Politik

Fünf Szenarien Was plant Putin für die Ukraine?

25f32e15530af5b81e22d2cd785136be.jpg

Die russische Fahne weht über den Trümmern in einem, wie die Russen es nennen, "befreiten" Gebiet in Donezk.

(Foto: IMAGO/SNA)

Tausende Tote, zerstörte Städte, Vergewaltigungen und Folter: Seit mehr als vier Monaten tobt der Krieg in der Ukraine und hinterlässt vor allem viel Elend. Was sind die Ziele von Russlands Präsident Putin? Was sind seine nächsten Schritte im Krieg?

Mit dem Fall der ostukrainischen Stadt Lyssytschansk stellt sich die Frage nach den nächsten Schritten der russischen Truppen in der Ukraine. Den Donbass abriegeln, weiter vorrücken, verhandeln und damit das Gewonnene sichern oder den Westen spalten? Russlands Präsident Wladimir Putin hat viele Möglichkeiten, seine Ziele bleiben undurchsichtig.

Weiteres Vorrücken

Niemand scheint die russischen Truppen mehr davon abhalten zu können, den Donbass komplett unter ihre Kontrolle zu bekommen. Pierre Grasser vom Fachbereich Internationale Beziehungen an der Universität Sorbonne ist der Ansicht, Russland könnte als nächstes versuchen, die Städte Slowjansk und Kramatorsk einzunehmen.

Allerdings haben die russischen Truppen gezeigt, dass sie nicht in der Lage sind, allzu weit gegen den Feind vorzurücken. Die russische "Dampfwalze funktioniert gut in der Nähe ihrer Grenzen, ihrer Logistikzentren und ihrer Luftstützpunkte", sagt Pierre Razoux von der Mittelmeerstiftung für Strategische Studien. "Je weiter sie sich von ihnen entfernen, desto komplizierter wird es."

Blockade des Schwarzen Meeres

Die russische Armee hat die südukrainische Stadt Cherson zu Beginn des Krieges schnell eingenommen. Doch die Situation an den Ufern des Schwarzen Meeres ist nicht stabil. Der australische Militärexperte Mick Ryan ist der Meinung, dass der Krieg im Süden sowie die "Befreiung ukrainischer Häfen von russischem Einfluss" von "sehr großer strategischer Bedeutung" sei.

Die Kontrolle der Küste würde Moskau ein zusammenhängendes Territorium mit der 2014 annektierten Krim sowie den Zugang zu ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer verschaffen. Doch "die Gegenangriffe der Ukraine im Süden bedeuten für die Russen ein Dilemma. Erhalten sie die Offensive im Osten aufrecht oder stärken sie den Süden?", gibt Ryan zu bedenken.

Angriff auf Charkiw

Charkiw im Nordosten der Ukraine ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Nur wenige Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt, ist Charkiw nach wie vor unter ukrainischer Kontrolle und könnte laut Wissenschaftler Razoux das nächste Ziel für Putin sein.

Im Falle eines "ukrainischen Einbrechens" könnte Moskau die ukrainischen Truppen demnach zu der Entscheidung nötigen, ob sie Charkiw verteidigen oder nach Süden in Richtung Cherson ausweichen. Eine Schlacht um die etwa 1,4 Millionen Einwohner zählende Stadt Charkiw wäre zweifellos zerstörerisch, eine Belagerung könnte laut Razoux ein Jahr dauern.

Spaltung des Westens

Mit jedem weiteren militärischen Erfolg treibt Putin den Keil tiefer in die westliche Solidarität. Colin Clarke vom New Yorker Soufan Center sagte, Russlands Ziel sei es, "die ukrainischen Truppen weiter aufzureiben" und darauf zu warten, dass "die politische Unterstützung für die Ukraine im Westen nachlässt".

Kiew hängt am Tropf der westlichen Militärhilfe. Doch laut Alexander Grinberg vom Jerusalem Institut für Sicherheit und Strategie ist den Ukrainern klar, "dass der Westen nicht all die schweren Waffen liefern kann, die sie brauchen". Jede weitere Kriegswoche verstärkt den Druck auf die öffentliche Meinung im Westen hinsichtlich der Inflation und der Energiekrise. Laut Grinberg könnten die USA den Ukrainern eines Tages einfach sagen: "Ihr könnt nicht weitermachen."

Beginn von Verhandlungen

Die russischen Fortschritte sollten die Kosten nicht vergessen machen: Sanktionen, Menschenleben und die Vernichtung von Material. Putin hätte nach Meinung von Analysten viele Gründe, den Krieg beenden zu wollen. Ende Juni hatte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow ein Angebot gemacht: So erklärte er, die ukrainischen Soldaten müssten nur ihre Waffen niederlegen und die von Russland gestellten Forderungen erfüllen. "Dann wird alles an einem Tag vorbei sein."

Doch selbst wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versucht wäre, den Donbass für Frieden einzutauschen, lehnen sein rechter Parteiflügel und seine Generäle laut Razoux "jeglichen Kompromiss mit Russland" ab. "Sie können einen eingefrorenen Konflikt tolerieren, aber keine Niederlage."

Quelle: ntv.de, Didier Lauras, AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen