Politik

Biografie über Jitzchak Rabin "Sein Sieg war Fluch und Segen zugleich"

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Palästinenserpräsident Arafat und Premierminister Rabin 1995, am Rande von Gesprächen im Weißen Haus.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es sei "eine Ironie der Geschichte, dass der Mann, der das Westjordanland erobert hat, ermordet wurde, weil er es zurückgeben wollte", sagt Itamar Rabinovich über Jitzchak Rabin. Seit den 1970er Jahren hat der Historiker für Rabin gearbeitet, seine gerade auf Deutsch erschienene Biografie über den ehemaligen israelischen Premier erklärt nicht nur zentrale Aspekte des Nahost-Konflikts. Es zeigt auch, wie Menschen Geschichte machen: Niemand weiß, was passiert wäre, wenn Rabin 1995 nicht ermordet worden wäre. Klar ist jedoch, welche Folgen der Mord hatte: "Einige Leute aus dem Umfeld der Personen, die für die Ermordung verantwortlich waren, tragen heute Verantwortung in der israelischen Politik", sagt Rabinovich. "In gewisser Weise sind sie die Sieger. Das israelische Mitte-Links-Spektrum hat sich von diesem Mord nie erholt."

n-tv.de: Wann haben Sie Jitzchak Rabin zum ersten Mal getroffen?

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Itamar Rabinovich, hier Anfang Juni bei einem Besuch in Berlin, war in den 1990er Jahren Israels Botschafter in Washington, später Präsident der Universität Tel Aviv. Heute leitet er das Israel Institut in Washington und Tel Aviv.

(Foto: imago/allefarben-foto)

Itamar Rabinovich: Zum ersten Mal habe ich Rabin 1965 getroffen, als er Generalstabschef der israelischen Armee und ich Unteroffizier war. Ich musste in sein Büro kommen und ihn über etwas unterrichten. Für mich war das natürlich eine große Sache. Richtig lernte ich ihn dann in den 1970er-Jahren kennen. Zu der Zeit war ich Professor für Nahoststudien an der Universität von Tel Aviv, er befand sich zwischen 1974 und 1977 in seiner ersten Amtszeit als Premierminister. Rabin lud gelegentlich Experten zu Diskussionen ein. Das intensivierte sich noch, nachdem die Arbeitspartei die Macht verloren hatte, denn als Oppositionspolitiker hatten er und Schimon Peres [damals Chef der Arbeitspartei] keinen Zugang mehr zu Regierungsinformationen. Deshalb trafen sie sich häufiger mit Wissenschaftlern, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Als Rabin 1992 wieder Premierminister wurde, bot er Ihnen das Amt des Botschafters in Washington an.

Zunächst machte er mich zum Chefunterhändler mit Syrien. In dieser Zeit arbeiteten wir eng zusammen. Damals entstand eine Freundschaft zwischen uns, die bis zu seiner Ermordung andauerte.

Springen wir kurz ein paar Jahre zurück: In Ihrem Buch geht es auch um Rabins Beteiligung am Kampf um die Unabhängigkeit Israels. Das liest sich ein bisschen wie eine Abenteuererzählung. Ist das auch der Blick, den Israelis heute auf diese Zeit und diese historischen Figuren haben?

Israel gibt es jetzt seit 70 Jahren als Staat. Aus einem winzigen Land mit einer Million Einwohnern ist eines mit neun Millionen geworden. Entsprechend sind die Institutionen gewachsen. In der vorstaatlichen Zeit waren die Verteidigungsverbände der jüdischen Gemeinschaft nicht mehr als Kommandotruppen. Das abenteuerlich zu nennen, ist kein unpassender Begriff. Rabin gehörte dem Palmach an, einer Kommandoeinheit der Haganah - die Haganah war eher eine Art Gendarmerie der jüdischen Gemeinschaft [in der Zeit des britischen Mandats] als eine richtige Armee. Rabin und seine Kollegen begeisterten sich damals für ein Buch über russische Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Die Atmosphäre war eher die einer Guerilla.

