Politik

Von der Tankstelle ins BrotregalRusslands Versorgungskrise weitet sich aus

06.07.2026, 20:05 Uhr Artur WeigandtVon Artur Weigandt
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Getreidefeld in der Region Rostow Mitte Juni. Das Problem: Landwirtschaftliche Fahrzeuge benötigen Diesel. (Foto: picture alliance / TASS)

Während Moskau die Lage beschönigt, gerät die Getreideernte ins Stocken. Wetter, ukrainische Angriffe auf Raffinerien und akuter Treibstoffmangel belasten Landwirtschaft und Logistik. Erste Warnungen vor Engpässen bei Lebensmitteln werden laut.

Das russische Landwirtschaftsministerium und Vize-Regierungschef Alexander Nowak sprechen davon, dass die Versorgungslage stabil sei. Aber: Russlands Getreideernte kommt in diesem Sommer nur schleppend voran. Nach Angaben des Instituts für Agrarmarktstudien (IKAR) und der Analysefirma Rusagrotrans waren bis zum 1. Juli erst 1,3 bis 1,5 Millionen Hektar gedroschen - etwa 3 Prozent der geplanten Fläche und rund ein Drittel dessen, was zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bereits eingefahren war. Die Ernte liegt damit ein bis zwei Wochen hinter dem üblichen Zeitplan.

Anders als oft dargestellt, ist die Ursache nicht allein der Diesel-Mangel: Sowohl IKAR-Chef Dmitry Rylko als auch das Landwirtschaftsministerium selbst führen die Verzögerung auf Wetterprobleme zurück - erst ungewöhnliche Kälte, dann heftige Regenfälle in wichtigen Anbaugebieten. Der Treibstoffmangel kommt jedoch als zusätzlicher, verschärfender Belastungsfaktor hinzu.

Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien legen seit Monaten Kapazitäten lahm. Mehr als die Hälfte der 83 russischen Regionen hat inzwischen Beschränkungen beim Kraftstoffverkauf eingeführt, in mindestens 22 bis 26 Regionen gelten verpflichtende staatliche Rationierungen - von Kaliningrad im Westen bis Wladiwostok im Osten. Ein Bewohner der Großstadt Irkutsk in der Nähe zur Mongolei berichtet, er habe zwölfeinhalb Stunden angestanden, um gerade einmal 15 Liter Benzin zu bekommen; der Gouverneur der Region rief wegen der Lage den Ausnahmezustand aus.

Abgeordnete wirft Regierung vor, Mangel zu verschleiern

Aus Belgorod nahe der ukrainischen Grenze schildert ein Anwohner eine 30 Fahrzeuge lange Schlange vor einer Tankstelle, aus Ufa in der Mitte Russlands werden mehrere komplett geschlossene Filialen großer Ketten gemeldet. Solche Berichte häufen sich in unabhängigen russischen Medien wie Meduza, iStories und der "Nowaja Gaseta" quer durchs Land, von Sibirien bis zur Schwarzmeerküste.

Der Treibstoffmangel bleibt dabei nicht auf Privatfahrer und landwirtschaftliche Betriebe beschränkt - er greift zunehmend auf die gesamte Lebensmittelversorgungskette über. Nach Angaben des russischen Marktforschungsunternehmens INFOLine zeigen sich in einzelnen Regionen bereits erste Anzeichen von Engpässen bei sozial wichtigen, verderblichen Waren wie Fleisch, Milch und Eiern. Hersteller von Lebensmitteln warnen dem Bericht zufolge Handelsketten inzwischen vor Lieferverzögerungen, weil Lkw-Fahrer wegen des Dieselmangels und der Rationierungen nicht wie gewohnt disponieren können.

Auch Speditionen und Fernfahrer melden Ausfälle und Verdienstausfälle, weil Wartezeiten an Tankstellen ganze Arbeitstage auffressen. Da die Endverbraucherpreise stark von den Transportkosten abhängen, könnte sich die Krise mittelfristig auch in den Supermarktregalen und auf den Preisschildern bemerkbar machen - über Brot hinaus.

Selbst aus der Politik kommt inzwischen offene Kritik. Die kommunistische Abgeordnete Nina Ostanina, Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Familienschutz, warf der Regierung am vergangenen Donnerstag in ihrem Telegram-Kanal vor, das wahre Ausmaß der Treibstoffkrise zu verschleiern. Ihrer Darstellung nach ist inzwischen fast ein Drittel der russischen Raffineriekapazität ausgefallen, ohne dass zuständige Vize-Premiers oder Minister dies öffentlich einräumen. Besonders scharf kritisierte sie das Schweigen des Landwirtschaftsministers und des zuständigen Vize-Premiers, ausgerechnet vor Beginn der Ernte. Das Land könne am Ende ohne Brot dastehen, was angesichts der internationalen Sanktionen "dem Tode gleichkomme". Ihre Kritik richtete sich direkt gegen eine Aussage Nowaks, der tags zuvor erklärt hatte, es gebe zwar Engpässe "an einzelnen Tankstellen". Der Inlandsmarkt sei insgesamt aber ausreichend versorgt.

Für Putin ist die Lage "nicht kritisch"

Selbst Präsident Wladimir Putin sah sich zu einem ungewöhnlich offenen Eingeständnis gezwungen: In einem vom Staatsfernsehen ausgestrahlten Interview räumte er ein, dass die ukrainischen Angriffe "natürlich Probleme schaffen" und man derzeit "einen gewissen Mangel" beobachte. Die Lage sei aber weiterhin "nicht kritisch".

Besonders betroffen sind kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe, während große Agrarholdings über eigene Reserven verfügen und ihre Maschinenparks voraussichtlich bis Jahresende versorgen können. Die russische Nachrichtenplattform RBC berichtet, Landwirte im Süden Russlands und in der Region Woronesch müssten inzwischen Kraftstoff aus dem ganzen Land zusammenkaufen - bei Preisen, die sich in Woronesch zwischen Februar und Juni mehr als verdoppelt haben.

Die Konsequenzen für die Ernte sind bislang unklar und regional sehr unterschiedlich: Während die Analysefirma SovEcon ihre Gesamtprognose für Getreide und Hülsenfrüchte 2026/27 zuletzt leicht auf 135,2 Millionen Tonnen gesenkt hat, melden ausgerechnet die wichtigsten Weizenregionen Rostow und Krasnodar deutlich bessere Gerstenerträge als im dürregeprägten Vorjahr. Die Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums für Weizen liegt bei 88 Millionen Tonnen - das wäre ein Rückgang von rund 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber immer noch die viertgrößte Ernte in der russischen Geschichte.

Die russische Regierung hat unterdessen Exportverbote für Benzin verhängt, erwägt ähnliche Schritte bei Diesel und plant offenbar sogar, minderwertigen Kraftstoff nach niedrigeren Euro-2- bis Euro-4-Normen wieder zuzulassen, um den Markt zu entlasten - ein Schritt, der laut russischen Branchenexperten mit Risiken für moderne Fahrzeuge verbunden ist.

Quelle: ntv.de

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