Politik
Nach der Urteilsverkündung im Landgericht Stuttgart.
Nach der Urteilsverkündung im Landgericht Stuttgart.(Foto: dapd)
Donnerstag, 10. Februar 2011

Winnenden-Strafmaß als Signal: Tims Vater nimmt Urteil nicht hin

Der Vater des Amokläufers von Winnenden kündigt Revision gegen seine Verurteilung zu 21 Monaten auf Bewährung an. Seinem Anwalt fehlt "die Überzeugungskraft des Urteils". Der 52-jährige K. hatte seine Pistole unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. Das Urteil könnte Signalwirkung beim Thema fahrlässiger Umgang mit Waffen haben.

Der Vater des Amokläufers von Winnenden und Wendlingen erhält eine Freiheitsstrafe von 21 Monaten auf Bewährung. Das Landgericht Stuttgart befand den 52-Jährigen der fahrlässigen Tötung von 15 Menschen für schuldig. Der Sportschütze habe die Tatwaffe und 285 Patronen offen im Hause herumliegen lassen, sagte der Vorsitzende Richter Reiner Skujat zur Begründung. Mit einer Sportpistole hatte sein Sohn im März 2009 15 Menschen in seiner ehemaligen Schule, auf der Flucht und in einem Autohaus getötet. Danach hatte er sich selbst erschossen.

Mit dem Urteil blieb das Gericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die zwei Jahre auf Bewährung gefordert hatte. Der Verteidiger hatte Freispruch beantragt und will das Strafmaß nicht hinnehmen. In dem Verfahren waren 43 Angehörige als Nebenkläger aufgetreten. Der Angeklagte hatte weitgehend geschwiegen.

Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat und die Beisitzer Anne Harrschar (r.) und Georg Boeckenhoff (l.).
Der Vorsitzende Richter Reiner Skujat und die Beisitzer Anne Harrschar (r.) und Georg Boeckenhoff (l.).(Foto: dapd)

Richter Skujat sagte, der Angeklagte habe seine Munition schlampig im Haus herumliegen lassen. "Waffe und Munition waren nicht ausreichend voneinander getrennt", sagte Skujat. Sein Sohn Tim K. habe an einem Hass an der Menschheit gelitten. Nach Überzeugung des Landgerichts habe K. von den Tötungsfantasien seines Sohnes gewusst.

"Das Urteil hat über den Tag hinaus große Bedeutung, weil der Vater des Amokschützen ja nicht 'nur' wegen Verstößen gegen das Waffengesetz verurteilt worden ist, sondern wegen fahrlässiger Tötung", sagte auch der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU) bei n-tv. Das bedeute, erst der lasche und gesetzeswidrige Umgang des Vaters des Täters habe die Tat und die Tatbegehung möglich gemacht. "Insofern ist das ein deutliches Signal an alle Waffenbesitzer in Deutschland, dass sie ihre Schusswaffen gemäß den gesetzlichen Vorschriften zu Hause sicher aufbewahren müssen."

Der Anwalt der Nebenklage, Jens Rabe, bezeichnete das Strafmaß als "sekundär". Am wichtigsten sei, dass das Gericht ein klares Signal gebe und der Vater nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt werde, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung.

"Wir werden höchstwahrscheinlich in Revision gehen", sagte der Anwalt des 52-Jährigen, Hubert Gorka. Das Landgericht habe die Anklage nur wegen eines Verstoßes gegen das Waffenrecht zugelassen. Das Urteil laute nun aber auch auf fahrlässige Tötung und Körperverletzung. "Wo soll da die Überzeugungskraft des Urteils liegen?", sagte Gorka.

Vater wusste von Tims Fantasien

Nach Überzeugung der Richter muss K. von den Tötungsfantasien seines Sohnes gewusst haben. Im April 2008 und damit knapp ein Jahr vor dem Massaker seien die Eltern von den Ärzten der psychiatrischen Klinik in Weinsberg darüber informiert worden. Dort hatte Tim bei einem therapeutischen Gespräch gesagt, er habe einen Hass auf die ganze Welt und stelle sich vor, die ganze Menschheit umzubringen. "Unter diesen Umständen hätte der Angeklagte seinen Sohn vom Schusswaffengebrauch abhalten müssen", sagte Skujat in der Urteilsbegründung.

