Politik

Rufmord am eigenen Berater Trump in einem Akt der Verzweiflung

2020-04-18T002201Z_524834615_RC2O6G967OOB_RTRMADP_3_HEALTH-CORONAVIRUS-USA.JPG

Das letzte Mal, dass Anthony Fauci im Weißen Haus in Gegenwart von Donald Trump sprechen durfte, liegt schon viele Wochen zurück.

(Foto: REUTERS)

In der Corona-Bekämpfung genießt Immunologe Fauci bei den Bürgern mehr Vertrauen als Trump. Die Schmutzkampagne gegen den eigenen Regierungsberater zeigt: Die Pandemie ist dem Präsidenten vollständig entglitten, er greift zu einem Verzweiflungsakt.

Die Schmutzattacke aus dem Weißen Haus gegen Regierungsberater Anthony Fauci - sie zeigt vor allem, wie verzweifelt US-Präsident Donald Trump im Umgang mit der Corona-Pandemie inzwischen ist. Fauci, Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID), und stetiger Mahner, die Gefahr ernster zu nehmen, traf am Montag wie an so vielen Tagen im Weißen Haus ein. Er hatte einen Termin mit dem dortigen Stabschef Mark Meadows, Inhalt des Gesprächs: nicht öffentlich.

Weder kann es sich Fauci, der schon seit den Zeiten Ronald Reagans US-Präsidenten in Gesundheitsfragen berät, leisten, sich völlig von der Trump-Administration zu lösen. Schließlich ist er auf seinem renommierten Posten öffentlich angestellt. Für eine Entlassung müssten ihm daher Vergehen nachgewiesen werden. Ihn jedoch auf einen gut bezahlten Versorgungsposten ohne Einfluss abzuschieben, das schiene schon eher möglich.

Genauso wenig ist es aber für das Weiße Haus ein gangbarer Weg, Fauci gänzlich auszuschalten. Denn die jüngste Umfrage zum Thema im Auftrag der New York Times zeigte, dass Wissenschaftler und Experten in der Bevölkerung konstant hohes Ansehen und Vertrauen genießen. 84 Prozent der Befragten hatten demnach Vertrauen in medizinische Wissenschaft und hielten die Informationen über das Corona-Virus für verlässlich. Aufgesplittet nach Parteipräferenz vertrauen Demokraten zu 90 Prozent, bei den Republikanern immerhin noch 75.

Ein stattliches Ergebnis vor dem Hintergrund, dass die Anti-Fauci-Kampagne der vergangenen Tage ja keineswegs der erste Versuch aus dem Umfeld Trumps ist, Experten, deren Aussagen nicht auf Präsidenten-Linie sind, zu diskreditieren. Das persönliche Umfrage-Ergebnis von Anthony Fauci fällt mit 67 Prozent Vertrauen in seine Aussagen zum Coronavirus zwar etwas schlechter aus, aber immer noch um Längen besser als das des Präsidenten: Trump erreicht einen Vertrauenswert von 26 Prozent.

Forscher müssen in Echtzeit lernen

Meinungsforscher in den USA sind dennoch in Sorge, dass Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Aussagen zunehmen könnte, denn zwei Schlüsselfaktoren - Polarisierung und sich widersprechende Aussagen - findet man reichlich in der öffentlichen Pandemie-Debatte. Widersprüchliche Aussagen kommen unweigerlich zustande, wenn Forschung in Echtzeit lernt - etwa dass Masken, anders als zunächst behauptet, doch nützlich sind, oder dass Schmierinfektion weit seltener auftritt als anfangs gedacht. Auch zur Ansteckungsgefahr durch Infizierte ohne Symptome hat sich die Position der US-Experten gewandelt.

Anthony Fauci hat ebenfalls manche Aussage im Lauf der vergangenen Monate revidieren müssen. Einige, die sich im Lauf der Zeit als falsch herausstellten, befinden sich aufgelistet auf dem Papier, das aus Trumps Umfeld verbreitet wurde, um den Ruf von Trumps eigenem Berater zu schädigen. "Mehrere Offizielle des Weißen Hauses sind besorgt über die Anzahl der Male, in denen Dr. Fauci bei Dingen falsch lag", hieß es laut US-Medien begleitend zu dieser Liste.

Genannt werden dort hauptsächlich Äußerungen aus der Phase vor Ausbruch der Pandemie in den USA. So hatte Fauci Ende Februar erklärt, zum damaligen Zeitpunkt müssten die Menschen ihren Alltag nicht umstellen. Was die Liste nicht mehr wiedergibt, sind Faucis nachfolgende Sätze: Die Situation mit geringem Risiko "könnte sich ändern". Es bestehe sogar die Gefahr eines "großen Ausbruchs". Wer derart aus dem Zusammenhang gerissen zitiert, muss sich nicht wundern, wenn ihm böser Wille unterstellt wird.

Auch scheint es die Verfasser der Liste in keiner Weise zu stören, dass Fauci in den allermeisten kritisierten Statements die Dramatik der Krise kleinredet. Man lastet ihm damit etwas als Fehler an, was der Präsident selbst bis zum heutigen Tage permanent tut, nämlich die Krise kleinzureden, sich selbst auf die Schultern zu klopfen - bei weit über drei Millionen Infizierten und mehr als 135.000 Gestorbenen. Faucis Fehler war es also in diesen Situationen laut den Offiziellen aus dem Weißen Haus, sich exakt so zu verhalten, wie sich ihr Chef permanent verhält. Ein großer Unterschied zwischen Trump und Fauci besteht darin, dass Letzterer aus seinen Fehlern gelernt hat und sich angesichts des exponentiellen Anstiegs der Fallzahlen alarmierender äußert als je zuvor.

Die Maske - etwas für naive Warmduscher

Die Polarisierung in der Debatte, die laut der Meinungsforscher ebenso Vertrauen in der Bevölkerung zerstört, erledigt der Präsident gleich mit. Das Tragen oder Verweigern eines Mund-Nasen-Schutzes ist wohl in kaum einem Land der Welt derart zum parteipolitischen Statement geworden wie in den USA. In den Augen vieler Republikaner ist die Maske nur etwas für naive demokratische Warmduscher. In diesem Kontext war es US-Medien ausführliche Berichte wert, dass Donald Trump am vergangenen Wochenende selbst erstmals in der Öffentlichkeit zur Maske griff.

Darüber hinaus scheint der Präsident jedoch weiter unfähig, sich in die Bekämpfung des Virus einzuklinken. Lieber konzentriert er sich auf die Frage, wie sein Wahlkampfteam es schaffen könnte, trotz der Pandemie-Krise eine Giga-Parteitagsshow aufzuziehen, um seine Unterstützer darauf einzuschwören, im November tatsächlich zur Wahl zu gehen. Trump hat den Traum vom Bühnen-Klassiker mit 50.000 Unterstützern noch nicht aufgegeben und lässt sein Team nach Stadien suchen, die sich eignen könnten. Die Show soll stattfinden, koste es, was es wolle. In Zeiten, in denen sich das Virus in den USA offenbar exponentiell verbreitet, würden viele Trump-Fans womöglich mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Quelle: ntv.de