Über Rabins Beteiligung an der Vertreibung von Palästinensern aus den Städten Lydda und Ramleh schreiben Sie: "Welche Perspektive man im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts auch immer einnehmen möchte, sie wird weit entfernt sein von den Überlegungen, die die politische und militärische Führung im Juli 1948 anstellen mussten, als das Thema der Zivilbevölkerung von Lydda und Ramleh auf der Tagesordnung stand." Für welche Perspektive würden Sie heute plädieren?

Aus meiner heutigen Perspektive wäre es am besten gewesen, wenn die Palästinenser die Teilungsresolution der Vereinten Nationen vom November 1947 akzeptiert hätten. Dann hätte es keinen Krieg gegeben. Aber das taten sie nicht, sie kämpften, und sie erhielten Hilfe von eindringenden arabischen Armeen. Als Rabins Soldaten Lydda einnahmen, operierte die jordanische Armee ganz in der Nähe. Bei der Sicherung des Ortes mussten sie nicht nur an die örtliche Bevölkerung denken, sondern auch an deren mögliche Beziehungen zur jordanischen Armee, damals die beste arabische Streitmacht. In dem Satz, den Sie zitieren, beziehe ich mich auf Ari Shavits Buch "Mein gelobtes Land". [Shavit schreibt, Lydda berge "das düstere Geheimnis des Zionismus".] An seiner Perspektive habe ich mich gestört.

Im Sechstagekrieg 1967 war Rabin Generalstabschef, der Sieg galt als großer Erfolg. Sie schreiben, ausgerechnet Rabin habe mit dem "zweifelhaften Segen" des Sieges umgehen müssen.

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Der Sieg war Fluch und Segen zugleich. Am Vorabend des Krieges stand Israel einer gefährlichen Bedrohung gegenüber und es gab viele Befürchtungen. Der Krieg endete jedoch mit einem großen militärischen Sieg, der die Existenz Israels stärkte, aus Israel eine Regionalmacht machte, unser Bündnis mit den USA festigte - und uns die Mittel gab, um mit den Arabern über Frieden zu verhandeln: Wir konnten Territorien gegen Frieden tauschen. Wir haben die Halbinsel Sinai für einen Friedensvertrag mit Ägypten eingetauscht, wir haben versucht, die Golanhöhen an Syrien zurückzugeben und dafür Frieden zu bekommen, auch wenn das nicht funktioniert hat.

Und der Fluch?

Diese Territorien sind eine Belastung - der Gazastreifen und das Westjordanland beschäftigen uns bis heute. Gaza haben wir 2005 unter Ministerpräsident Ariel Scharon verlassen, aber die Zukunft des Westjordanlandes und die Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern sind noch immer unser zentrales Problem. Deshalb war der Sieg Fluch und Segen. Rabin war der Generalstabschef, der die israelische Armee auf den Sieg vorbereitet hatte, deshalb war es sein Sieg. Aber er wurde ermordet, weil er in den 1990er-Jahren den größten Teil der eroberten Territorien zurückgeben wollte. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass der Mann, der das Westjordanland erobert hat, ermordet wurde, weil er es zurückgeben wollte.

Was dachte Rabin über das Ergebnis des Sechstagekriegs? War ihm klar, dass dieser Sieg ein Problem werden könnte?

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Rabin im Mai 1967 als Stabschef der israelischen Armee.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Er dachte immer, dass der größte Teil der eroberten Territorien benutzt werden sollte, um mit den Arabern zu verhandeln. Er glaubte, eine Einigung sei das Beste für Israel und die Region, und dass dafür nicht alle, aber ein Großteil der Gebiete als Verhandlungsmasse genutzt werden sollte. Die Formel, die dafür [im Friedensprozess von Oslo] gefunden wurde, lautete "Land gegen Frieden": Israel würde Land zurückgeben, das es 1967 erobert hatte. Im Gegenzug würden die Araber Israels Existenz akzeptieren und einem Frieden zustimmen.

Das klingt vernünftig.

Es ist die einzige Möglichkeit.

Warum hat sich die israelische Politik von dieser Haltung entfernt?

