Politik

Erster Todestag Was hat der Fall Daniel H. mit Chemnitz gemacht?

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An dem Ort, wo Daniel H. erstochen wurde, erinnert heute eine Gedenktafel an den jungen Mann.

Vor einem Jahr wird Daniel H. in Chemnitz erstochen. Sein Tod stürzt eine ganze Stadt in eine Art Ausnahmezustand. Die Stadt hat sich durch die Tat verändert - aber wie?

Eine kleine Tafel aus Metall ist in den Gehweg eingelassen. Eine Trauerkerze brennt. Auf den Buchstaben des Namens Daniel H. liegen Blumen. Jemand hat eine kleine Bibel abgelegt. Vor genau einem Jahr ist der junge Mann an dieser Stelle verblutet. Fünf Mal wurde auf den 35-Jährigen eingestochen - in einem, laut Zeugen, frühmorgendlichen Streit um Zigaretten. Die anschließenden Ausschreitungen in der Stadt, Gegendemonstrationen, der Streit um falsche und korrekte Informationen rückte Chemnitz plötzlich ins Zentrum der Öffentlichkeit - im In- und Ausland. Die Ereignisse haben die sächsische Großstadt, die gern übersehen wird, verändert.

Zwei Männer in Arbeitskleidung passieren die Gedenktafel. Einer zeigt mit dem Finger darauf, sie unterhalten sich. Aus dem Alltag, erklären Marcel und Jörg, sei das Thema weitgehend verschwunden. "Aber er ist auch umsonst gestorben. Das ist schlimm", sagt Jörg. Sein Tod habe keine "richtige Debatte" darüber ausgelöst, "wie die Verhältnisse in der Stadt sind". Wie sind die Verhältnisse denn? Er schaut ungläubig. "Frauen gehen hier abends nicht mehr auf die Straße. Es sind weiterhin viel zu viele kriminelle Ausländer hier." Jörg hätte sich gewünscht, dass in ganz Deutschland mehr darüber gesprochen würde. Beide haben die Hoffnung, dass sich nach der Landtagswahl am 1. September etwas ändert. Beide werden AfD wählen. "Das ist die einzige Partei, die sich glaubhaft dafür einsetzt, dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden."

"Angebliche Hetzjagden"

Vor knapp einem Jahr meldete sich eine Chemnitzerin in der Redaktion von n-tv.de, die ihre Stadt in der Berichterstattung der deutschen Medien nicht wiedererkennen wollte. Elisabeth, die ihren echten Namen nicht der Presse preisgeben möchte, kritisierte damals, es würde nur noch "Extreme" in der Stadt geben. Jeder, der öffentlich um Daniel H. getrauert hätte, sei als "Rechter", jeder, der gegen Rechtsextremismus protestiert habe, als "Linksextremer" bezeichnet worden. Und durch die Tat seien all jene Flüchtlinge "mit reingerissen" worden, die friedlich in Chemnitz leben. Dass es aber auch Probleme gegeben habe mit "gelangweilten" Ausländern, die sich in der Innenstadt aufhalten, Ärger machten, wollte sie damals nicht bestreiten.

Ihre Stadt werde von "den Medien" immer noch auf die "angeblichen Hetzjagden" reduziert, lautet ihre Kritik auch ein Jahr nach den Ereignissen. Dass es die gegeben haben soll, sei ja widerlegt worden. Auch heute gebe es in der Stadt noch Probleme mit kriminellen Ausländern. Der Tod von Daniel H. sei aber weitgehend aus den alltäglichen Gesprächen verschwunden. "Hier und da kommt es noch mal hoch", sagt sie. Sorgen macht sie sich, weil sie glaubt, vor der Landtagswahl könnten "leider viele auf den Zug der AfD aufspringen". Gleichzeitig wachse das Engagement gegen Rechtsextremismus. Sie nennt das Konzert "Kosmos", bei dem am 4. Juli zahlreiche Popstars unter dem Motto "Wir bleiben mehr" in der Innenstadt aufgetreten sind. Bands wie "Feine Sahne Fischfilet" oder "K.I.Z.", denen Kritiker Nähe zum Linksextremismus unterstellen, waren in diesem Jahr nicht dabei.

