Politik

Das gibt Ärger Trassen durchschneiden das Land

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Wer will so etwas schon vor der Nase haben?

(Foto: dapd)

Die vier großen Stromnetzbetreiber legen ihre Vorstellungen davon vor, wie Deutschland im Zeitalter der erneuerbaren Energien den Strom verteilen kann. Als großen Startschuss in der Energiewende zelebrieren das die Manager in Berlin. Dabei verschweigen sie: Bis das Riesenprojekt verwirklicht ist, steht Deutschland noch eine Menge Streit bevor.

Wenn Kinder in einen Keller geschickt werden, fangen sie oft an zu pfeifen. Mit lauten Geräuschen versuchen sie, ihre Angst zu übertönen, sich Mut zu machen und sich die Zeit zu verkürzen, bis sie wieder ins Helle herauf kommen. So ähnlich wie Kinder im Dunkeln verhalten sich die vier Chefs der großen Stromnetzbetreiber Deutschlands, als sie ihren Entwurf eines Netzentwicklungsplans für Deutschland vorlegen.

Gründe, Furcht vor den vor ihnen stehenden Wochen und Monaten zu haben, gibt es für Boris Schucht von 50 Hertz, Klaus Kleinkorte von Amprion, Rainer Joswig von Transnet BW und Martin Fuchs von Tennet genug. In ihrem rund 350 Seiten umfassenden Papier legen sie dar, von wo nach wo in welchem Umfang neue Stromtrassen errichtet werden müssen, um das Netz an die Erfordernisse der erneuerbaren Energien anzupassen.

Und das birgt extrem viel Ärger: Bürgerinitiativen wenden sich gegen Starkstrommasten in ihren Gemeinden. Länder wollen dabei mitreden, wo genau die "Stromautobahnen" verlaufen dürfen. Bundesminister unterschiedlicher Parteien drohen, sich bei der prestigeträchtigen Mammutaufgabe gegenseitig zu blockieren, weil sie dem anderen den Erfolg nicht gönnen. Und nicht zuletzt wollen Stromkunden wissen: Was kostet das Ganze und wer soll es bezahlen?

Grenzen der alten Infrastruktur

Und so pfeifen sie, die großen Vier auf dem Podium, was das Zeug hält. Bei der Präsentation des Ausbauplans sind die Bosse betont auf Deeskalation aus. "Akzeptanz", so lautet das Zauberwort, das ihnen ihre PR-Strategen vor diesem Termin eingetrichtert haben. Und so bemüht sich jeder der vier Unternehmenslenker, es so häufig wie möglich in seine Rede mit einfließen zu lassen.

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Im Norden vor der Küste entsteht künftig viel Strom. Der muss in den Süden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Erfolg der Energiewende stehe und falle mit der "Akzeptanz" für Opfer der Bürger, werden die Manager nicht müde zu wiederholen. Aber auch Brachiales wird bemüht: Der Netzentwicklungsplan sei ein "solider Fels" in der Diskussion über die Energiewende, so Tennet-Chef Fuchs. Durch Deutschland müsse jetzt ein Ruck gehen, ergänzt er frei nach Altbundespräsident Roman Herzog. Die Menschen müssten erkennen, dass der Netzausbau absolut notwendig ist.

Da hat Fuchs zweifelsohne Recht, sofern der ambitionierte Zeitplan, den die Bundesregierung vorgibt, eingehalten werden soll. Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke im Land abgeschaltet worden sein. Bis dahin soll sich Deutschland zu 35 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen versorgen. Und das bedeutet, dass Strom künftig andere Wege nehmen muss als bisher. Wenn auch nicht ganz unumstritten, bedeutet das in den Augen der Bundesregierung: Im Norden speisen riesige Offshore-Windkraftanlagen den Strom der Zukunft ins Netz ein. In den Süden, wo das Gros der deutschen Industrie sitzt und bisher besonders viele Atomkraftwerke den Job erledigt haben, muss der Ökostrom geleitet werden. Bundesweit soll das Netz zudem helfen, Schwankungen bei der Einspeisung auszugleichen. Doch dafür ist die derzeitige Netzinfrastruktur mitnichten gewappnet.

Genaue Routen noch offen

Das belegen auch die Zahlen, auf die die Netzbetreiber in ihrem Plan kommen: Insgesamt 3800 Kilometer neue Leitungen müssen her, 4400 bestehende Kilometer müssen überarbeitet werden. Kostenpunkt für alles zusammen: schmale 20 Milliarden Euro. Und das soll klappen? Alles binnen zehn Jahren? Zweifel sind erlaubt.

Denn das funktioniert nur, wenn alles glatt läuft. Und damit ist kaum zu rechnen. Bürgerinitiativen vor Ort wollen jetzt genau wissen, wer wie stark betroffen ist. Bislang sind nur die Start- und Endpunkte der großen "Stromautobahnen" bekannt. Den genauen Verlauf erfahren die Menschen erst während der bürokratischen Genehmigungs- und Planungsverfahren.

