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Raketenabwehr S-300 Wenn Assad sich gegen Luftangriffe wehrt

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Ein S-300-System im Einsatz: Dieser Waffentyp gilt als ernste Gefahr, selbst für modernste Kampfflugzeuge.

(Foto: REUTERS)

Im Kampf gegen den Islamischen Staat will US-Präsident Obama Luftangriffe in Syrien fliegen lassen. Ein Plan, der eine schwere Frage aufwirft: Wie reagiert der Despot in Damaskus, wenn Washington seinen Hoheitsanspruch derart untergräbt?

Barack Obamas Plan steht auf wackligem Boden. Luftangriffe auf Stellungen des Islamischen Staates (IS) in Syrien zu fliegen, könnte einen Verstoß gegen Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta bedeuten, dem Verbot von Gewalt gegen einen anderen Staat. Was passiert, wenn Syriens Präsident Baschar al-Assad sich gegen diesen Eingriff in seine Hoheitsrechte wehrt? Muss Obama Assads Militär fürchten?

"Die Zahl der syrischen Luftabwehrraketen und ihre Fähigkeiten sind durchaus beeindruckend", sagt Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung. "Das Arsenal zählt zu den stärkeren im Nahen Osten - zumindest auf dem Papier."

Vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien verfügte Assad einer Statistik der Denkfabrik Washington Institute zufolge über 22 Frühwarnsysteme, 130 Boden-Luft-Raketen-Systeme, 4000 Flak-Geschütze und Tausende tragbare Flugabwehrwaffen, sogenannte Manpads. "Die Waffen stammen aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren", sagt Neuneck. "Die Luftabwehr wurde in erster Linie aufgebaut, um einen Angriff aus Israel abwehren zu können. Dementsprechend ist sie vor allem rund um Damaskus verstärkt."

Zuletzt rüstete Assad seine Luftabwehr 2007 noch einmal auf. Denn Israel war es damals gelungen, den Nuklearreaktor Al-Kibar vollkommen unbehelligt zu zerstören. Damaskus bestellte unter anderem drei Batterien des SA-17-Raketensystems. Das ist das Nachfolge-Modell jenes Buk-M1, mit dem Separatisten in der Ukraine mutmaßlich Flug MH17 vom Himmel geholt haben. Ein System also, das auch Ziele in großen Höhen treffen kann. Hinzu kam ein Dutzend SA-22, das vor allem auf kurzer Distanz leistungsstark ist. Der syrischen Luftabwehr gelang es damit noch 2012, ein türkisches Aufklärungsflugzeug abzuschießen. Fraglich ist allerdings, in welchem Zustand diese Systeme heute nach drei Jahren des Bürgerkriegs sind.

Eine Frage des Trainigs

"Für eine effektive Luftabwehr braucht es ein reibungslos laufendes taktisches Kommunikationssystem. Die Radars müssen funktionieren, die Energie muss da sein. Das Personal muss trainiert und bereit sein", sagt Neuneck. "Das ist in Syrien derzeit schwer einzuschätzen." Als sicher gilt, dass es IS gelungen ist, mehrere Stationen mit Frühwarnsystemen zu kapern. Das Lagebild der syrischen Luftabwehr hat damit Lücken. Aber auch unabhängig von diesen Lücken sagt Neuneck: "Ich bin sicher, dass die USA die Lage in Syrien seit längerer Zeit sehr genau verfolgen und sich darauf eingestellt haben."

Ähnlich schätzt das Washington Institute die Lage ein. In einer Analyse der Denkfabrik heißt es: "Die Luftabwehr des Regimes könnte Überraschungsangriffe nicht abwehren." Eine These, für die es auch etliche praktische Belege gibt. Der israelischen Luftwaffe ist es vor allem seit 2013 immer wieder gelungen, in den syrischen Luftraum einzudringen. Warum sollte es der weitaus besser ausgestatteten US-Airforce nicht gelingen?

Wie Israel stehen den Vereinigten Staaten zudem viele Möglichkeiten zur Verfügung, die syrischen Abwehrsysteme lahmzulegen. Sie reichen von sogenannten ECM-Maßnahmen - elektronischen Störfeuern - über Anti-Radar-Raketen bis hin zu Cyber-Attacken. Auch die syrische Luftwaffe wäre dann keine Hilfe mehr für Assad. Davon ist zumindest Neuneck überzeugt. "Der Trainingsstand der Piloten ist fragwürdig, viele sind desertiert. Wahrscheinlich sind auch die Flugzeuge technisch nicht auf Vordermann", sagt er. "Syrische Piloten werden es sich sehr genau überlegen, ob sie wirklich eine direkte Konfrontation mit amerikanischen Piloten wagen. Ich glaube, dazu kommt es nicht."

Eine stille Übereinkunft

Ein Trumpf könnte Assad aber noch haben: das S-300 Raketenabwehrsystem. Dabei handelt es sich um so etwas wie die russische Version der Patriots. Sie können bis zu sechs Raketen gleichzeitig abfeuern und mehrere Dutzend Ziele auf einmal anpeilen. Und als Ziele gelten nicht nur feindliche Jets, sondern auch Marschflugkörper, ballistische Waffen und Drohnen. Bei Nato-Übungen scheiterten zudem immer wieder Versuche, diese Waffe durch elektronische Störmaßnahmen außer Kraft zu setzen.

"Hätte Syrien S-300-Systeme, würde das die Lage grundsätzlich ändern", sagt Neuneck. "Sie stellen eine große Gefahr für Piloten dar." Allerdings setzt ein effektiver Einsatz dieser modernen Waffen eine eingespielte, kompetente Crew voraus. Zudem ist es ungewiss, ob Assad überhaupt über diese Systeme verfügt. Damaskus hat sie zwar schon vor Jahren in Russland bestellt. Moskau zögerte angesichts der aufgeheizten politischen Lage aber, sie zu liefern. Verschiedenen Medienberichten zufolge hat Assad erst im vergangenen Jahr einige Einzelteile bekommen. Die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtet sogar, dass die Charge für Assad verschrottet werden soll, weil Moskau nicht liefern will und selbst auf das Nachfolge-Modell S-400 umsteigt. Neuneck sagt: "Wenn es um die Lieferung von S300-Systemen geht, ist Russland sehr vorsichtig. Ich glaube nicht, dass Syrien über solche modernen Waffen verfügt."

Der Militärexperte geht allerdings auch davon aus, dass Assad sie ohnehin nicht nutzen würde, selbst wenn er sie hätte. Denn Neuneck vermutet, dass Obama und Assad längst eine stille Übereinkunft haben. "Die US-Regierung sagt: Wir arbeiten nicht mit dem Assad-Regime zusammen. Aber die entscheidende Frage ist, ob sie sie es womöglich trotzdem tut."

Der Experte Neuneck hält es für wahrscheinlich, dass die USA auf eine gewisse Form der Duldung durch Damaskus setzen. Lufthoheit hin oder her - es stehen schließlich Menschenleben auf dem Spiel. Auch für Assad könnte es Gründe geben, sich auf eine stille Übereinkunft einzulassen. Angriffe auf IS liegen in seinem Interesse. Die Islamisten sind schließlich auch seine Feinde.

Quelle: n-tv.de

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