Politik

"Alle Terroristen töten?" Wenn die größte Demokratie der Welt wählt

Premierminister Modi gibt im indischen Wahlkampf den starken Mann, seine Anhänger jubeln ihm zu. Ein großer Teil des Wahlkampfes findet allerdings in sozialen Medien statt - Fake News inklusive. Nur bei den Wahlkontrollen geht es noch ganz altmodisch zu.

Es geht vorbei an buntbemalten Lastwagen, Pferdegespannen und Kamelen. Vier Stunden Autofahrt sind es von der Hauptstadt Delhi bis nach Bulandshahr in Uttar Pradesh. Rund 900 Millionen Inder sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben und das machen die meisten in Schulgebäuden wie in Deutschland.

In sieben Phasen wird gewählt, vom 11. April bis zum 19. Mai. An diesem Tag wird in Teilen des Bundesstaates Uttar Pradesh abgestimmt. Stolz halten sie die Zettel mit ihrer Registrierung hoch, ein Schwarzweißfoto und die Personaldaten sind darauf. In langen Schlangen stehen die Männer hier an. Die Frauen in ihren bunten Saris können meist vorbeigehen, es gibt weniger Wählerinnen.

Neeti Devi ist entrüstet, sie kann ihren Namen auf keiner der Listen finden, sagt sie: "2014, bei der letzten Wahl, konnte ich noch wählen. Aber diesmal nicht. Dafür steht der Name meines Mannes in der Liste. Der ist seit zehn Jahren tot." Ihr Fall ist keine Seltenheit, insgesamt sollen mehr als 20 Millionen Frauen auf den Wählerlisten fehlen. Es gibt Gerüchte, dass Frauen bewusst aus den Listen gestrichen wurden, weil sie nicht die Regierung wählen würden. Neeti Devi allerdings wollte ihre Stimme der BJP und damit Premierminister Narendra Modi geben.

Viele hier wählen Modis hindu-nationalistische BJP. "Wir haben hier in Indien große Probleme mit Korruption und Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Leuten. Und Modi mit seiner BJP-Regierung kämpft dagegen an", sagt ein junger Mann. Eine Frau meint: "Ja, Modi hat viel für uns getan."

Wahlkampf bei 40 Grad im Schatten

Drei Stunden entfernt von hier macht Regierungschef Modi noch Wahlkampf. Wegen der langen Wahlzeit von fünf Wochen reisen die Spitzenkandidaten immer nur kurz in die Regionen, wo als nächstes abgestimmt wird. Diesmal ist es Etah, eine kleine Stadt in Uttar Pradesh. Allein in diesem Bundesstaat leben 200 Millionen Menschen.

Zu Hunderten strömen sie mit ihren orangenen Hütchen und BJP-Parteiflaggen an den Stadtrand zur großen Wahlkampfveranstaltung. Laut Veranstaltern sind mehr als 100.000 Menschen gekommen. Mehr als zweitausend Sicherheitskräfte sorgen dafür, dass kein Chaos ausbricht.

Der Premierminister fliegt mit dem Hubschrauber ein. Anders lässt sich das Pensum mit den vielen Terminen in dem Riesenland nicht schaffen. An Geld fehlt es Modi nicht im Wahlkampf. Der wird von vielen Wirtschaftsbossen gesponsert. Die Menge tobt bei 40 Grad Außentemperatur. Auf der Bühne hingegen werden die Politiker gut gekühlt von mobilen Klimaanlagen.

Modi will der Garant für Sicherheit sein. Gibt wie gewohnt den starken Mann: "Sagt mir, soll unser Land frei von Terroristen sein? Frei von Terror? Sollen wir alle Terroristen töten? Wer wird das tun? Wer kann das schaffen?" Seine Anhänger brüllen: "Modi, Modi!"

Gandhi wirbt mit einem Mindesteinkommen von 920 Euro pro Jahr

Oppositionskandidat Rahul Gandhi ist da leiser und ruhiger, zielt auf die Armen und Schwachen ab. Davon gibt es genug in Indien. Jahrzehntelang hat seine Kongresspartei das Land regiert, dann kamen Korruptionsskandale und nun soll der junge Gandhi, aus der großen Nehru-Gandhi-Dynastie, die Partei wieder an die Spitze führen. Auch er reist unermüdlich durchs Land, kämpft um jede Stimme und garantiert ein Mindesteinkommen von 72.000 Rupien, rund 920 Euro pro Jahr. Seine Chancen, Modi abzulösen, stehen jedoch schlecht.

Außerhalb von Großveranstaltungen spielt sich der Wahlkampf in Indien vor allem im Internet ab. Immer mehr Inder informieren sich in den sozialen Medien, sagt Aptar Gupta, Experte für Meinungsfreiheit im Internet und Gründer der Internet Freedom Foundation: "47 von 100 Indern sind im Internet aktiv. In den Städten sind es sogar 97 von 100. Das zeigt, dass die Menschen hier in Indien intensiv die sozialen Medien nutzen. Das beeinflusst die Wahlentscheidungen natürlich erheblich."

Die Zahlen sind einfach gigantisch. Mehr als 300 Millionen Inder haben einen Facebook-Account, mehr als 240 Millionen sind bei WhatsApp. Die Parteien stecken Unsummen in den Online-Wahlkampf. Allein die BJP hat zigtausende WhatsApp-Gruppen eingerichtet.

Fake News mit Photoshop

Der Wahlmanipulation ist damit Tor und Tür geöffnet, weiß Amitabh Kumar von Social Media Matters. Er hat acht Jahre in Freiburg studiert und kennt die Unterschiede zu Europa sehr gut. "Fake News haben ganz andere Auswirkungen in Indien, weil viele Leute nicht lesen und schreiben können. Nicht wie in Deutschland, wo man eine Nachricht kriegt und kann man das prüfen auf Google. Hier in Indien ist das sehr schwer."

Manipuliert werden vor allem Fotos und Videos zeigt Kumar. Da werden einem berühmten Schauspieler-Paar einfach die BJP-Buchstaben auf die Kleidung geheftet oder Religionsführer werden Fahnen der Kongresspartei statt der Indien-Flaggen in die Hand gedrückt. Photoshop macht diese Manipulationen schnell und billig möglich.

Nur bei den Wahlkontrollen geht es noch ganz altmodisch zu. Da wird mit nicht abwaschbarer Farbe der Finger markiert, damit die Wähler nicht mehrmals ihre Stimme abgeben können. Ausgezählt werden alle Stimmen aber erst am 23. Mai.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema