Politik

Für Österreichs Grüne zur EU Sarah Wiener auf Mission Wiederbelebung

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Sarah Wiener hat keine Erfahrung in der Politik, will sie aber sammeln. In Linz mit dabei: Stefan Kaineder, Chef des Grünen-Landesverbandes in Oberösterreich.

(Foto: Max Mayrhofer/Grüne OÖ)

Jetzt macht sie auch noch Politik: TV-Köchin Sarah Wiener will am Sonntag ins EU-Parlament einziehen und nebenbei Österreichs Grüne vor der Bedeutungslosigkeit retten. Wie will sie das bewerkstelligen?

Vor Sarah Wiener ist hier niemand sicher. Es ist ein sonniger Freitagmittag am Südbahnhof in Linz, und die Fernsehköchin übernimmt die Regie. Ein Obsthändler hat ihr grade eine Schale Erdbeeren aus der Region geschenkt, jetzt verteilt Wiener sie an jeden, der es nicht im weiten Bogen um sie herum schafft. Ein breites Lächeln, ein lockerer Spruch, und immer wieder die "Gretchenfrage", wie Wiener es nennt: "Gehen Sie eigentlich am Sonntag wählen?"

Sarah Wiener, 56 Jahre alt, Fernsehstar, Autorin und Gastronomie-Unternehmerin ist seit zwei Monaten auch noch Politikerin. Die österreichischen Grünen haben sie auf Platz zwei ihrer Liste für die Europawahlen am 26. Mai gewählt. Auf Platz eins steht Werner Kogler, ein grünes Urgestein, seit Anfang der Achtziger Mitglied, bis 2017 Parlamentarier. Wiener will als Quereinsteigerin nach Brüssel, sie hat nicht mal ein Parteibuch, ihr Lebensmittelpunkt ist in Deutschland. Trotzdem dient sie der angeschlagenen Partei als Hoffnungsträgerin.

"Sag bitte Du zu mir"

Für ihren Wahlkampftag in der Stahlstadt Linz hat die Partei mit dem Südbahnhofmarkt ein grünes Biotop ausgesucht, in dem ihre Themen an jeder Ecke präsent sind: gesunde Ernährung, nachhaltige Landwirtschaft, regionales Handwerk. In den eingeschossigen Marktbaracken haben sich lokale Fleischer ebenso eingemietet wie junge, hippe Craft-Beer-Brauer. Wiener, ganz leger in Blue Jeans und roten Turnschuhen, kann mit allen Standbeschäftigten gut. Auf Kurzbesuch beim tätowierten Hipster-Barista in der "Kaffeerösterei Kurt Traxl" holt sie sich ein High Five ab, als sie erzählt, dass sie ihren Kaffee zu Hause selber mahlt. Eine Angestellte bittet freudestrahlend um ein Selfie. "Machen wir", sagt Wiener. "Aber sag bitte Du zu mir."

Sie spricht hörbar breiter, hörbar österreichischer, als sie es noch am Vortag im Fernsehen bei "Maischberger" gemacht hat, bevor sie sich mit dem Nachtzug aufmachte in Richtung Oberösterreich. "Ich bin so viele Wochen hier, dass es abfärbt", sagt Wiener. Geboren wurde sie in Halle in Westfalen, mit sechs Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Wien, wo sie auch groß wurde. Seit 32 Jahren lebt sie in Deutschland, in Berlin und auf ihrem Bauernhof in der Uckermark. Und will nun für Österreich nach Brüssel, was offenbar Fragen aufwirft.

Vor einem Café kommt eine Frau auf Wiener zu: "Wie kommen Sie denn darauf, in Österreich zu kandidieren", fragt sie. "Ich weiß nicht, ob das Verständnis dafür da ist." Wiener antwortet geduldig, ganz Medienprofi – immer im Nacken ein Kamerateam des ORF, das sie schon den ganzen Tag lang begleitet: Sie hoffe, dass die Wähler verstehen, dass es in Brüssel nicht um österreichische Innenpolitik gehe, sagt Wiener. Die Frau ist zufrieden, bedankt sich freundlich. Ein Lächeln noch, ein Händedruck, dann geht es weiter. Ist es also doch ein Problem, dass Sie im Heimatland als "die Deutsche" wahrgenommen werden können? Wiener wiegelt ab: "Eigentlich haben bisher nur Medien gefragt, ob ich eine Piefkinesin bin. Aber wie man unschwer an meinem Dialekt erkennen kann – und an meinem Pass – war ich immer eine Österreicherin. Eine Wienerin, um genau zu sein."

Alles nur Show?

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Spitzentreffen Ende April beim Wahlkampfauftakt in Wien: Werner Kogler (links), Robert Habeck und Sarah Wiener.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wer schon einmal mit angesehen hat, wie sich gestandene Politiker durch Fußgängerzonen fremdeln, ahnt: Diese Sarah Wiener ist ein Geschenk für Wahlkämpfer. Aber auch für die Partei? Die Grünen ringen seit der desaströsen Nationalratswahl im Herbst 2017 um ihr Überleben, politisch wie finanziell: Mit nur 3,8 Prozent der Stimmen flogen sie aus dem Parlament und standen plötzlich mit 5 Millionen Euro Schulden da. Nur ein harter Sanierungskurs rettete die Partei, die 2016 in harten Wahlkämpfen gegen FPÖ-Mann Norbert Hofer dafür gesorgt hatte, dass mit Alexander Van der Bellen einer der ihren in der Präsidentschaftskanzlei sitzt – aber kaum davon profitiert, weil ein Präsident nun einmal überparteilich sein muss.

Bei der Europawahl will die Partei zurück in die überregionale Wahrnehmung, auch dank Wiener. Aber warum muss sie jetzt eigentlich auch noch Politik machen? "Ganz einfach: Ich bin von den österreichischen Grünen gefragt worden, die in der Not waren, weil sie aus dem Parlament geflogen sind und dringend Schützenhilfe brauchen konnten", sagt Wiener. "Und ich bin auch nicht einverstanden mit dem radikalen Rechtsruck und dem Anknabbern von demokratischen Werten." Als Neueinsteigerin versteht sie sich nicht. Immerhin habe sie schon jahrelang Lesungen gehalten, Bücher geschrieben und in Talkshows gestritten.

Erstmal die eigene Partei überzeugen

Die Nominierung des prominenten Zugpferdes lief nicht ohne Misstöne ab. Eine Größe aus dem starken Wiener Landesverband ätzte, er hätte sich "weniger Show und mehr Inhalt" gewünscht. Ja, die Skepsis sei verbreitet gewesen, räumt Stefan Kaineder ein, der Chef des Grünen-Landesverbandes in Oberösterreich, der Wiener heute durch Linz begleitet. "Aber sie hat uns überzeugt, es passt ganz hervorragend." Kaineder, Jahrgang 1985, beschränkt sich an diesem Tag auf eine Nebenrolle, er läuft hauptsächlich freundlich lächelnd nebenher und zahlt, was auch immer Sarah Wiener gerade isst, trinkt oder als Geschenk einpacken lässt.

Das Investment könnte sich lohnen: Die aktuellen Umfragen sehen die Grünen bei acht bis zehn Prozent der Stimmen. Steht am Sonntag tatsächlich eine zweistellige Zahl unter dem grünen Balken, würde es wohl sogar für zwei Mandate reichen und Sarah Wiener für fünf Jahre ins Brüsseler Parlament einziehen. Es wird auf jeden Fall knapp, aber mehr lässt sich nicht vorhersagen; schon gar nicht nach dem Beben, das nur wenige Stunden nach Wieners Tour durch Linz Österreichs politische Landschaft erschüttern wird.

Kurz geht es um Schnitzel und Pommes

Als alles noch ruhig zu sein scheint, sitzt Sarah Wiener auf dem "Salonschiff Fräulein Florentine", das auf der Donau sanft vor sich hin schaukelt. Die Partei hat Unterstützer und Interessierte zu einem "Meet and Greet" geladen, die "grüne Familie", wie es Wiener in ihrer kurzen Ansprache formuliert, der sie sich "schon immer zugehörig gefühlt hat, auch wenn ich es bisher nicht so definiert habe." Wiener bittet alle Anwesenden, noch einmal Familie und Freunden ins Gewissen zu reden, eine "Schicksalswahl" stehe an.

Im bisherigen Europawahlkampf war davon zumindest in Österreich wenig zu spüren, im Gegenteil. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat die Wortführerschaft an sich gerissen, mit einem Vorstoß, der an seine erfolgreiche "Rechtspopulismus light"-Strategie aus dem Jahr 2017 erinnert: Er bedient die Ressentiments, die auch die Anti-EU-Partei FPÖ seit Jahren gegen Brüssel ins Feld führt, nur eben eine Spur sanfter, eine Spur eloquenter. Die Menschen würden von der EU Antworten auf große Fragen wie Sicherheit, Klimawandel und Grenzschutz verlangen, sagte Kurz vor einer Woche, stattdessen erlebten sie nur "Bevormundung und Regelungswahn": "Aber kein Mensch braucht EU-Vorgaben, etwa für die Zubereitung von Schnitzel und Pommes."

Wiener, die sich grundsätzlich jeden Kommentar zur Innenpolitik verkneift, hat für die Brüssel-Kritik des Bundeskanzlers wenig Verständnis: "Man kann halten von ihm, was man will, offensichtlich ist der Großteil der Bevölkerung einverstanden mit ihm - aber das ist wirklich populistischer Mist." Tatsächlich gibt es keine Schnitzel-Verordnung, aber einen Artikel der "Presse", der das behauptet. Er wurde am 1. April 2015 veröffentlicht. Immerhin, die Pommes-Verordnung existiert - sie soll Verbraucher vor krebserregendem Acrylamid schützen.

Wer Wieners Version hören will, was in Brüssel schief läuft, muss Zeit mitbringen. Sie kann lange Vorträge halten über schädliche Pestizide, ausufernde Hygienevorschriften und die Macht der Agrarlobby. "Was ich in Brüssel erreichen will", sagt sie schließlich, "wird sich rechnerisch in fünf Jahren nicht ausgehen", österreichisch für: das wird nichts. Aber einen Versuch will sie wagen: "Ich bin entschlossen, mich in den Politbetrieb reinzuwerfen."

Quelle: n-tv.de

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