Politik

Exodus aus Israel Vielen "Schwarzen Hebräern" droht Abschiebung

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Nicht alle Black Hebrews in Dimona haben die israelische Staatsbürgerschaft oder ein Bleiberecht.

(Foto: REUTERS)

Viele Mitglieder einer afroamerikanischen Gemeinschaft im Süden Israels müssen das Land bis Ende Juni verlassen. Sie gehören den "Schwarzen Hebräern" an, die sich als Abkömmlinge der biblischen Israeliten ansehen.

Bei einer Hochzeit in Dimona, einer Kleinstadt im nördlichen Teil der Negevwüste, mischen sich afrikanische Trommeln mit jüdischen Ritualen. Die Gäste tragen farbenprächtige Kleidung, eine Reggae-Band spielt Songs von Bob Marley. Als sie das Stück "Exodus" spielen, erscheint das Brautpaar. "Wir verlassen Babylon, wir gehen in das Land unserer Väter", singt die Hochzeitsgesellschaft auf Englisch. Alle gehören der rund 3000-köpfigen Gemeinde der "Schwarzen Hebräer" an, den Black Hebrew Israelites.

"Exodus" passt ganz gut, nur ist in diesem Fall nicht der Auszug der Israeliten aus der Sklaverei und die Rückkehr ins Heilige Land gemeint, sondern das Gegenteil: Rund einhundert Anhänger der veganen und polygamen Gemeinschaft sollen noch in diesem Monat aus Israel ausgewiesen werden, zurück in die USA.

"Das ist ein Schock", sagt Prinz Immanuel Ben-Yehuda, der Sprecher der Black Hebrews. 46 Familien müssten das Land bis Ende Juni verlassen. Mit weiteren Mitgliedern sowie Benny Biton, dem Bürgermeister von Dimona, haben sie eine Kampagne gegen die Abschiebungen gestartet. Der Aktivist wirft den Behörden Rassismus vor. Inzwischen haben bereits mehr als 12.000 Israelis Online-Petitionen gegen die Abschiebungen unterschrieben. "Es gibt keine andere Gemeinschaft, die über ein halbes Jahrhundert so viel gab und immer noch von Abschiebung bedroht ist", sagt er.

Die Wurzeln liegen in Chicago

Die Gruppe stammt ursprünglich aus Chicago. Dort will der ehemalige Stahlarbeiter Ben Carter 1966 eine Vision gehabt haben, bei der ihn der Erzengel Gabriel aufforderte, sein Volk, die afrikanischen Israeliten, ins Gelobte Land zu bringen. Carter hat schon seit einigen Jahren Kontakt zu "schwarzen Israeliten", die davon überzeugt sind, Moses und die Propheten seien schwarz gewesen. Unter diesem Eindruck nimmt er den Namen Ben Ammi Ben-Israel an und zieht 1967 mit einigen Hundert Anhängern zunächst nach Liberia, dann weiter nach Israel, nach Dimona, um dort das "Dorf des Friedens" aufzubauen.

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Einige Black Hebrews dienen in der israelischen Armee.

(Foto: REUTERS)

"Ihre Anwesenheit war von Anfang an umstritten", erzählt Liora Gerber, die als Anwältin zahlreiche Black Hebrews gegen das Innenministerium vertreten hat. "Nur einige Mitglieder wurden eingebürgert. Die meisten hat man abgelehnt, obwohl sie seit einem halben Jahrhundert darum kämpfen." Ein Komitee untersuchte 1980 den Status der Gemeinde und gab ihnen schließlich einen dauerhaften Wohnsitz. Allerdings war es den Oberen untersagt, neue Mitglieder aus dem Ausland hinzuzufügen. "Obwohl einige in der Armee dienten und sich gut integriert haben, ist ihre Zukunft im jüdischen Staat ungewiss, da ihr ständiger Aufenthaltsstatus jederzeit widerruft werden kann", sagt die Menschenrechtsaktivistin.

