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Russland will uns "kriegsmüde"Tun wir Putin keinen Gefallen

24.02.2026, 14:50 Uhr UnbenanntEin Kommentar von Frauke Niemeyer
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Ein Demonstrant auf einer Kundgebung der neu gegründeten Initiative "We Are Europe" am Brandenburger Tor in Berlin. (Foto: picture alliance / Ipon)

Viele können die Bilder von Kampf und Trümmern nicht mehr täglich ertragen. Das muss man auch gar nicht. Entscheidend ist, dass Deutschland der Ukraine mehr hilft, damit sie gegen den Feind bestehen kann.

Jedes Jahr wird von einer Jury aus vornehmlich Sprachwissenschaftlerinnen das deutsche "Unwort des Jahres" bestimmt. 2025 war es "Sondervermögen", zuvor "Biodeutsch", "Remigration" und "militärische Spezialoperation". Könnte man für die Zwanziger Jahre als größere Zeiteinheit ein "Unwort des Jahrzehnts" prägen, so erschiene "Kriegsmüde" als eine gute Wahl.

Immer mal wieder wird der Bevölkerung in Deutschland - zumeist voller Verständnis - eine gewisse "Kriegsmüdigkeit" mit Blick auf den steten und immer brutaler werdenden Verlauf der russischen Vollinvasion in der Ukraine attestiert. Belegen lässt sich das nicht, per Umfrage wurde der Grad der grundsätzlichen Bereitschaft, die Ukraine weiter zu unterstützen, schon seit Längerem nicht mehr abgefragt. Die Parteien, die an militärischer und humanitärer Hilfe festhalten, haben indes die Mehrheit der Menschen hinter sich.

Doch wenn in politischen Gesprächsrunden für eine Einschränkung deutscher Unterstützung und - als würden sich diese Strategien ausschließen - stattdessen für mehr Diplomatie und Verhandlungen geworben wird, dann geschieht das häufig auch unter Verweis auf deutsche "Kriegsmüdigkeit".

Zum Glück erreichen solcher Art geführte deutsche Debatten selten die ukrainische Bevölkerung. Seit vier Jahren kämpfen die Menschen in der Ukraine um ein Leben in Freiheit - für sich und vor allem auch für ihre Landsleute, die schon jetzt in den von Kreml-Truppen besetzten Gebieten unter russischer Gewaltherrschaft, Schikane und Folter leiden. Wie müsste es sie verstören zu hören, dass ihre Gegenwehr gegen marodierende Kremlkräfte andernorts für "Ermüdung" sorgt?

Wie viele Todesopfer die ukrainische Wehrhaftigkeit schon verlangt hat, lässt sich nicht genau beziffern. Einige Zehntausende müssen es sein, darüber sind sich Militärexperten einig. Bei geschätzten 40 Millionen Einwohnern lässt sich das Leid in etwa so einordnen: Jede Ukrainerin, jeder Ukrainer hat in den vergangenen vier Jahren mehr als eine geliebte, nahestehende Person durch den Krieg verloren.

Der Schwager gefallen, mit 43

Kommt man in Kiew mit jemandem unverhofft ins Gespräch, so landet das höchstwahrscheinlich irgendwann bei einem Satz wie diesem: "Mein Schwager ist im letzten Sommer gefallen. Er war 43. Meine Schwester und er haben drei Kinder zusammen." Die Frau, die diese Worte im Winter 2024 sagte, auf einem Fußweg im Zentrum von Kiew, kam nach kurzer Zeit wieder auf andere Themen. Während ihre deutsche Gesprächspartnerin gedanklich irgendwie in diesem Satz stecken blieb. Die Tragödie, die derart mit wenigen Worten spürbar wurde, schien zu groß, um danach noch über etwas anderes zu sprechen.

