US-Wahl 2020

 "Scheiß auf eure Gefühle" So oder so, Trump bleibt ihr Präsident

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"Fraud" - Betrug bei der US-Präsidentschaftswahl, davon sind hier viele überzeugt.

Tausende Trump-Anhänger ziehen zum Supreme Court. Bekannte Gesichter der Rechten peitschen sie auf. Viele fühlen sich um den Wahlsieg betrogen. "Seit dem Vietnamkrieg war die Stimmung nicht mehr so geladen", sagt einer.

Im Zug in Richtung Hauptstadt herrscht Vorfreude. Einige in Rot gekleidete Fahrgäste steigen in Wilmington ein, begrüßen weitere Insassen mit Trump-Fanutensilien wie alte Freunde, stoßen an und suchen sich Sitzplätze. Endlich in Washington D.C. angekommen, ziehen sie gemeinsam zum Freedom Plaza am Weißen Haus. Der Himmel strahlt blau, Verkäufer bieten Brezeln an, das Angebot der zwei Mund-Nasen-Bedeckungen für 25 Dollar findet kaum Käufer. Journeys "Don't Stop Believing", dröhnt aus den Boxen, Fahnen wehen im Wind, Tausende sind gekommen. Volksfeststimmung.

So wird es die meiste Zeit bleiben, bis in der frühen Dämmerung einige Gegendemonstranten und Trump-Anhänger aufeinandertreffen, Steine, Flaschen und Fäuste fliegen. Die Polizei nimmt mindestens 20 Personen fest, vier davon wegen Verstoß gegen das Waffengesetz. Die Auseinandersetzungen machen den erbitterten Konflikt deutlich, der nicht nur in der Hauptstadt, sondern im ganzen Land tobt: Die Demokraten und die Medien sagen, Joe Biden habe gewonnen. Viele Republikaner und Trump-Anhänger wollen das nicht akzeptieren. Eine kleine T-Shirt-Auswahl: Trump zeigt den Mittelfinger, Trump als Rambo, "We the People are pissed off", in Anspielung auf die Verfassung der USA, "Stop the Steal" (Stoppt den Diebstahl), oder einfach nur "Fuck your feelings". Scheiß auf eure Gefühle.

Vor den Auseinandersetzungen waren die Demonstranten - US-Medien sprechen von etwa 10.000, Trump erst von Hunderttausenden, dann von Zehntausenden - vom Weißen Haus in Richtung Supreme Court gezogen, und hatten dort mehrere Stunden verbracht. Die Polizei hatte für den Marsch große Bereiche der Innenstadt abgesperrt und zusätzlich eine Bannzone für jegliche Feuerwaffen eingerichtet. Irgendwo steht ein afroamerikanischer Geistlicher mit Rosenkranz in der Hand und "Black Lives Matter"-Shirt. Die Trump-Fans mustern ihn, aber er segnet sie. Was er hier tue? "Ich bete für Frieden."

Viele Anhänger sind von außerhalb der Stadt gekommen, denn in Washington selbst stimmten 92,9 Prozent für Joe Biden. Für ihre Anreise belohnt werden sie am Freedom Plaza bereits vormittags. Da fährt US-Präsident Donald Trump winkend in seiner Limousine vorbei in Richtung Golfplatz. Der Treffpunkt füllt sich; mittags kommt plötzlich noch mehr Unruhe in die Menge. Milizionäre der "Proud Boys" bahnen einen Weg für Alex Jones, den rechtsradikalen Verschwörungstheoretiker der Website Infowars. Manche tragen T-Shirts mit der Aufschrift "stand back and stand by", haltet euch zurück und haltet euch bereit. Dies hatte Trump beim ersten TV-Duell mit Joe Biden über die "Proud Boys" gesagt und Jubel bei rechten bewaffneten Gruppen ausgelöst.

Nationalhymne, Gebete und "U-S-A!"

Auf der offiziellen Bühne stimmt eine Sängerin die Nationalhymne an, die Menge singt mit. Gott solle den Anwesenden Kraft für die kommenden Wochen oder gar Monate verleihen, betet ein Geistlicher durchs Mikrofon: "Du kennst das Böse, oh Herr, wir bitten Dich, den Betrug zu enthüllen." Während Alex Jones ein paar Meter weiter mit Megafon und Reibeisenstimme "U-S-A" und andere Sprechchöre anstimmt, wird Trump vom Geistlichen irgendwann zum "letzten Beschützer unserer Zivilisation" erklärt. Die Anwesenden jubeln. Dann setzen sie sich auf Kommando von Jones zum Supreme Court in Bewegung.

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Alex Jones betreibt die Website Infowars.

(Foto: Roland Peters)

Das Gebäude des Obersten Gerichts befindet sich gegenüber des Kongresses, dies soll die Macht der Judikative über die Legislative zeigen. "Ich bin kein Trump-Fan, aber für ihn, und er ist sehr populär", sagt einer, der aus beruflichen Gründen seinen Namen nicht nennen will. Allen Vorwürfen über möglichen Wahlbetrug müsse nachgegangen werden. Und wenn die Ermittlungen nichts Wahlentscheidendes zutage fördern? "Einen Bürgerkrieg halte ich für unwahrscheinlich, aber die Stimmung ist so geladen wie seit dem Vietnamkrieg nicht mehr." Ein paar Gegendemonstranten nähern sich und werden per Megafon damit beschallt, welche mutmaßlichen familiären Probleme sie wohl gehabt haben mögen, dass sie nicht für Trump sind. Während die Polizei sich dazwischen stellt, beobachtet eine weitere Miliz aufmerksam die Situation.

Auf der Bühne vor dem Supreme Court hat Alex Jones einen weiteren Auftritt, es folgen mehrere konservative Politiker, die Trump die Stange halten. "Four more years!", vier weitere Jahre, fordert die Menge. Großer Jubel brandet auf, als jemand den Weg dorthin beschreibt: Durch Neuauszählungen würden Biden die nötigen Wahlmännerstimmen wieder aberkannt und am Ende werde das Repräsentantenhaus Trump für eine zweite Amtszeit ernennen. Auch der Brauch, dass US-Medien einen Sieger voraussagen, bevor es amtliche Ergebnisse gibt und die Wahlmänner ihn bestimmt haben, wird zum Argument gegen die großen Medien verwendet.

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Brian Bochicchio und Barbara Heard sind von einem Wahlsieg Trumps nach wie vor überzeugt.

(Foto: Roland Peters)

Aufmerksam hört auch Barbara Heard zu, eine der wenigen mit Mund-Nasen-Schutz. "Die Mainstream-Medien und Big Tech erwähnen all das nicht, weil sie Angst haben zu verlieren", meint die 62-Jährige: "Die tendieren alle nach links." Barbara Heard ist selbstständig, gegen Abtreibungen und illegale Einwanderung. Sie findet, Trump habe einen tollen Job gemacht: "Ich habe mehr Geld in der Tasche als vor fünf Jahren." Außerdem schützten die neuen konservativen Richter am Supreme Court ihre Interessen. Ob sie denke, dass Trump am Ende der ganzen Rechtsstreite gewinnen werde? "Oh ja", mischt sich ihr Begleiter Brian Bochicchio ein, es gebe die Beweise für Wahlbetrug, "aber sie halten noch ihr Schießpulver trocken".

"Das ist irrsinnig!"

"Niemals mehr werdet ihr vergessen werden", tönt es von der Bühne: "Ihr seid die schweigende Mehrheit!" Die mehrheitlich Weißen jubeln laut. Noch mehr, als ein vorgeblich demokratischer Afroamerikaner minutenlange Elogen auf den Präsidenten singt, der so viel für die Schwarzen getan habe und keinesfalls ein Rassist sei. Kurz danach ist die Veranstaltung vorbei, die meisten ziehen ab. Eine Gruppe Chinesen posiert in blauen Kapuzenpullovern mit dem Aufdruck "The New Federal Republic of China" und skandieren Trumps Namen. Es ist eine Initiative des rechten Strippenziehers und Ex-Beraters im Weißen Haus, Steve Bannon. Gemeinsam mit dem chinesischen Milliardär Miles Kwok hatte er im Juni eine demokratische Republik China unter diesem Namen ausgerufen. Auf dem Schiff des Milliardärs, vor der Freiheitsstatue in New York City.

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Sind vom Verhalten der Demonstranten entsetzt: Jonas Reagan und Juanita Gray.

(Foto: Roland Peters)

Auf dem Weg zurück zur Zugstation sind viele zufriedene Gesichter zu sehen, außer zwei. "Mir wird richtig schlecht", sagt Jonas Reagan. Der 28-Jährige wohnt in Washington und wollte sehen, was hier los ist; eine halbe Stunde der Veranstaltung hat ihm gereicht. Seine Begleitung, eine Afroamerikanerin, hält ein "Biden Harris"-Schild in die Höhe, er trägt einen entsprechenden Mund-Nasen-Schutz. Da rast ein Van heran, die Tür öffnet sich und jemand hält im Vorbeifahren das Handzeichen der "Proud Boys" heraus. Es sei nochmal etwas ganz anderes, so etwas persönlich zu erleben, sagt er: "Das ist irrsinnig!"

Während sich an anderen Stellen der Stadt die Trump-Gegner und -Befürworter ihre Scharmützel liefern, sitzt eine Gruppe von Trump-Anhängern am Bahnhof. Die drei warten auf ihren Zug zurück in den Bundesstaat Delaware. "Wenn sie das durchgehen lassen und Trump verliert", sagt der eine, "dann wähle ich nicht mehr, auch wenn sie genau das damit erreichen wollen". Biden soll mehr Stimmen auf sich vereint haben als Ex-Präsident Barack Obama? "Niemals", schüttelt der zweite den Kopf. Überhaupt sei ja die Wahlsoftwarefirma "Dominion" korrupt und es gebe viele Zweifel an dem Abstimmungsergebnis. Ähnliche Vorwürfe machte Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani gegen den Wahlmaschinenhersteller Smartmatic. Die verantwortliche Aufsichtsbehörde und Faktenchecker haben beide Vorwürfe entkräftet.

All diese abseits der großen Medienhäuser gesäten Zweifel nähren den Glauben der Trump-Anhänger, die Wahl sei ihnen "gestohlen" worden. Emotionen verzerren Fakten. Wie auch immer all das am Ende ausgeht - "der beste Präsident in der Geschichte seit Abraham Lincoln" bleibt Trump für sie trotzdem. Biden mag der kommende US-Präsident sein. Aber in der Welt vieler Demonstranten ist Trump der wahre Wahlsieger. Ihre Sorge ist, ob dies auch offiziell wird. Wenn nicht, da sind sie sicher, sind er und sie gemeinsam betrogen worden.

Quelle: ntv.de