Politik

Anhörung in Frankreich Was Salah Abdeslam aussagen könnte

88f32b7c435170c000397321bd1c5143.jpg

Abdeslam bei seiner Festnahme in Molenbeek im März.

(Foto: AP)

Seit Ende April sitzt Salah Abdeslam in französischem Gewahrsam, nun soll er erstmals aussagen. Noch ist unsicher, was diese ausführliche Anhörung zu Tage bringen kann. Die Liste der Fragen ist jedenfalls lang.

Er ist wohl der einzige überlebende Attentäter der Terroranschläge von Paris – jetzt will Salah Abdeslam bei den französischen Behörden aussagen. Seit seiner Auslieferung Ende April sitzt er streng bewacht in einem Spezialtrakt im Gefängnis von Fleury-Mérogis südlich von Paris in Isolationshaft.

Von Abdeslams Aussage erhoffen sich die französischen Ermittler Aufschluss über die Struktur der Brüsseler Terrorzelle sowie darüber, wie die Anschläge in Paris finanziert, geplant und durchgeführt wurden. Der 26-Jährige soll bei der Vorbereitung und Ausführung der Pariser Anschläge eine entscheidende Rolle gespielt und vor allem logistische Hilfe geleistet haben. Gegenüber den belgischen Behörden spielte Abdeslam seine Rolle wohl herunter. Medienberichten zufolge sagte er in belgischem Gewahrsam aus, er habe vor allem für die Infrastruktur gesorgt, Autos und Hotelzimmer angemietet. Dies habe er auf Wunsch seines Bruders Ibrahim getan, von dem auch das Geld gekommen sei, wenn er etwas bezahlen musste.

Ibrahim Abdeslam hatte sich am 13. November vor dem Bistro "Comptaire Voltaire" in die Luft gesprengt. Er war einer von sieben Attentätern, die bei den Anschlägen ums Leben kamen. Bei den islamistischen Terrorakten waren an fünf verschiedenen Orten in Paris insgesamt 130 Menschen getötet worden, 352 wurden zum Teil schwer verletzt. Als Organisator der Anschläge gilt der 28-jährige Belgier Abdelhamid Abaaoud, der fünf Tage nach den Attentaten bei einer Razzia im Pariser Vorort Saint-Denis ums Leben kam.

"Kleiner Vollidiot"

Abdeslams belgischer Anwalt Sven Mary sieht in seinem Mandanten eher "einen Mitläufer, als einen Anführer". Mary bezeichnete Abdeslam in der französischen Zeitung "Libération" als einen der Kleinkriminalität entstammenden "kleinen Vollidioten aus Molenbeek". In dem Brüsseler Stadtviertel, in dem viele Migranten leben, war Abdeslam schließlich im März nach monatelanger Flucht gefasst worden. Abdeslam habe die "Intelligenz eines leeren Aschenbechers" und sei von einer "abgrundtiefen Leere".

"Er ist das perfekte Beispiel der Generation GTA (Grand Theft Auto), die glaubt, in einem Videospiel zu leben", fuhr der als angriffslustig bekannte glatzköpfige Anwalt in dem Interview fort, das am Tag der Auslieferung Abdeslams nach Frankreich veröffentlicht wurde. Der 26-Jährige habe ihm gesagt, seine Kenntnisse über den Koran stammten aus dem Internet. "Für einfache Gemüter ist das perfekt, das Internet ist das Maximale, was sie verstehen."

Auch mit dem Rückhalt in den eigenen Reihen könnte es für Abdeslam besser aussehen. Bei seiner Ankunft in Fleury-Mérogis sei er von radikal-islamistischen Gefangenen ausgepfiffen worden, weil er als Selbstmordattentäter in Paris gescheitert sei, berichtete die "Daily Mail". Abdeslam hatte zuvor unter anderem seinem Bruder Mohamed gesagt, er habe sich bewusst gegen die Zündung seines Sprengstoffgürtels entschieden. "Wenn ich gewollt hätte, hätte es mehr Opfer gegeben", zitierte Mohamed Abdeslam seinen Bruder im Nachrichtensender BFMTV. "Glücklicherweise bin ich nicht bis zum Ende gegangen", soll Salah Abdeslam demnach gesagt haben. Der Sprengstoffgürtel, den Abdeslam wegwarf, wurde Tage später in einem Mülleimer gefunden. Drei weitere Attentäter zündeten ihre Sprengstoffwesten an dem Fußballstadion, in dem zu diesem Zeitpunkt das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand. Zwei der drei Terroristen sind noch immer nicht identifiziert, auch hier könnte Abdeslam seinen Aussagewillen unter Beweis stellen. Mohamed Abdeslam hatte nach seinem Besuch die Ankündigung seines Bruders übermittelt, dieser wolle Rechenschaft ablegen, "aber nicht in Belgien".

Viele Spuren, viele Fragen

Die Behörden vermuten außerdem einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel und schreiben Abdeslam dabei eine Schlüsselrolle zu. Abdeslam bestreitet bisher vehement, dass es er etwas mit den Attentaten am 22. März in Brüssel zu tun hat. In der Wohnung eines der Brüsseler Selbstmordattentäter wurden jedoch Fingerabdrücke Abdeslams gefunden. Ein weiterer Brüssel-Attentäter war einst mit Abdeslam nach Ungarn gereist, er soll auch die Bomben für die Paris-Anschläge fabriziert haben. Auch hier sind noch viele Fragen offen.

In Frankreich wird gegen Abdeslam wegen einer ganzen Reihe von Vorwürfen ermittelt: Neben Mord und versuchtem Mord im Zusammenhang mit einer terroristischen Unternehmung geht es unter anderem um Freiheitsberaubung - wegen des Angriffs auf die Pariser Konzerthalle Bataclan - sowie um den Besitz von Sprengstoff und Waffen. Ob Abdeslam tatsächlich neue Erkenntnisse liefert, darüber sind nicht nur die Opferanwälte unsicher.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema