ihre Regimenter drastisch reduziert wurden: "Es gab 400 Fallschirmjäger. Und nur 38 von ihnen haben überlebt. Weil unsere Kommandeure Soldaten zur Schlachtbank geschickt haben."

"Wir wurden hereingelegt wie Kinder"

Verschiedene Männer gaben laut der "New York Times" an, nicht gewusst zu haben, was sie in der Ukraine erwarten würde. "Niemand hat uns gesagt, dass wir in den Krieg ziehen. Sie haben uns einen Tag vor dem Abzug gewarnt", erzählte einer der Soldaten seiner Mutter. Viele seien davon ausgegangen, dass es sich bei dem Einsatz um eine Militärübung handele, doch "wir wurden hereingelegt wie Kinder", kritisierte ein anderer. "Im Fernsehen wollen sie die Menschen täuschen", ist demnach in einem weiteren Mitschnitt zu hören. "Sie sagen: 'Alles ist in Ordnung, das ist kein Krieg, nur ein Spezialeinsatz.' Aber in Wahrheit ist ein echter verdammter Krieg."

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Die Soldaten berichteten zudem von Plünderungen in ukrainischen Ortschaften. "Der ganze Alkohol wurde getrunken. Und das Bargeld wurde geplündert. Das tut hier jeder", heißt es in einer Aufnahme. "Was für einen Fernseher willst du haben? LG oder Samsung?", fragte ein Soldat im Telefonat mit seiner Freundin.

Ein Soldat erzählte in den veröffentlichten Aufnahmen der Zeitung, dass ein großer Teil der Truppen bereits am Krieg zu zweifeln beginne. "Wir haben hier keinen einzigen Faschisten gesehen", erzählte er seiner Mutter. Der Krieg sei auf falschen Annahmen begründet, niemand brauche ihn. "Wir kamen hierher und die Leute leben ein ganz normales Leben." Alle würden das gleichen denken: "Dieser Krieg war nicht nötig."

Quelle: ntv.de, mbu

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