Nicht nur Israels Politik hat sich vom Prinzip "Land gegen Frieden" abgekehrt. Um Frieden mit den Palästinensern zu schließen, braucht man einen palästinensischen Partner. Im Jahr 2000, bei den Camp-David-Verhandlungen mit US-Präsident Clinton, dem palästinensischen Präsidenten Arafat und Premierminister Barak, und auch 2008 bei den Verhandlungen von Premierminister Olmert mit Palästinenserpräsident Abbas war Israel bereit, weitreichende Zugeständnisse zu machen. Aber leider akzeptierten weder Arafat noch Abbas das Angebot, sie wollten mehr. Es liegt also nicht nur an Israel.

Heute haben wir in Israel eine rechte Regierung, die in Teilen eine Zwei-Staaten-Lösung ablehnt. Das Problem ist heute dreifach: Die israelische Regierung steht weit rechts, die palästinensische Führung ist schwach und gespalten und in den USA regiert Präsident Trump. Es wird viel über den "Deal des Jahrhunderts" geredet, den Trump und sein Team aushandeln wollen, aber bisher ist unklar, wie der aussehen soll. Die drei wichtigsten Partner für ein potenzielles Abkommen befinden sich also alle in einem problematischen Zustand.

Ein Problem ist auch die religiöse Aufladung des Konflikts. Sie zitieren Rabin mit dem Satz, die Bibel sei nicht "das Grundbuchamt des Nahen Ostens". Wie viele Israelis teilen diese Auffassung noch?

Mehr als die Hälfte. Es gibt Umfragen, die zeigen, dass knapp unter 70 Prozent der Israelis noch immer an eine Zwei-Staaten-Lösung glauben.

Sie schreiben, "so folgenreich Rabins Ermordung war, sein Vermächtnis ist durch sein Leben geprägt", nicht durch seinen Tod. Trotzdem: Was wäre passiert, wenn er im November 1995 nicht ermordet worden wäre?

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Rabin und Peres 1989. Ihre Konkurrenz und Zusammenarbeit prägte die Arbeitspartei über Jahrzehnte.

(Foto: AP)

Darüber können wir nur spekulieren. Aber vermutlich wären zwei Dinge passiert: Rabin hätte die Wahlen im November 1996 gewonnen. Diese fanden dann gar nicht statt [nach der Ermordung setzte Schimon Peres vorzeitige Neuwahlen im März 1996 an, die Benjamin Netanjahu überraschend mit hauchdünnem Vorsprung gewann]. Und zweitens hätte Rabin weiter mit Jassir Arafat über ein Nahost-Abkommen verhandelt. Ob das zu einem Ergebnis geführt hätte, wissen wir nicht.

Aus meiner Sicht wichtiger sind allerdings die innenpolitischen Auswirkungen. Einige Leute aus dem Umfeld der Personen, die für die Ermordung verantwortlich waren, tragen heute Verantwortung in der israelischen Politik. In gewisser Weise sind sie die Sieger. Das israelische Mitte-Links-Spektrum hat sich von diesem Mord nie erholt.

Es gab eine Untersuchung der Ermordung, deren Ergebnisse zum Teil noch heute geheim sind. Woran liegt das?

Der israelische Geheimdienst hatte Informanten bei den Rechtsradikalen [aus dem Umfeld des Mörders]. Deren Identität sollte geschützt werden. Wie nach jedem politischen Mord gab es auch nach Rabins Ermordung Verschwörungstheorien. Aber da ist nichts dran.

Welche Bedeutung hat Rabin heute für Israelis?

Sein wichtigstes Vermächtnis ist die Fähigkeit, eine Führungspersönlichkeit zu sein. Die ganze Welt erlebt doch gerade, was die Abwesenheit von Führung bedeutet. Präsident Trump haben wir schon erwähnt. In Deutschland stehen Sie vor einem größeren Übergang in die Zeit, wenn Frau Merkel nicht mehr Bundeskanzlerin ist. In Großbritannien stellt sich die Führungsfrage nach dem Rücktritt der Premierministerin. In Frankreich steht Präsident Macron unter dem Druck der radikalen Rechten. Und in Israel hat Mitte-Links es nie geschafft, einen Nachfolger für Rabin aufzubauen. Viele Israelis sehen Rabin heute als einen aufrechten Politiker. Er war nicht perfekt und sollte nicht idealisiert werden. Aber er verdient Respekt, weil er ein integrer und gradliniger Staatsmann war, der wusste, wie man eine Vision in praktische Politik umsetzt.

Mit Itamar Rabinovich sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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