Schusslöcher in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen, in dessen Nähe der Amokläufer 2009 schließlich gestoppt wurde.
Schusslöcher in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen, in dessen Nähe der Amokläufer 2009 schließlich gestoppt wurde.(Foto: dapd)

Stattdessen habe der Vater seinen Sohn nach dem ersten Therapiegespräch sogar zum Schießtraining im Schützenverein mitgenommen. Der Angeklagte habe nicht nur die spätere Tatwaffe ungesichert in einem Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Er habe auch größere Mengen Munition im ganzen Haus verteilt herumliegen lassen. Dadurch sei es Tim K. leicht möglich gewesen, über längere Zeit die große Zahl an Patronen anzusammeln, die er beim Amoklauf am 11. März 2009 dabei hatte: 285 Schuss Munition.

Stadt kündigt Schadensersatzklage an

Dem verurteilten 52-Jährigen droht jetzt eine Schadenersatzklage der Stadt Winnenden. Nach der Bewährungsstrafe sagte Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth (CDU): "Sobald das Urteil Bestand hat, stellt sich für die Stadt Winnenden die Frage, ob wir zivilrechtlich unsererseits den materiellen Schaden einklagen, den die Stadt als Schulträgerin erlitten hat."

Blumen zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufes vor der Albertville-Realschule.
Blumen zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufes vor der Albertville-Realschule.(Foto: dapd)

"Ich hoffe, die Strafe wird andere Waffenbesitzer vor solch fahrlässigem Handeln abschrecken", betonte Holzwarth. "Offensichtlich sieht das Landgericht Stuttgart mit seinem Urteil einen definitiven Zusammenhang zwischen dem Handeln des Vaters und der schrecklichen Mordtat des Sohnes. Dass eine Haftstrafe, wenn auch nur zur Bewährung, ausgesprochen wurde, ist daher folgerichtig."

Die Hinterbliebenen des Amoklaufs hatten sich von dem Urteil ein wichtiges Zeichen für die Öffentlichkeit erhofft. "Wer in seiner privaten Wohnung gefährliche Waffen hält, hat eine erhöhte Verantwortung gegenüber der Gesellschaft" sagte die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Gisela Mayer, im ZDF. "Wenn man diese Norm verletzt, dann wird man deutlich bestraft."

"Politik hat versagt"

Gisela Mayer hatte sich ein Zeichen für die Öffentlichkeit erhofft.
Gisela Mayer hatte sich ein Zeichen für die Öffentlichkeit erhofft.(Foto: dpa)

Mayer, die bei dem Amoklauf ihre Tochter verloren hatte, sagte: "Es gibt keine Gerechtigkeit, die diesen 15-fachen Mord in irgendeiner Weise sühnen könnte." Allerdings habe auf der Anklagebank nicht der Amokläufer, sondern sein Vater gesessen. Die Vorsitzende der Stiftung kritisierte, dass das Waffengesetz bis heute nicht wirklich verschärft wurde. Es sei wieder leichter an Waffen zu kommen, und unangemeldete Kontrollen würden zurückgefahren. Von der Politik sei ein "Sturm" versprochen worden, "gekommen ist ein laues Lüftchen".

Auch Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte in diesem Zusammenhang die Bundesregierung. "Die Urteilsverkündung erinnert in beschämender Weise daran, dass Union und FDP in Berlin und Stuttgart immer noch nicht bereit sind, die politischen Konsequenzen aus diesem furchtbaren Amoklauf zu ziehen", sagte Roth n-tv.de. "Merkel, Mappus und Westerwelle haben nichts daraus gelernt und verteidigen mit Verve weiter die Interessen der Waffenlobby, statt endlich wirksame Maßnahmen gegen den millionenfachen privaten Schusswaffenbesitz hierzulande durchzusetzen."

Roth fordert ein Verbot von großkalibrigen Waffen: "Sie haben im Schießsport nichts zu suchen und scharfe Schusswaffen gehören raus aus den Wohn- und Schlafzimmern."

Nach dem Amoklauf war eine Diskussion um das deutsche Waffenrecht entbrannt. Tim K. hatte die Beretta 92 aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet, wo sein Vater die Pistole unverschlossen im Schrank aufbewahrte. Als Konsequenz aus der Bluttat wurde das Waffenrecht insbesondere in Bezug auf die Aufbewahrung von Pistolen und Gewehren verschärft. Kritikern gingen die Maßnahmen allerdings nicht weit genug, in ihren Augen knickte die Politik vor der Lobby der Waffen- und Schützenverbände ein.

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Quelle: n-tv.de