Politik

"Moderne Straßen-SA" Wie Rechtsradikale für den Umsturz pumpen

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Der Chef der Partei "Die Rechte" steht im Februar 2019 im Prozess gegen das rechtsradikale "Aktionsbüro Mittelrhein" vor Gericht.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Boxen und Jiu-Jitsu sind mir immer wichtiger erschienen als irgendeine schlechte, weil doch nur halbe Schießausbildung", schrieb Hitler in "Mein Kampf". Wie heutzutage Neonazis für den rechtsradikalen Umsturz trainieren, zeigt der Autor Robert Claus in seinem Buch "Ihr Kampf", in dem er sowohl die internationale Vernetzung der Szene als auch ihr Einsickern in die Mitte der Gesellschaft beschreibt. Im Interview mit n-tv.de erklärt Claus, welch immens wichtige Rolle der Kampfsport für die radikale Rechte spielt - und was die martialische Vorbereitung auf den "Tag X" mit dem Fitnessboom zu tun hat.

n-tv.de: Über 100 Polizeibeamte haben Ende September das Gelände des Bikerclubs "Division 39" in Magdeburg geentert, wo gerade die Aufnahmen für den "Kampf der Nibelungen" gemacht wurden, ein Boxring wurde beschlagnahmt. Warum dieser Aufwand nur wegen eines rechten Kampfsport-Events?

Robert Claus

Der gebürtige Rostocker arbeitet seit 2013 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter für die "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" in Hannover. 2017 veröffentlichte er das Buch "Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik."

Robert Claus: Ich finde es überraschend, dass diese Razzia medial so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Man kann von einem der schwersten staatlichen Schläge gegen eine Struktur militanter Neonazis in diesem Jahr reden. Der "Kampf der Nibelungen" ist von 2013 bis 2018 rasant gewachsen - zum größten Kampfsportevent der militanten rechten Szene in Westeuropa.

Etwas naiv könnte man doch fragen: Was ist so schlimm daran, wenn sich Nazis gegenseitig auf die Nase hauen?

Wir reden nicht von einer reinen Sportveranstaltung. Damit einher gehen Kongresse, Straßenkampf-Seminare, internationale Trainingsreisen zu Hooligan-Guppen. Neonazis trainieren und professionalisieren hier ihre Gewalt. Wer sich die Verlautbarungen vom "Kampf der Nibelungen" und dem Netzwerk dahinter anschaut - da wird das Phantasma beschworen, die weiße christliche Identität sei durch die Migration bedroht. Diese Leute wollen sich "wehrhaft" machen für den rassistischen Straßenkampf.

So wie Trumps "Proud Boys" mit Maschinenpistolen posieren, pumpen sich deutsche Neonazis zu Kampfsportlern auf?

Da lassen sich tatsächlich Parallelen ziehen, ja. Hinzu kommt, dass es nicht beim Boxen bleibt, sondern fließend in Wehrsport übergeht. Wenn man recherchiert, trifft man auf Neonazis, die auf tschechischen Schießanlagen trainieren oder sogar in der Ukraine am Krieg im Donbass teilnehmen. Wir sitzen einer Illusion auf, wenn wir den "Kampf der Nibelungen" als isolierbares Event betrachten. Es hat eine wichtige Funktion für die Finanzierung und die Vernetzung der Szene, europaweit.

Wie schlägt sich die Entwicklung auf den Straßen nieder?

Im September 2018 hat sich alles verdichtet. In Chemnitz marschierte das ganze rechte Spektrum von AfD über Identitäre bis zu militanten Neonazis gemeinsam. Kurze Zeit später wird die Gruppe Revolution Chemnitz hochgenommen, die für den 3. Oktober einen Staatsumsturz geplant hatte. Am 13. Oktober wiederum feierte der "Kampf der Nibelungen" einen Zuschauerrekord. Diese Ereignisse hängen zusammen, es geht jeweils um rechte Umsturzfantasien und militanten Rassismus. Wir dürfen nicht vergessen: Der Mörder von Walter Lübcke hat sich laut eigener Aussage von Chemnitz motiviert gefühlt. Die Behörden sehen knapp 13.000 gewaltorientierte Rechtsextremisten in Deutschland, viele davon trainieren Kampfsport. Die Grenzen in den Rechtsterrorismus sind fließend.

Noch immer denken viele Menschen bei Nazis an Springerstiefel, tätowierte Glatzen, dicke Bäuche und flache Parolen. Sie porträtieren in "Ihr Kampf" eine ganz andere Szene: Durchtrainiert, abstinent, ideologisiert. Welche Rolle spielen diese Leute innerhalb der radikalen Rechten?

Der "Kampf der Nibelungen"

2013 trafen sich noch 120 Neonazis konspirativ zur ersten Auflage des Kampfsportevents, damals unter dem Namen "Ring der Nibelungen". In den Folgejahren wächst die Veranstaltung, 2018 in Ostritz kommen rund 1000 Neonazis zum "Kampf der Nibelungen". Damit wird das Event aber auch zu groß, um es geheim zu organisieren. 2019 verbieten es die Behörden, das Verwaltungsgericht Dresden beruft sich dabei auf das "öffentliche Interesse an der Sicherung der freiheitlich demokratischen Grundordnung". In diesem Jahr soll der "KDN" am 10. Oktober als Stream über die Bühne gehen, um einem Verbot zu entgehen und die Corona-Auflagen zu erfüllen - auch wenn die Polizei mit der Razzia im Bikerclub "Division 39" Ende September eine geplante Aufzeichnung der Kämpfe stoppte, kündigen die Organisatoren in den sozialen Netzwerken die Ausstrahlung weiter an.

Den engsten Kreis um die Organisatoren des "Kampfes der Nibelungen" würde ich auf knapp 100 Mann schätzen, die sich als Elite gerieren. Da geht es um ein gewalttätiges Ideal von Männlichkeit, die inszenieren sich wie eine moderne Straßen-SA. In den sozialen Medien, in den Werbevideos, taucht immer wieder ein Appell auf: sich fit zu machen für den Straßenkampf.

Es gibt sogar Gruppen, die verzichten auf Drogen, Alkohol und Fleisch, die propagieren ein NS-Reinheitsideal. Das lässt sich mit dem bierseligen Publikum, wie wir es von Rechtsrockkonzerten kennen, schwer vereinbaren. Da verläuft eine Konfliktlinie in der Szene. Gekittet wird sie durch das Geschäft mit der Gewalt.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Szene immer wieder auch quasi in der Mitte der Gesellschaft auftaucht. Wie hoch ist etwa die Wahrscheinlichkeit, dass ich von trainierten Neonazis an der Tür abgetastet werde, wenn ich in einem Club in Berlin tanzen gehen will?

Es gibt natürlich auch integre Unternehmen im Security-Business. Aber in Regionen wie der Brandenburger Lausitz wird es schwer, Firmen zu finden, in denen keine Neonazis arbeiten. Teile der Branche sind für diese Leute eine Jobbörse geworden. Einerseits keine Überraschung, weil körperliches Durchsetzungsvermögen die zentrale Fähigkeit ist. Andererseits braucht es da viel mehr Regularien und einen Selbstreinigungsprozess in der Branche.

Auf den Fight Nights der großen Veranstalter tauchen immer wieder Kämpfer mit einschlägigen Tattoos auf. Auch bei der German MMA Championship gab es Vorfälle - und diese Serie gehört zu ProSiebenSat1. Birgt das nicht die Gefahr einer Normalisierung?

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Die ist schon da. Ich unterscheide drei Veranstalter: Die einen grenzen sich klar ab, die checken Kämpfer, Tattoos, Einlaufmusik. Eine zweite Gruppe, leider die größte, hat entweder aus Unwissen oder Geschäftsinteresse heraus zu wenig Berührungsängste zu Neonazis, Hooligans oder auch Kämpfern, die offenbar dem Islamismus nahestehen. Immer wieder gibt es Proteste, und Kämpfer fliegen aus dem Programm, aber die lange Liste an Vorfällen zeigt: Bislang ist der Lerneffekt gering. Die dritte Gruppe umfasst den "Kampf der Nibelungen" und "Tiwaz", die beiden einzigen wirklich klaren NS-Kampfsportevents in Deutschland.

Für ein erstaunliches Kapitel haben Sie in Thailand recherchiert. So wie Hobby-Triathleten auf Lanzarote Schwimmkurse belegen, üben Kampfsportler in Thailand Muay Thai. Inwieweit ist Kampfsport auch Lifestyle geworden?

Wir erleben in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren einen Fitnessboom, unter anderem ausgelöst durch die Gesundheitsreform der 2000er. Die Mitgliedschaft im Fitness-Studio konnte man sich bei der Krankenversicherung anrechnen lassen, überall schossen die McFits aus dem Boden. Ich sage dezidiert nicht, dass McFit rechts ist - aber Neonazis versuchen, sich in diesem Boom einzunisten. Der Slogan des "Kampf der Nibelungen" lautet nicht "Weiße Rasse kämpft um Raum" oder so, sondern "Wille, Disziplin und Fleiß". Das sind im Grunde die zentralen Werte des neoliberalen Fitnessmarktes.

Die Entwicklung des Kampfsporttourismus in Thailand hängt da mit dran. Es hat sich eine globale Fitness-Community gebildet, die bis nach Asien reicht und Traumstrände mit Kampfsport verbindet. Wenn man in Phuket ist, kommt man an den Gyms gar nicht vorbei. Auch Nazis reisen dort regelmäßig hin, um ihre Gewalt zu trainieren.

Innerhalb dieser Szene vertreiben Neonazis Klamotten und betreiben auch selber Gyms. Wissen die Sicherheitsbehörden genug darüber?

Den "Kampf der Nibelungen" beobachten die Behörden genau, aber über die Gyms gibt es kein Lagebild. Wie viele alte rechte Hooligans, Neonazis oder Rocker betreiben Fitnessbuden oder Kampfsportstudios neben den seriösen Anbietern? Der Markt ist völlig unreguliert, da herrscht Wildwuchs.

Was kann man dagegen tun?

Die Zahlen erfassen, damit wir einen Überblick gewinnen und über die Größenordnung reden können. Ich schätze, Kampfsport ist eigentlich der zweitgrößte Sportmarkt hinter dem Fußball, wenn man alle Disziplinen einrechnet. Dann könnte man mit den Verbänden arbeiten: Was machen wir bei Veranstaltungen, was im Alltag der Gyms?

Veranstalter dürfen keine Neonazis einladen und einschlägige Tattoos und Kleidung nicht zulassen. Die Verbände müssen die Trainer sensibilisieren. Und im Gym-Betrieb geht es vielfach um die Frage: Was tun die Leute mit ihren Fähigkeiten außerhalb des Rings? Mir erzählen Betreiber von Kampfsportschulen oft: Bei uns in der Halle ist noch nie was passiert. Das kann sein, beantwortet aber nicht die Frage, ob die Leute das Training beim nächsten Fußballspiel als Hooligan umsetzen oder beim nächsten extrem rechten Aufmarsch als politische Gewalt.

Mit Robert Claus sprach Christian Bartlau

Quelle: ntv.de