Politik

"Schmutziges Geheimnis" Warum die Umfragen derart danebenlagen

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Trump-Wähler schauen am Wahlabend nach den ersten Ergebnissen.

(Foto: REUTERS)

Wahlumfragen sind selten exakt - das ist normal. Die Abweichungen bei der Wahl in den USA allerdings sind ungewöhnlich hoch. Es gibt mehrere Gründe, woran das liegen könnte.

Wer bei der Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen oder verloren hat, steht zwei Tage nach Beginn der Wahl immer noch nicht fest. Viel spricht auch dafür, dass noch einige Zeit verstreichen wird, bis der Sieger endgültig klar ist. Einen Verlierer haben aber inzwischen viele Amerikaner ausgemacht: die Demoskopen. Und tatsächlich sind die Vorhersagen teils gravierend von den tatsächlichen Ergebnissen abgewichen.

Im Bundesstaat Ohio etwa sagten die letzten Zahlen von "Real Clear Politics" einen knappen Sieg von Donald Trump voraus. Einen Prozentpunkt lag der Amtsinhaber in der Erhebung vor Herausforderer Joe Biden. Inzwischen ist klar: Trump liegt in Ohio mehr als acht Prozentpunkte vor Biden. In Florida prognostizierte "FiveThirtyEight", ebenfalls eine der nahmhaften Quellen für Umfragen in den USA, einen Sieg Bidens mit 2,5 Prozentpunkten Vorsprung. Es kam anders: Im Sunshine State gewann Trump - und zwar mit einem Vorsprung von 3,4 Punkten. Mit 2 Prozentpunkten Vorsprung sollte Biden einer Erhebung von "Real Clear Politics" zufolge in Iowa gewinnen. Was geschah? Trump holte den Bundesstaat mit mehr als 8 Prozentpunkten Vorsprung.

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Bemerkenswert dabei ist, dass weder "Real Clear Politics" noch "FiveThirtyEight" selbst Umfragen durchführen. Beide Portale aggregieren Erhebungen unterschiedlicher Institute und beanspruchen so für sich, besonders exakte Voraussagen treffen zu können. Aber nicht nur sie lagen falsch. Landesweit verzeichneten unterschiedliche Demoskopen seit Wochen vor der Wahl einen stabilen Vorsprung für Biden. Im Schnitt lag der Demokrat zuletzt fast 10 Prozentpunkte vor Trump. In Wirklichkeit aber ist dieser Vorsprung kleiner als 2 Prozentpunkte. Woher kommt diese erhebliche Diskrepanz?

Es gibt mehrere mögliche Gründe für das Versagen der Umfragen:

  1. Die Wahlbeteiligung in diesem Jahr war ungewöhnlich hoch, so hoch wie seit mehr als 100 Jahren nicht. In der Vergangenheit hat eine hohe Beteiligung meistens zu guten Ergebnissen der Demokraten geführt. Das liegt daran, dass bei vergangenen Wahlen die "blauen" Kandidaten - also die Demokraten - in diesen Fällen überproportional Angehörige von Minderheiten an die Urne locken konnten. Bei der Wahl in diesem Jahr hat nun aber offenbar vor allem Trump seine Klientel mobilisieren können. Der Anteil weißer Wähler ohne College-Abschluss war unerwartet hoch.
  2. Einen weiteren Grund beschreibt der US-Politikwissenschaftler Salvatore Babones in einem Gastbeitrag im "Sydney Morning Herald" als "schmutziges Geheimnis der Demoskopie". Demnach sind die Antwortquoten bei Telefonumfragen in den USA regelrecht eingebrochen. Dem Meinungsforschungsinstitut Pew zufolge haben vor 20 Jahren noch 36 Prozent der Angerufenen bei Umfragen per Telefon mitgemacht. Inzwischen liegt dieser Wert bei 6 Prozent. Babones schreibt weiter, dass es in der Branche Gerüchte gebe, es würden nur noch rund 3 Prozent teilnehmen. Seine Vermutung, was dahinterstecken könnte, lautet: In einem Zeitalter, in dem fast jeder Mensch mit einem Smartphone ausgestattet ist, nimmt kaum noch jemand Anrufe mit verborgener Rufnummer entgegen. Gegen diese These spricht allerdings, dass viele Online-Umfragen auch nicht exakter waren.
  3. Eine Rolle gespielt haben könnte ebenso ein Effekt, den es auch in anderen Staaten gibt - und der auch in Deutschland bekannt ist. Dabei geht es um das 1972 von den Soziologen Derek Philipps und Kevin Clancy entwickelte Konzept der sozialen Erwünschtheit. Demnach verweigern sich manche Menschen Umfragen oder geben wissentlich falsche Antworten, weil sie befürchten, mit wahrheitsgemäßen Angaben gegen soziale Normen zu verstoßen. In der Folge sind Voraussagen über Meinungen abseits des sozialen Mainstreams deutlich unzuverlässiger.
    Bei Wahlen in Deutschland ließ sich dieser Effekt beim überraschenden Erfolg der Republikaner 1992 bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg beobachten und bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 1998, wo die rechtsextreme DVU aus dem Stand 12,9 Prozent der Stimmen holte - letzte Umfragen sahen die Partei bei nur 6 Prozent. Und auch die Wahlergebnisse der AfD sind traditionell von diesem Effekt gekennzeichnet - zum Teil erheblich. Bei den vergangenen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Berlin hatten die Befragungen am Wahltag (Exit-Polls) eine Abweichung von 25 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2013 waren es sogar fast 50 Prozent.
    In den USA wird dieser Effekt auch mit "Shy Trump Voters" erklärt, mit "schüchternen" Trump-Wählern. Wie groß der Effekt wirklich ist, lässt sich noch nicht sagen. Das republikanische Lager hat in der Vergangenheit auch versucht, ein politisches Narrativ daraus zu entwickeln - das der "Silent Majority", der schweigenden Mehrheit, die angeblich hinter Trump steht. Dafür spricht, dass eine Umfrage in Florida, die von Computerstimmen geführt wurde, deutlich näher am tatsächlichen Ergebnis lag. Denn vor einem Computer muss sich niemand für seine Vorlieben schämen. Dagegen spricht, wie oben bereits genannt, dass auch anonyme Online-Umfragen teils keine exakten Ergebnisse liefern konnten.
  4. Möglicherweise hat Trump aber auch auf den letzten Metern im Wahlkampf noch viele Amerikaner überzeugen können. Im Gegensatz zu seinem Mitbewerber hat der Präsident trotz der Corona-Gefahr in den wichtigen Swing States Massenveranstaltungen abgehalten. Möglicherweise hat der Amtsinhaber so in den letzten Tagen vor der Wahl noch viele Wähler mobilisieren können - und es war schon zu spät, als dass diese Entwicklung noch von den Umfragen hätte abgebildet werden können.

In dem Zusammenhang lohnt es, daran zu erinnern, dass auch in der Vergangenheit die Umfragen danebenlagen. Auch 2016 wurde Trump von den Demoskopen unterschätzt - in manchen der Swing States um 4 Prozentpunkte. Und auch 2012 lagen die Prognosen im Fall von Barack Obama um etwa denselben Wert daneben. Das Ausmaß der Abweichungen in diesem Jahr ist allerdings neu.

Quelle: ntv.de

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