Politik
Der SPD kann sich über Tausende neue Mitglieder freuen.
Der SPD kann sich über Tausende neue Mitglieder freuen.
Sonntag, 25. Februar 2018

"Wenn sie das nicht schaffen": Warum eine 85-Jährige in die SPD eintrat

Von Christian Rothenberg

In Umfragen verliert die SPD. Dennoch treten vor der Abstimmung über die Große Koalition Tausende Neumitglieder der Partei bei. Darunter auch Inge Meyer, 85 Jahre alt, aus Goslar.

Warum Inge Meyer - in ihrem Alter - nun ausgerechnet in die SPD eingetreten ist? Sie fände es "fürchterlich", wenn die SPD verschwindet. "Es liegt an uns, sie wieder stark zu machen." Deutschland brauche die SPD, vor allem die Schwachen in der Gesellschaft und auch die Familien.

Die Sozialdemokraten stecken in einer schweren Krise. Viele Anhänger der Partei sind unzufrieden mit dem Auftreten der Parteiführung seit der Bundestagswahl im September. In einer Umfrage sackten die Sozialdemokraten vor Kurzem sogar auf 16 Prozent ab. Dennoch verzeichnet die SPD seit Monate eine hohe Zahl von Neumitgliedern. Darunter auch die 85-jährige Inge Meyer aus Niedersachsen.

Meyer verfolgt die schwierige Regierungsbildung intensiv.
Meyer verfolgt die schwierige Regierungsbildung intensiv.(Foto: privat)

Sie ist 1932 in Harlingerode geboren, einem Ortsteil von Bad Harzburg im Nordharz. Schon ihr Vater und Großvater waren in der SPD aktiv. Meyer begann mit 17 Jahren eine Lehre als Herrenschneiderin. Einige Jahre später heiratete sie ihren Mann, mit dem sie nach Lengde zog, in die Nähe der Stadt Goslar. Ihr Nachbar: Otto Fricke, einer der Gründungsmitglieder der niedersächsischen CDU. Damals sei noch nicht darüber gesprochen worden, was man wählt, erzählt sie. Später sattelt Meyer um, wird Krankenpflegehelferin. Sie bekommt zwei Töchter, viele Jahre später wird sie Uroma. Seit 2006 ist sie Witwe. "Ich war immer selbstbestimmt. Es fällt mir leicht, alleine zu leben." Dennoch ist sie froh darüber, dass ihre erste Enkeltochter mit Familie mit ihr zusammen in dem großen alten Haus mit dem Kuhstall und der Scheune wohnt.

Meyer fährt noch Auto, macht Yoga, "für alte Menschen", wie sie sagt. Die schwierige Regierungsbildung verfolgt sie seit September intensiv. Sie guckt politische Talkshows, hört Radio und liest Zeitung. Da sie nicht mehr so gut sieht, allerdings meist nur die Überschriften. Aber damit sei man ja auch schon etwas informiert, meint sie. Früher sei sie "ein richtiges Mäuschen" gewesen, aber heute vertrete sie offen ihre Meinung. "Ich bin eine Rote." Mitglied einer Partei war sie bisher jedoch nie. Bis vor einigen Wochen. "Die müssen doch zustimmen", sagte Meyer im Januar in einer Unterhaltung mit Tochter Frauke. Die erwiderte: "Dann tritt doch in die SPD ein, dann kannst du mitbestimmen." Meyer trat ein. "Jetzt bekomme ich ständig Briefe. Die duzen mich immer. Aber das ist okay, ich duze ja auch alle."

Video

Einen besonders wichtigen Brief der SPD hat sie noch nicht beantwortet: die Abstimmungsunterlagen zum Mitgliederentscheid. Aber Meyers Entscheidung steht, sie ist für die Große Koalition. Was denn sonst? Bei Neuwahlen würde es für die SPD richtig schwierig. Über die vielen GroKo-Skeptiker sagt sie: "Ich verstehe die Jusos, ich verstehe den Kevin, aber die haben doch gar keine Lebenserfahrung." Sie kann sich aber vorstellen, dass der Juso-Chef später mal ein guter Politiker werden könnte. Beim Thema Große Koalition ist sie jedoch anderer Meinung. Die SPD müsse regieren, nur so könne sie sich beweisen. "Die dürfen sich nur nicht wieder so unterbuttern lassen", sagt sie. Die SPD müsse jetzt einfach ihre Chance nutzen. "Wenn sie das nicht schaffen, dann heiliger Strohsack ...", murmelt sie. Meyer hat sich vorher einen aufgeschrieben, den sie nun vorliest. "Ich wähle mit Ja, denn nur so kann sich die SPD erneuern und der AfD Paroli bieten."

"Wehret den Anfängen"

Apropos AfD: Der Einzug der Partei in den Bundestag macht Inge Meyer etwas Angst. In der Zeitung hat sie erfahren, dass in ihrem 700-Seelen-Ort Lengde, der 2014 in die Stadt Goslar eingemeindet wurde, 12 Menschen die AfD gewählt haben. "Da überlegt man ja schon, wer das ist." Ein paar fallen ihr jedenfalls ein. Der Erfolg der AfD sei schlimm. Meyer erinnert sich an ihre Kindheit. Ihr Großvater sei von den Nazis wegen seiner SPD-Mitgliedschaft festgenommen worden, ihr Schwiegervater habe Sozialdemokraten versteckt. "Wehret den Anfängen", sagt sie.

Auch über die SPD-Parteiführung hat Inge Meyer eine Menge zu sagen. Martin Schulz? "Du liebe Zeit, wie oft kann ein Mensch seine Meinung ändern?" Andrea Nahles? "Die kann das", sagt Meyer über die designierte Parteichefin. Einige ihrer Sprüche habe sie Nahles jedoch übel genommen. Etwas Stil müsse man schon bewahren. Und Sigmar Gabriel? Über den Außenminister, der in Goslar geboren ist, muss natürlich auch gesprochen werden mit einer Frau, die in Goslar wohnt. Meyer ist - für ihre Verhältnisse - ungewohnt kurz angebunden, als die Sprache auf den früheren SPD-Chef kommt. "Über den will ich eigentlich nichts sagen." In der Familie gibt es unterschiedliche Meinungen über "Sigmar". Nach anfänglicher Zurückhaltung sagt sie dann aber doch noch etwas. Gabriel sei "als Minister schon eine Nummer", vor allem beim Thema Türkei habe er einen guten Job gemacht. Ob er Außenminister bleiben solle? "Klar. Der ist so drin im Amt. Es ist nicht gut, wenn da immer jemand neues kommt."

Die Abstimmungsunterlagen zum Mitgliedervotum will sie in den kommenden Tagen zusammen mit Tochter Frauke ausfüllen. Ihre Prognose? Es werde richtig knapp, glaubt sie. Meyer tippt auf 55 Prozent pro GroKo. Jetzt muss sie aber los. Sie will noch ihren Nachbarn besuchen. Der hat im Krankenhaus ein neues Knie bekommen.

Quelle: n-tv.de