Politik

Vier Jahre trotziger WiderstandPutin bombt wie der Teufel, aber die Ukrainer bricht er nicht

23.02.2026, 18:31 Uhr 5UbL9d25-400x400Von Denis Trubetskoy, Kiew
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Wenn die Wohnungen kalt bleiben, treffen sich die Menschen in Kiew in Zelten, um sich aufzuwärmen und einander Mut zuzusprechen. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Es ist eisig und dunkel in Hunderttausenden Wohnungen Kiews. An der Front geht das Sterben weiter bei minimalen Frontverschiebungen. Präsident Selenskyj durchlebt Skandale. Und doch: Am vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion bleiben die Ukrainer widerständig - und blamieren weiter Putin.

Zur Tatsache, dass die Ukraine gerade den bisher schwersten Kriegswinter erlebt, ist eigentlich alles gesagt. Dabei geht es bei weitem nicht nur um die Front, wo Russland seit Oktober 2023 die strategische Initiative innehat, die ukrainische Armee unter Druck setzt und langsam, aber kontinuierlich vorankommt. Die russischen Angriffe auf Energieanlagen der Ukraine sind per se auch nicht neu. Die erste Beschusswelle dieser Art erlebten wir bereits im Winter 2022/2023.

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Anwohnerinnen paassieren die Löscharbeiten: In der Nacht zu Sonntag schlugen russische Geschosse in der Region Kiew ein, zerstörten Wohnhäuser. (Foto: picture alliance / Hans Lucas)

Die aktuelle, seit Mitte Oktober anhaltende Angriffswelle gepaart mit teilweise zweistelligen Minustemperaturen hat die Ukraine und vor allem die Hauptstadt Kiew aber besonders hart getroffen. Hunderttausende Menschen in der Drei-Millionen-Stadt mussten und müssen bei eiskaltem Wetter ohne Strom, Heizung und Leitungswasser auskommen. Die Hauptstadtbewohner müssen jeden Tag, 14 bis 15 Stunden ohne Strom auskommen. Nach praktisch jedem Angriff bleiben weitere Wohnungen unbeheizt.

Putins Raketenkampagne verfehlt ihr Ziel

Der letzte Großangriff fand in der Nacht auf Sonntag den 22. Februar statt. Wieder setzte Russland rund 300 Drohnen und 50 Raketen ein. Ihr Hauptziel: Kiew und die Region rund um die Hauptstadt. Inzwischen ist es Russland gelungen, rund die Hälfte der im Winter zur Versorgung des Landes benötigten Stromkapazitäten zu zerstören oder zu beschädigen. Das heißt: Selbst, wenn der Krieg morgen wundersamerweise plötzlich endete, würden Stromausfälle im Winter noch über Jahre zum Alltag gehören.

Was am Ende dieses Winters allerdings auch feststeht: Trotz der offensichtlichen humanitären Katastrophe konnte Wladimir Putin sein Ziel nicht erreichen, Kiew unbewohnbar zu machen, für eine bedeutende Ausreisewelle zu sorgen oder vielleicht sogar Proteste gegen die Regierung von Wolodymyr Selenskyj zu provozieren.

Dass die Menschen in der Ukraine nach vier Jahren müde sind, versteht sich. Dennoch gilt weiterhin, dass diese Angriffswellen auf das zivile Leben den Menschen verdeutlichen, dass ihr Feind in Moskau sitzt – und nirgendwo sonst. Das Ergebnis der Angriffe auf Energieanlagen sind also nicht nur starke Beschädigungen und Tage in Kälte und Dunkelheit. Sondern sie bewirken einmal mehr eine riesige Solidaritätswelle unter den Menschen, die unter diesen Umständen einander aushelfen.

Ukrainische Armee übersteht ein Jahr Trump

Eine ähnliche Riesenleistung wie die Menschen im Hinterland, wo etwa die Mitarbeiter der Energieunternehmen bei Reparaturen und Instandsetzungen wahre Wunder vollbringen, zeigt die ukrainische Armee an der Front. Groß waren die Hoffnungen Russlands, dank der schwindenden Unterstützung durch die USA unter Donald Trump einen strategischen Durchbruch zu erreichen. Das ist Russland weder im Sommer 2025 noch im Winter 2025/2026 gelungen, obwohl die russische Armee gerade in den Regionen Donezk und Saporischschja langsam vorankommt.

Trotz der offensichtlichen personellen Probleme der ukrainischen Streitkräfte bleibt Russland weit von dem politischen Ziel entfernt, das gesamte Gebiet Donezk zu besetzen. Es ist trotz des riesigen Drucks nicht zu erwarten, dass die ukrainische Front in absehbarer Zeit kollabieren könnte. Im Süden des Landes führt die Ukraine sogar halbwegs erfolgreiche Gegenangriffe durch. All das verlangt enorme Anstrengungen auf der ukrainischen Seite, geht jedoch bei dem allgemeinen Kriegsgeschehen oft unter.

Umso größer ist der Wunsch bei den Ukrainern, dass der Krieg nach vier Jahren trotz allem aufhört. Die leisen Hoffnungen auf Donald Trump und eine Art neuer Dynamik im allgemeinen Verhandlungsprozess, die anfangs überwogen, sind jedoch Vergangenheit. Stattdessen wird immer deutlicher, dass die Verhandlungen in einer Sackgasse stecken.

Wie soll Selenskyj Donezk aufgeben?