Was die Zustimmung zur AfD angeht, lässt sich derzeit kein einheitlicher Trend erkennen. Bei den Stadtratswahlen in diesem Jahr konnte die Partei zulegen, kam auf knapp 18 Prozent der Stimmen. Zudem wählten fast acht Prozent das rechte Bündnis Pro Chemnitz. Auf Kommunalebene bleibt die AfD damit aber hinter den Ergebnissen in anderen sächsischen Städten zurück. Vergleicht man Bundestags- und Europawahl, lässt sich sogar ein leichter Abwärtstrend erkennen.

Zahl rechter Übergriffe hat sich vervierfacht

"Wir haben ganz klar eine Veränderung in der Stadt wahrgenommen", sagt André Löscher. Er arbeitet als Berater für den Verein Support, bei dem Opfer rechter Gewalt Hilfe suchen können. 20 rechtsextreme oder rassistische Angriffe zählte Support 2017. Im vergangenen Jahr vervierfachte sich die Zahl auf 79 Angriffe. Ein erheblicher Teil davon sind schwerwiegende Taten wie Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung. Die meisten Übergriffe ereigneten sich im Umfeld der Ausschreitungen vor einem Jahr. Doch auch danach, in der Zeit zwischen September und Jahresende, verzeichnet die Statistik von Support 16 weitere Übergriffe - fast so viel wie im gesamten Vorjahr.

In den Beratungsgesprächen, sagt Löscher, werde auch vermehrt über Dinge berichtet, die "unter der Gewaltschwelle bleiben". Das könne mal ein böser Blick oder eine Beleidigung sein. "Viele Menschen ziehen sich zurück und machen sich zunehmend Sorgen", sagt er. Er betont aber auch, dass es ein lebendiges Engagement gegen Rechtsextremismus in der Stadt gebe.

Am gestrigen Abend zeigten jedoch erst einmal wieder die Rechten Präsenz. Anlässlich des Todestages von Daniel H. zogen einige Hundert Menschen durch die Straßen. Pro Chemnitz hatte zu der Demonstration aufgerufen. Darunter waren offensichtlich auch wieder viele Rechtsextreme und Neonazis. Nach Angaben der Polizei zeigte erneut ein Teilnehmer den Hitlergruß. Zu der Melodie von "Fuchs du hast die Gans gestohlen" sangen Teilnehmer: "Merkel hat das Land gestohlen, gib es wieder her. Sonst wird dich der Sachse holen, mit dem Luftgewehr". Eine offene Gewaltandrohung. Die Polizei schritt nicht ein.

"Völlig das Vertrauen in die Medien verloren"

Vergangene Woche wurde einer der Männer verurteilt, die Daniel H. getötet haben sollen. Der 24-jährige Alaa S. muss wegen Totschlags und Körperverletzung neuneinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Urteil für eines der folgenreichsten Verbrechen in der jüngeren Geschichte Sachsens ist aber keineswegs der Schlusspunkt der Aufarbeitung. Denn der Hauptverdächtige fehlt weiterhin. Und an der Schuld von Alaa S. gibt es erhebliche Zweifel. Schon haben seine Anwälte angekündigt, das Urteil des Chemnitzer Landgerichts anzufechten.

Auch Chemnitzerin Elisabeth glaubt nicht daran. "Soweit ich das mitbekommen habe, stützt sich das Urteil ja mehr oder weniger auf Zeugenaussagen". Sie meint, die einen werden argumentieren, es gebe zu wenig Beweise und die anderen, dass das Urteil zu milde sei. Sie hofft, dass Chemnitz wieder ein bisschen zur Ruhe kommt. "Lebendig wird Daniel H. dadurch aber auch nicht mehr."

An dem Ort, wo Daniel H. vergangenes Jahr starb, sortiert eine junge Frau die Blumen, rückt alles ein wenig zurecht. 21 Jahre, sagt sie, kannte sie ihn. Bezeichnet sich selbst als "gute Freundin". Die Frage, wie sich die Stadt durch seinen Tod verändert hat, will sie nicht beantworten. "Es hat hier letztes Jahr so viel Lug und Trug gegeben. Ich und meine Freunde haben völlig das Vertrauen in die Medien verloren", sagt sie. Dann schaut sie noch einmal auf die kleine Gedenktafel und geht weiter.

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Quelle: n-tv.de

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