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Das IM-Hotel befand sich unweit des Flughafens Tempelhof in der Dudenstraße.
Das IM-Hotel befand sich unweit des Flughafens Tempelhof in der Dudenstraße.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)
Samstag, 06. August 2011

"Stützpunkt Rheinland": Stasi betrieb Hotel in Kreuzberg

Das "Hotel Luftbrücke" in der Dudenstraße diente in den 70er und 80er Jahren als Operationsbasis für ein ganzes Spionagenetzwerk. Von hier aus erledigten westliche Spitzel Aufträge im gesamten Bundesgebiet. Dabei ging es um Überwachung und Materialbeschaffung, manchmal aber auch um Mord.

Die DDR-Staatssicherheit hat einem Zeitungsbericht zufolge in der Zeit nach dem Mauerbau vor 50 Jahren in West-Berlin ein eigenes Hotel als Operationsbasis betrieben. Das geht laut "Tagesspiegel" aus Stasi-Akten hervor, die der Zeitung vorliegen. Demnach unterhielt das Mielke-Ministerium in den 70er und 80er Jahren über Strohmänner das Kreuzberger "Hotel Luftbrücke", in den Akten als "Stützpunkt Rheinland" bezeichnet. Es diente der Stasi als Operationsbasis für ein gutes Dutzend Inoffizieller Mitarbeiter (IM).

Im Auftrag der Ministeriums-Hauptabteilung VIII erledigten dem Bericht zufolge Spitzel im gesamten Bundesgebiet Aufträge zur Überwachung, Materialbeschaffung sowie im Einzelfall auch Mordkommandos. Den Unterhalt des Hotels und der IM-Gruppe habe sich die DDR einiges kosten lassen: Allein der Kopf des Spionagenetzwerks, in dem gut 1000 Seiten starken Aktendossier "IM Rennfahrer" genannt, kassierte im Lauf der Jahre umgerechnet rund 153.000 Euro Agentenlohn sowie rund 255.000 Euro Spesen.

Tausende Ex-Spione unentdeckt

Die Stasi-Unterlagenbehörde geht indessen davon aus, dass noch Tausende Ex-Spione der DDR in Westdeutschland unentdeckt sind. Die Experten des Amts hätten für die Zeit zwischen 1949 und 1989 rund 12.000 West-Spione berechnet, sagte Behördenchef Roland Jahn der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Roland Jahn betont, dass die Stasi "Teil der Geschichte aller Deutschen" sei.
Roland Jahn betont, dass die Stasi "Teil der Geschichte aller Deutschen" sei.(Foto: dpa)

Dazu müsse die Zahl der Strafverfahren gegen solche Agenten in Bezug gesetzt werden: Von 1990 bis 1999 habe es etwa 3000 derartige Verfahren gegeben. "Davon kamen allerdings lediglich 500 zur Anklage, 360 Spione wurden verurteilt", sagte Jahn. Demnach sei die überwiegende Mehrzahl der Stasi-Spione in Westdeutschland bisher ungeschoren davongekommen.

Gegenüber dem "Hamburger Abendblatt" forderte Jahn eine bessere Aufklärung über das Wirken der Stasi im Westen Deutschlands. "Die Stasi war keine Sache des Ostens allein", sagte der Behördenchef. Sie habe mithilfe von Westdeutschen in der Bundesrepublik vor allem Militär- und Wirtschaftsspionage betrieben. Jahn nannte die DDR und die Stasi einen "Teil der Geschichte aller Deutschen".

Noch großer Wunsch nach Akteneinsicht

Nach Jahns Angaben ist der Wunsch nach Interesse an Stasi-Akten hält an auch im Westen sehr groß. So seien aus westlichen Bundesländern 340.000 Anträge auf persönliche Akteneinsicht in den vergangenen 20 Jahren eingegangen. Bundesweit liegt laut Stasi-Unterlagenbehörde die Zahl aller bisherigen Anträge auf persönliche Akteneinsichten bei 2,7 Millionen. "Auch in diesem Jubiläumsjahr des Mauerbaus ist das Interesse an Stasi-Akten enorm", sagte Jahn.

Von der Linkspartei forderte Jahn eine intensivere Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Die Partei müsse sich den Vorwurf der Verklärung der Zustände in der DDR gefallen lassen, sagte Jahn. "Es würde der Rütteln am eigenen Denkmal insgesamt helfen, wenn die Linke das Verhältnis der SED als Auftraggeberin der Staatssicherheit stärker beleuchten würde."

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Quelle: n-tv.de