Die Gründer der Gemeinschaft sind nichtjüdische Afroamerikaner, die sich selbst als Nachkommen der alten Israeliten, aber nicht als Juden sehen. Da sie sich nach dem israelischen Rückkehrgesetz nicht für die Staatsbürgerschaft qualifizierten, kamen sie als Touristen und blieben illegal. Nach einem langen Prozess erhielt Ben Ammi Ben-Israel erst 2013 - in einer besonderen Zeremonie im Beisein des damaligen Innenministers Gideon Sa’ar - die israelische Staatsbürgerschaft. Ein Jahr darauf verstarb der charismatische Führer nach schwerer Krankheit. "Die Politik macht es ihnen nicht leicht", sagt Gerber. "Viele wurden hier geboren. Wenn nötig, werden wir beim Obersten Gerichtshof klagen."

Die Black Hebrews sehen sie sich selbst nicht als Sekte oder religiöse Gruppe, sondern eher als Gemeinschaft von Wahrheitssuchenden, die nach Gottes Gesetzen leben, wie sie in der Thora festgehalten sind. Dies beinhaltet auch die Beschneidung von Jungen acht Tage nach der Geburt, die Taufe sowie Elemente der traditionellen afrikanischen Kultur. Ihre in Israel verbotene Praxis der Polygamie versuchen die Behörden zu ignorieren. Sie fasten am Schabbat, halten biblisch vorgeschriebene Feiertage ein und zelebrieren jährlich ihren Exodus aus den USA. Als strenge Veganer stellen sie auch koschere vegane Lebensmittel in ihrer Fabrik in Dimona her.

"Wer kein Aufenthaltsrecht hat, wird abgeschoben"

Immer wieder wehrte sich die Gemeinde gegen drohende Abschiebungen. "Wie alle souveränen Staaten nimmt sich Israel das Recht, Gesetze zu erlassen, wer hier Bürger sein kann und wer nicht", rechtfertigt Yoel Lipovitzky von der Einwanderungsbehörde die Deportation. "Einige, die abgeschoben werden sollen, haben seit 1990 einen illegalen Status. Auch wenn sie im Lande Kinder zur Welt gebracht haben, so verleiht es ihnen nach israelischem Gesetz keine Staatsbürgerschaft."

Zuletzt allerdings begannen sich die Beziehungen zu den Black Hebrews zu verbessern, als die Regierung einigen Mitgliedern eine Arbeitserlaubnis erteilte. Auch wurde die Gemeinde von allen möglichen hochrangigen israelischen Politikern besucht, darunter Noch-Premierminister Benjamin Netanjahu und der inzwischen verstorbene Staatspräsident Shimon Peres, der seinen 85. Geburtstag im Friedensdorf feierte.

"Abgesehen vom rechtlichen Status leistet diese Gruppe einen wertvollen Beitrag zum kulturellen Leben von Dimona", räumt auch Yoel Lipovitzky ein. "Doch einige der Black Hebrews halten sich illegal in Israel auf." Er erklärt, dass die Gemeinschaft ständig neue Mitglieder präsentiere und alle paar Jahre das Einwanderungsministerium bitte, deren Aufenthaltsgenehmigung zu prüfen, damit diese offiziell bleiben dürfen. "Wer nach Gesetz kein Recht auf Aufenthalt hat, wird abgeschoben", sagt der Integrationsbeamte.

Die Black Hebrews sind enttäuscht vom Innenministerium. "Der Kampf geht weiter", sagt Prinz Immanuel Ben-Yehuda. "Wir sind hier, weil wir uns entschieden haben, dieses Land mit aufzubauen." Der Großteil der Gesellschaft heißt die Gruppe mittlerweile willkommen und sieht sie auch als integralen Teil Israels, was Ben-Yehuda freudig stimmt: "Von der Sklaverei in Chicago zur Freiheit in Dimona."

Quelle: ntv.de

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