Klar ist bisher: Vom niedersächsischen Emden nach Osterath in Nordrhein-Westalen und von dort nach Philippsburg in Baden-Württemberg soll eine Trasse führen. Zudem ist eine Trasse von Wehrendorf in Niedersachsen nach Urberach in Hessen geplant. Des Weiteren sollen Trassen vom schleswig-holsteinischen Brunsbüttel nach Großgartach in Baden-Württemberg gebaut werden sowie von Kaltenkirchen in Schleswig-Holstein nach Grafenrheinfeld in Bayern und von Lauchstädt in Sachsen-Anhalt ins bayerische Meitingen. Dazwischen ist alles möglich.

Länder drohen zu bremsen

Um den Aufruhr so klein zu halten wie möglich, setzen die Verantwortlichen, so die "Akzeptanz"-Rhetorik, auf den Dialog. Auch wenn der so knapp wie möglich gehalten werden soll. In einer Konsultationsphase haben Bürger und Gemeinden jetzt sechs Wochen Zeit, Einwände vorzubringen. Dann hoffen die Netzbetreiber, die dringlichsten Fragen bereits behandelt, die größten Zweifel ausgeräumt zu haben.

Doch die dicken Brocken kommen erst in den konkreten Planungsverfahren. "Wir werden es nicht vermeiden können, dass sich Bürgerinitiativen gegen einzelne Bauabschnitte richten", sagt TransnetBW-Chef Joswig. Dann wolle man erklären und für die Notwendigkeit werben. Dass dann am Ende in vielen Fällen der Rechtsweg helfen muss, die Bauvorhaben durchsetzen, fällt an diesem Vormittag nur in einem Nebensatz.

Dabei ist der Bürger längst nicht der einzige potenzielle Bremser beim Netzausbau. Es ist das alte bundesrepublikanische Problem: 16 Länder, 16 Sitten – jeder Teilstaat geht mit Bauplänen anders um. Und das ist ein Problem, wenn es um Vorhaben geht, die Ländergrenzen überschreiten. "Um es einmal politisch korrekt auszudrücken: Da gibt es erheblichen Modernisierungs- und Harmonisierungsbedarf", so Amprion-Chef Kleinkorte. Im Klartext: Die Kleinstaaterei nervt und hemmt. Kleinkorte und seine drei Mitstreiter setzen da auf die Macht der Bundesnetzagentur.

Energiewende gibt's nicht umsonst

Die Bonner Behörde soll beim Express-Ausbau der Netze künftig den Hut aufhaben. Das sieht das mit der Energiewende beschlossene "Netzausbaubeschleunigungsgesetz" vor. Doch die in solchen Moderationsaufgaben vollkommen unerfahrenen Beamten werden bald erkennen, was es heißt, in bisherige Kompetenzen der Bundesländer einzugreifen. Streit ist programmiert. Und der kostet: Zeit und damit Geld.

Womit ein Stichwort genannt ist, das bei der Energiewende häufig nur am Rande fällt. Raus aus der Kernenergie, rein in die Erneuerbaren, ein sauberes Land, das sauberen Strom produziert. Das finden alle gut. Weniger gut finden es die meisten dann, wenn es ihnen ans Portmonee geht. Was die Netzbetreiber erst auf Nachfrage zugeben: Die 20 Milliarden Euro sind reichlich optimistisch gerechnet. Wenn Bürgerinitiativen durchsetzen, dass einzelne Streckenabschnitte unter die Erde verlegt werden, können die Kosten schnell steigen. Wer das am Ende berappen muss, ist leicht auszudenken. Auch hier beschwichtigen die Netzbetreiber: Ja, jeder zahle über den Strompreis auch die Netze mit. Heute schon seien das zwischen drei und fünf Prozent. Bei diesem Anteil werde es bleiben, so die Beteuerung. Was aber ja nicht bedeutet, dass der Strompreis nicht insgesamt steigen könnte.

Das Projekt Energiewende auch dann noch zu verteidigen, wenn es unbequem wird, ist Aufgabe der Politik. Kanzlerin Angela Merkel bekräftigte am Vortag noch: "Wir nähern uns in ganz großen Schritten den Dingen, die im Rahmen der gesamten Planung bis 2022 geleistet werden müssen. Die Energiewende, so wie wir sie vor einem Jahr beschlossen haben, ist machbar." Mit Elan will sie Ordnung in den Prozess bringen.

Und das ist auch bitter nötig: Umweltminister Norbert Röttgen galt als mit der Energiewirtschaft zerstritten, sein Nachfolger Peter Altmaier soll eine neue Chance bekommen. Wenn sie ihm Kabinettskollege Philipp Rösler von der FDP überhaupt gibt. Der FDP-Mann ist auf der Suche nach einem Projekt, bei dem er sich profilieren kann. Da kommt ihm der Neue von der Union ungelegen. Und wieder ist Streit programmiert. Rösler sagt: "All das, was wir uns vorgenommen haben, und all das, was notwendig ist, nämlich der Netzausbau, ist bei gemeinsamer Kraftanstrengung eben auch gemeinsam zu schaffen". Bei all den Unwägbarkeiten die vor ihm liegen, klingt das dann doch sehr wie das Pfeifen im Walde.

Quelle: ntv.de