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Proteste nach Messerstecherei Was über die Chemnitzer Vorfälle bekannt ist

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Für den Abend sind neue Proteste in der Chemnitzer Innenstadt angekündigt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bei einem Stadtfest in Chemnitz eskaliert ein Streit. Ein 35-Jähriger stirbt. Hunderte Menschen ziehen daraufhin am Sonntag durch Chemnitz. Rechte Parolen sind zu hören, Videos zeigen Übergriffe auf Migranten. Eine Übersicht über die Ereignisse.

Was war der Auslöser der Proteste in Chemnitz?

In der Nacht zu Sonntag kam es laut Polizei am Rande des Chemnitzer Stadtfestes gegen 3.15 Uhr "zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten". Dabei wurden drei Männer im Alter von 33, 35 und 38 Jahren schwer verletzt. Der 35-Jährige erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Polizei fasste zwei Männer, die vom Tatort geflüchtet waren. Spekulationen in den sozialen Netzwerken, wonach der Auseinandersetzung die sexuelle Belästigung einer Frau vorausgegangen sein soll, wies die Polizei am Sonntag zurück.

Gibt es Tatverdächtige?

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Das Amtsgericht Chemnitz hat Haftbefehle gegen einen Syrer und einen Iraker wegen gemeinschaftlichen Totschlags erlassen. Die beiden Männer sollen "ohne rechtfertigenden Grund" mehrfach auf den 35 Jahre alten Mann eingestochen haben, teilte die Behörde mit. Die Ermittlungen zum Tatmotiv und Ablauf der Tat dauern an.

Was ist über das Todesopfer bekannt?

Bei dem Toten soll es sich um einen 35-jährigen Tischler aus Chemnitz mit kubanischen Wurzeln handeln. In einer Mitteilung auf Facebook reagierte der ehemalige Ausbildungsbetrieb des 35-Jährigen mit "Bestürzung und Fassungslosigkeit". Der frühere Lehrling sei ein "hilfsbereiter, fleißiger und lebenslustiger Mensch" gewesen. Die Facebookseite des Getöteten wurde mittlerweile in den sogenannten Gedenkzustand versetzt. In dem sozialen Netzwerk hatte das Opfer Seiten wie "Die Linke Chemnitz", "Storch Heinar" oder "FCK NZS" geliked, sah sich politisch vermutlich also eher links.

Gibt es ein zweites Todesopfer?

Die Polizei hat Gerüchte über ein zweites Todesopfer dementiert. "Entgegen anderslautender Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall in Chemnitz keinen zweiten Todesfall", schrieb die Polizei bei Twitter.

Wer hatte zu den Protesten am Sonntag aufgerufen?

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Laut Polizei hat es am Sonntagmorgen mehrere Aufrufe im Internet gegeben, sich in der Innenstadt einzufinden. Unter anderem hatte die AfD Sachsen über Facebook zu einer "Spontandemo gegen Gewalt" aufgerufen. Ein weiterer Aufruf kam von der Hooligan-Gruppe "Kaotic Chemnitz". Der Verfassungsschutz stuft "Kaotic Chemnitz" als rechtsextrem ein.

Was ist dann passiert?

Dem Aufruf der AfD folgten zunächst nur rund 100 Menschen. Es blieb friedlich. Gegen 16.30 Uhr versammelten sich laut Polizei dann rund 800 Menschen am Karl-Marx-Monument. Wenig später setzte sich die Gruppe in Bewegung und zog "quer durch die Innenstadt". Dabei kam es auch zu Flaschenwürfen in Richtung der Polizeibeamten. Auf Videos ist zu sehen, wie Migranten von Personen aus der Masse heraus attackiert werden. Zu hören sind Rufe wie "Wir sind das Volk", aber auch rechte Parolen wie "Deutsch, sozial, national". Aus Sicherheitsgründen war zuvor das Stadtfest abgebrochen worden.

War die Polizei unterbesetzt?

Die Polizei war eigenen Angaben zufolge zunächst nur "mit geringen Kräften vor Ort". Weitere Beamte wurden aus anderen Einsätzen in Dresden und Leipzig nach Chemnitz geschickt. Die sächsische Linken-Politikerin Kerstin Köditz wirft der Polizei Versäumnisse vor. "Warum hat man so lange gebraucht, um genügend Einsatzkräfte herzubringen. Wenn Informationen durchsickern, dass es am Rande eines Stadtfestes einen Toten gab, dann hätte die Polizei eigentlich Gewehr bei Fuß stehen müssen - bei all dem Alkohol, der bei solchen Gelegenheiten konsumiert wird", kritisierte Köditz.

Wird es weitere Demonstrationen in Chemnitz geben?

Im Internet kursieren verschiedene Aufrufe zu Demonstrationen, sagte eine Sprecherin der Chemnitzer Polizei. Derzeit liefen Planungen, wie damit umgegangen werden solle. Unter anderem plant die "Bürgerbewegung PRO CHEMNITZ" eine Kundgebung. Der Aufruf wurde bei Facebook bereits mehr als 3000 Mal geteilt. Auch mehrere Gegendemonstrationen sind geplant. Das Bündnis "Chemnitz Nazifrei" hat für 17 Uhr zu einer Kundgebung im Stadthallenpark aufgerufen.

Wie reagiert die Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat nach den Vorfällen in Chemnitz "Hetzjagden" auf Ausländer scharf verurteilt. "Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, das nehmen wir nicht hin", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Die Bundesregierung verurteile dies "auf das Schärfste". Den Tod des 35-Jährigen bezeichnete der Regierungssprecher als "schrecklich". Die Bluttat werde nun von der Polizei "mit allem Einsatz aufgeklärt", um den oder die Tatverdächtigen der Justiz zuzuführen. "So und nicht anders geht man in einem Rechtsstaat mit Straftaten um", sagte Seibert.

Quelle: n-tv.de, pvo/dpa/AFP

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