Politik
(Foto: © Pochuyev Mikhail/ITAR-TASS Ph)
Sonntag, 18. Mai 2014

Drei Namen, ein Ziel: Schütze aus Moskau herrscht in Ost-Ukraine

Vor einigen Monaten verschwindet Igor Girkin plötzlich aus seinem Zuhause in einem Vorort von Moskau. Was seine einstigen Nachbarn da noch nicht ahnen: Girkin ist nicht nur freundlicher Familienvater. Als "Oberst Igor Strelkow" befehligt er ukrainische Separatisten.

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Er ist der Mann mit den drei Namen. Sein schwarzer Mercedes fährt durch die Straßen von Slawjansk in der Ost-Ukraine. Er hält sein Gesicht hinter den getönten Scheiben verborgen. Der ukrainische Geheimdienst sucht den Mann mit dem feinen Schnurrbart als einen der führenden russischen Drahtzieher des Separatisten-Aufstands. Er selbst nennt sich "Oberst Igor Strelkow" und hat jüngst das Kommando über die pro-russischen Kämpfer in der industriereichen Region Donezk übernommen. Das erklärte Ziel: Vernichtung der ukrainischen Truppen, die sich auf sein Territorium wagen. Die russische Armee forderte er auf, gegen die angebliche Bedrohung durch die Nato und "Junta in Kiew" einzuschreiten.

Für die ukrainische Regierung und ihre westlichen Verbündeten ist er der lebendige Beweis dafür, dass die Führung in Moskau hinter den Abspaltungsversuchen im Osten des Landes steckt. Strelkow sei ein Agent des russischen Militärgeheimdienstes, lauten die Vorwürfe. Die Separatisten geben nicht viel über ihren Anführer preis: Bei ihnen ist er lediglich bekannt als "Strelok", übersetzt "der Schütze". Eine Sprecherin erklärte, er sei russischstämmig und Veteran der sowjetischen und russischen Armee. Zur Staatsangehörigkeit des Mannes, dessen Gesicht auf gezeichneten Fahndungsplakaten des ukrainischen Geheimdienstes zu sehen ist, sagt sie nichts. Bewohner eines Moskauer Vorortes halten ihn für ihren freundlichen Nachbarn Igor Girkin, der vor einigen Monaten von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden ist.

Kommandeur der "grünen Männer"

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Egal, ob Strelkow, Strelok oder Girkin - er ist eine Schlüsselfigur im Osten der Ukraine. So gab er unlängst den ukrainischen Soldaten auf einem von der Separatisten-Führung in Donezk verteilten Flugblatt 48 Stunden Zeit, die Region zu verlassen. Ansonsten drohten Festnahmen und sofortige Tötungen. In einem Interview sagte Strelkow neulich, er komme von der Halbinsel Krim, und die meisten der Kämpfer dort seien kampferprobte russische und ukrainische Veteranen. Sie hätten ihre Waffen aus ukrainischen Arsenalen. "Nicht ein einziges Gewehr, nicht eine einzige Patrone" stamme aus Russland. Der Bezug zur Krim ließ die Führung in Kiew aufhorchen. Sie sieht hinter dem Aufstand im Osten des Landes dieselben Kräfte, die bereits die Kontrolle über die Halbinsel im Schwarzen Meer übernahmen. Russland hat die Krim mittlerweile eingegliedert - nach einem umstrittenen Referendum.

Seit dem Aufflammen der Kämpfe zwischen Separatisten und ukrainischer Armee befehligt Strelkow sogenannte "grüne Männer" in Slawjansk - Bewaffnete in Militäruniformen ohne Hoheitsabzeichen. Die Führung in Kiew hält sie für Agenten, die von Russland gesteuert werden. Die Moskauer Regierung nennt sie schlicht Selbstverteidigungskräfte und weist Vorwürfe zurück, eigene Einheiten vor Ort zu haben.

Unauffälliger Nachbar

Anwohner im Moskauer Vorort Schenkursk staunten nicht schlecht, als sie ihren Nachbarn plötzlich im russischen Fernsehen erblickten. Der Mann, der gemeinsam mit Mutter, Ehefrau und zwei Kindern jahrelang mit ihnen Tür an Tür in einem neunstöckigen Plattenbau gewohnt hatte, outete sich plötzlich als Anführer der Milizen in einer ukrainischen Separatisten-Hochburg. Sie habe ihn seit etwa einem halben Jahr nicht mehr gesehen, sagt Galina Iwanowna, die zwei Stockwerke unter Girkin wohnte. "Er war immer freundlich und sehr ruhig. Er trug immer eine Krawatte und ging zur Arbeit." In seinem Umfeld heißt es, Girkin habe es geliebt, historische Schlachten in zeitgenössischen Kostümen nachzustellen. Im Internet kursieren Fotos, die ihn in Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg zeigen.

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow beschreibt den mysteriösen Kommandeur, den die EU auf ihre Sanktionsliste gesetzt hat, als "Monster und Killer". Gesucht wird er unter anderem wegen vorsätzlichen Mordes und der Geiselnahme von Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, darunter auch Deutsche. In der Region Donezk ist er für viele ein Held. "Er ist es, der unsere Jungs zum Sieg führt", sagt der 63-jährige Fjodor Danilow. "Und wenn er auch aus Russland kommt. Russland sollte uns mehr Leute wie ihn schicken." Doch auch dort ist nicht jeder glücklich mit den "grünen Männern" und ihrem Anführer - so etwa die 39-jährige Irina. Strelkow und alle Bewaffneten sollten aus ihrer Heimatstadt Slawjansk verschwinden, fordert sie. "Und mir ist es völlig egal, ob er ein Russe, ein Marsmensch oder sonstwas ist."

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Quelle: n-tv.de