Politik

Debatte um "Identitätspolitik" Thierse: Erlebe überwältigende Zustimmung

3c95a0f19a3208de510f874e9fffe503.jpg

Die SPD solle lieber am Gender Pay Gap arbeiten, sagte Thierse nun.

(Foto: imago/Rolf Kremming)

Mit einem Meinungsbeitrag schlägt SPD-Mann Thierse hohe Wellen – auch und gerade in der eigenen Partei. Sogar ein Parteiaustritt stand im Raum. Nun berichtet der frühere Bundestagspräsident von den Reaktionen auf seine Einlassung.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erlebt im Streit mit der Parteispitze um den richtigen Dialog mit sexuellen und anderen Minderheiten nach eigenen Worten "überwältigende Zustimmung". In einem Interview des Magazins "Cicero" bekräftigte er zugleich Kritik an der Gesprächs- und Debattenkultur einer sogenannten Identitätspolitik, weil diese nicht auf Versöhnung und konkrete Fortschritte ziele.

"Ich halte die Verlagerung ins Identitätspolitische für problematisch, zum Beispiel finde ich wichtiger als Sprachänderung, dass wir am Gender-Pay-Gap arbeiten. Gerade wurde Deutschland bescheinigt, dass die Lohnungleichheit zwischen Mann und Frau größer ist als anderswo", sagte Thierse. "Der SPD wurde attestiert, dass sie ihre türkischstämmigen Wähler zum größeren Teil verloren hat an die CDU. Einen Teil der Arbeiterschaft haben wir bereits verloren. Das muss uns doch beschäftigen als Partei!"

Wer in der Gesellschaft um Anerkennung und Gleichheit kämpfe, habe die Sozialdemokratie an seiner Seite, so Thierse. "Uns Sozialdemokraten muss es um die Bündelung von Interessen gehen und um die Formulierung von Gemeinsamkeiten", sagte er und warnte: "Die Absolutsetzung des eigenen Betroffenseins, die Vorstellung, ich empfinde mich als Opfer, also habe ich recht, ist mörderisch für eine demokratische Gesprächskultur. Denn es gibt ja andere Betroffenheiten und da könnten andere sagen: Ich bin auch Opfer, ich meine das genaue Gegenteil."

"Nicht mit Austritt gedroht"

Ein zentraler Begriff in der Gesellschaft sei für ihn "Respekt", nicht aber die Kontrolle des Sprachgebrauchs. "Mit mir müssen Sie in der alten deutschen Sprache reden. Sonst verstehe ich Sie nicht", sagte der 77-Jährige. Er sei dabei auch "leicht störrisch". "Ich möchte mich nicht immerfort dem Sprachgebrauch anderer unterwerfen müssen. Wir haben eine sich gewiss verändernde, verbindende Sprache, der ich mich gerne bediene."

Thierse machte deutlich, dass eine öffentliche Distanzierung von SPD-Chefin Saskia Esken und Parteivize Kevin Kühnert nur ihm gegolten habe könne, da sich sonst aktuell niemand aus der Partei öffentlich zu Fragen geäußert hat. Die Kritik sei zudem "unangemessen". "Ich hab nicht mit meinem Austritt gedroht. Ich stehe ja nicht nur für mich, wie die Reaktionen gezeigt haben", so Thierse. "Ich kann mich seit der Veröffentlichung dieses Essays kaum vor E-Mails retten. Ich hab zwischen 500 und 1000 Mails bekommen - neben dem Shitstorm. Es war eine überwältigende Zustimmung, nicht nur aus der eigenen Partei."

Thierse warnte auch davor, Begriff und Realität von Nation als erledigt zu betrachten. "Schaut Euch um in der Welt! Nation ist eine Realität. Wir erfahren sie gerade wieder in der Pandemie. Der nationale Sozialstaat rettet uns. Es ist elitäre Dummheit, das nicht sehen zu wollen."

Quelle: ntv.de, vpe/dpa

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.