Welcher Grad von Solidarität ist angemessen angesichts dessen, was die russische Invasion den Menschen in der Ukraine täglich abverlangt? Hingucken, zuhören, strengt an. Kann einem auch schon mal den Tag vermiesen, wenn sich nächtens mal wieder ein russischer Marschflugkörper in ein Wohnhaus gebohrt hat. Vom obersten Stockwerk bis in den Keller, durch Küchen, Kinderzimmer, Korridore, die plötzlich keine Außenwand mehr haben, aber an den Kleiderhaken hängen noch die Taschen und Mäntel der Menschen, die bis gestern hier lebten und nun tot sind.

Die Ukrainer schauen keine deutschen Talkshows, verfolgen nicht die Debatten, aber eines nehmen sie deutlich wahr: den Grad an konkreter Unterstützung für ihren Freiheitskampf. Sie nehmen wahr, ob ihre Väter, Töchter, Freunde an der Front von erfolgreicher Gegenwehr berichten oder davon, dass mit der letzten Nachschublieferung wieder nur eine Handvoll Munition für den Flakpanzer Gepard kam - einem der effizientesten Mittel gegen russische Shahed-Drohnen.

Noch unmittelbarer nehmen die Menschen wahr, ob Lenkflugkörper für die Patriotsysteme vorhanden sind, oder die russischen Marschflugkörper ungehindert in ihre Ziele einschlagen. Sie atmen auf, wenn die Wohnung nach einem russischen Luftangriff doch wieder warm wird, weil per Generator, Blockheizkraftwerk oder durch schnelle Reparatur die Versorgungslücke geschlossen wurde.

Unterm Strich und aus moralischen Gründen ist es nicht notwendig, sich die täglichen Todeszahlen aus diesem brutalen Eroberungskrieg zuzumuten. Wer Mühe mit der psychischen Verarbeitung hat, hält sich besser fern von Kriegsstatistik und schonungslosen Bildern. Das hat nichts mit "Kriegsmüdigkeit" zu tun, solange man sich einer Tatsache voll bewusst ist: Auch nach vier Jahren Krieg sind die Ukrainer noch immer und jeden Tag angewiesen auf Hilfe ihrer Unterstützer. Auf viel mehr Hilfe noch als zu Beginn des Krieges, weil die Helfenden weniger geworden sind, weil Russland seine Waffen 24/7 baut und Frontsoldaten massenhaft gegen ukrainische Stellungen stolpern lässt, als wären sie keine Menschen.

Die Masse der Hilfe macht's und der Zeitpunkt. Beide Faktoren haben die Deutschen, aber auch die restlichen europäischen Länder auch nach vier Jahren Krieg noch immer nicht als entscheidende Parameter verinnerlicht. Sonst hätte der ukrainische Präsident nicht vor zwei Wochen auf der Münchner Sicherheitskonferenz berichtet, wie ihm der Chef seiner Luftwaffe am Telefon erklärt habe: "Wir haben keine Munition mehr." Das war keine Bankrotterklärung der ukrainischen Armee. Es war eine Bankrotterklärung Europas und aller anderen Länder, die sich als Unterstützer der Ukraine ausgeben.

Soviel, wie die Ukraine braucht

Wer den Kampf der Ukrainer für das Überleben der europäischen Werte und des friedlichen Miteinanders wertschätzt, der sorgt für Nachschub in ihren Munitionsdepots. Der macht sich zudem die Mühe, in die Zukunft zu denken und jetzt Material zu bestellen, das die Ukraine in zwei Jahren brauchen wird. Entweder, um noch immer zu kämpfen oder um einen fragilen, durch Russland gefährdeten Waffenstillstand abzusichern.

Wer den Kampf der Ukrainer wertschätzt, der arbeitet daran, militärische Produktion zu skalieren, Prozesse zu verkürzen, Lieferwege zu sichern, Ausbildung an neuen Systemen anzubieten, insgesamt besser zu werden. Nicht der Vergleich zwischen der Qualität deutscher Hilfe jetzt und 5000 Helmen im Winter vor vier Jahren ist entscheidend, sondern der Vergleich zwischen der Qualität deutscher Hilfe jetzt und dem, was die Ukraine braucht - an der Front und in den Städten. So einfach ist das.

Quelle: ntv.de