Abgesehen von der Tatsache, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass Russland aktuell die Lust hätte, den Krieg gegen die Ukraine einzustellen, bleiben die wichtigsten politischen Fragen ungeklärt. Dabei geht es vor allem um den Norden der Region Donezk mit größeren Städten wie Slowjansk und Kramatorsk samt ihren gut ausgebauten Verteidigungsstellungen: Russland und die USA drängen die Ukraine, das Gebiet zu räumen, damit ein Waffenstillstand denkbar wird.

Offenbar verknüpft die US-Seite diese Forderung auch mit den der Ukraine in Aussicht gestellten Sicherheitsgarantien. Für Kiew bleibt die Aufgabe von Donezk ein No Go - und das nicht nur, weil völlig unklar ist, warum die ukrainische Armee Stellungen räumen sollte, die Russland nicht zu erobern in der Lage ist. Auch die humanitäre Frage, was aus den verbliebenen Bewohnern dieser Gebiete werden soll, ist nicht die einzige, die sich stellt.

Vor allem bleibt weiterhin offen, was passieren wird, sollte die Ukraine diese Forderung Moskaus umsetzen. Sehr wohl ist dann mit weiteren Ultimaten zu rechnen, die dann die nur teilweise russisch besetzten Regionen Cherson und Saporischschja betreffen könnten. Diese hatte Putin qua Verfassungsänderung im Herbst 2022 ebenfalls der Russischen Föderation zugeschlagen. Dabei stand die Großstadt Saporischschja keine Sekunde lang unter Kontrolle der russischen Streitkräfte. Dass Russland, das sich unverändert auf dem Vormarsch sieht, sich lediglich mit dem Donbass, also den Regionen Donezk und Luhansk, zufriedengibt, ist nicht zu erwarten.

Kiew hebt Verhandlungen auf höhere Ebene

Dabei kann der ukrainischen Seite nicht vorgeworfen werden, keine Einigung erzielen zu wollen. Sehr wohl haben die Veränderungen im ukrainischen Verhandlungsteam für einen neuen Charakter der Gespräche gesorgt und Russland in eine Lage gebracht, in dem Moskau die Zusammensetzung ihrer Delegation umdenken musste. Militärs, die konkrete technische Fragen besprechen, spielen dort jetzt die erste Geige.

Auf der ukrainischen Seite ist es nun der neue Leiter der Präsidialverwaltung Selenskyjs und ehemalige Chef des Militärgeheimdienstes HUR, Kyrylo Budanow, der für den Prozess federführend ist. Auch der mächtige Chef der Präsidentenfraktion, Dawid Arachamija, einst Delegationsleiter bei den Gesprächen in Belarus und Istanbul 2022, ist in den Prozess wieder reingerückt. Beide Akteure zeichnen sich zudem durch gute Beziehungen in die USA aus.

Auf diese Personalauswahl musste Russland reagieren. Ohnehin finden sich beide Konfliktparteien in einer Situation wieder, in der sie Donald Trump nicht direkt Nein sagen können - und dieser Umstand eröffnet vielleicht sogar ein kleines Gelegenheitsfenster: Russland muss schließlich glaubhaft so tun als ob.

Die Veränderungen bei den Delegationen ändern jedoch die politischen Schlüsselvorgaben nicht. Und daher geht es der Ukraine in den schwierigen Gesprächen mit Washington weiterhin vor allem um eines: Nämlich das Wenige zu behalten, was die USA der Ukraine noch an Unterstützung gewähren. Das ist vor allem der Waffen- und Munitionsverkauf über europäische Länder sowie die fortgesetzte Übermittlung der US-Aufklärungsdaten.

Die Regierung steht trotz Erschütterungen

Ein erfreuliches Zeichen aus ukrainischer Sicht ist am Ende des vierten Kriegsjahres vor allem, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj die innenpolitische Krise überwinden konnte. Diese begann Ende 2026 mit der sogenannten Operation "Midas" der ukrainischen Antikorruptionsbehörden. Die aufgedeckten Machenschaften betrafen vor allem den ukrainischen Energiesektor und führten etwa zur Entlassung des mächtigen Stabschefs Selenskyjs, Andrij Jermak, der vorher einen enormen Einfluss auf die Innen- und Außenpolitik des Landes hatte.

Dass Jermak durch den beliebten Generalleutnant Budanow ersetzt und der 35-jährige, erfolgreiche Ex-Digitalminister Mychajlo Fedorow zum neuen Verteidigungsminister ernannt wurde, wurde innerhalb des Landes wohlwollend aufgenommen. Als Zeichen, dass sich das System auch mitten im laufenden Krieg verändern und erneuern kann.

Deshalb sind die vielen innenpolitischen Spannungen, die fest zum Alltag in der Ukraine gehören, aber nicht erledigt. So hat der ebenfalls beliebte Ex-Armeechef und heutige Botschafter in London, Walerij Saluschnyj, neulich ungewöhnlich harte Kritik an der Planung der Sommeroffensive 2023 ausgesprochen. Das schlug Wellen im Land, doch Selenskyj ist nicht geschwächt. Seine ungebrochene Autorität ist für den weiteren Kriegsverlauf von immenser Bedeutung.

Denn die Ukraine braucht noch ein enormes Durchhaltevermögen und viel innere Stabilität, um weiterhin Wunder im Abwehrkrieg gegen Russland zu bewirken. Auf den vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion, den das Land in einem fortgesetzten Kriegszustand erlebt, könnte ein fünfter folgen. Das ist das wahrscheinlichste Szenario, solange keine realistische Verhandlungslösung auf dem Tisch liegt.

Quelle: ntv.de

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