Politik

"Hart aber fair" Wie freiwillig spenden wir unsere Organe?

HAF_01_03_04_059.jpg

"Moralischer Zwang zur Organspende: Wollen Sie das, Herr Spahn?" - das Thema bei "Hart aber fair".

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Die Zustimmungsraten zur Organspende sind auf einem Allzeithoch, und trotzdem warten fast 10.000 Menschen auf einen Spender. Ein neues Gesetz sieht eine Widerspruchslösung vor - doch ist die überhaupt verfassungskonform?

84 Prozent der Deutschen würden nach dem Hirntod ihre Organe spenden, aber nur 39 Prozent besitzen einen Organspenderausweis. Eine gewaltige Unwucht zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die viel Leid verursacht: Nur knapp 1000 Organe wurden im vergangenen Jahr transplantiert, auf den Wartelisten stehen aber zehnmal so viele Menschen. Der Handlungsbedarf ist groß, die Suche nach der richtigen Lösung aber alles andere als einfach. Am Montagmorgen stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU einen Gesetzentwurf für die sogenannte doppelte Widerspruchslösung vor, nach der in Zukunft jeder Bürger als Organspender gelten soll, der dem nicht ausdrücklich widersprochen hat.

"Moralischer Zwang zur Organspende: Wollen Sie das, Herr Spahn?", lautet das offensichtlich gewollt plakativ formulierte Thema bei "Hart aber fair" am Montagabend. In die Sendung hat Moderator Frank Plasberg nicht nur den Gesundheitsminister geladen, sondern auch die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock, den "SZ"-Wissenschaftsredakteur Werner Bartens, den Ex-DGB-Vorsitzenden Michael Sommer sowie seine Frau Ulrike, die früher als Journalistin arbeitete.

Spenderzahlen brechen ein

Vor dem Start der Diskussion berichtet allerdings noch Chantal Bausch im Einzelinterview mit Plasberg eindrücklich von ihren Erlebnissen. Der Hockey-Bundesligaspielerin wurde schon mit zwölf Jahren ein fremdes Herz eingepflanzt, sie sagt heute: "Alles, was ich seit meinem zwölften Lebensjahr erlebt habe, verdanke ich einem anderen Menschen." Bausch hat "selbstverständlich" auch selbst einen Organspenderausweis. Doch so selbstverständlich scheint Bauschs Konsequenz gar nicht zu sein.

"Ich hatte viel Zeit, darüber nachzudenken, und habe dann beschlossen: Wenn ich nicht geben will, darf ich auch nicht nehmen", begründet Ulrike Sommer ihre Entscheidung, keine Organspenderin sein zu wollen. Dabei hat die Frau des ehemaligen Gewerkschaftsführers vor fünf Jahren am eigenen Leib erfahren was es bedeutet, ein neues Leben beginnen zu dürfen: Ihr Mann spendete seiner damals todkranken Frau eine Niere. Warum Ulrike Sommer selbst trotzdem nicht spenden würde? "Herr Spahn sagt es ja ganz deutlich: Er möchte mehr Organe haben. Dafür müssen sich die Menschen zuerst mal mit der Organspende beschäftigen. Aber es ist doch das gute Recht eines jeden, vom Tod nichts wissen zu wollen."

Der Gesundheitsminister ist da anderer Meinung: "Wir haben die Möglichkeit zu entscheiden. Die 9400 Menschen, die gerade auf ein Organ warten, haben diese Möglichkeit nicht. Die brauchen uns." Weil die Spenderzahlen in den vergangenen Jahren einbrachen und auch keine Besserung in Sicht ist, brachte der Gesundheitsminister nun den parteiübergreifenden Gesetzentwurf ein: Der sieht vor, dass generell jeder zum Spender wird. Widersprechen kann man natürlich trotzdem, zu diesem Zweck soll jeder Bürger vorab drei Mal schriftlich darüber informiert werden.

Organspendecheck im Bürgeramt?

"Die Hürde, widersprechen zu können, ist relativ hoch", findet allerdings Annalena Baerbock. Die Grünen-Politikerin will die Spenderzahlen zwar auch wieder ins Gleichgewicht bringen, hält Spahns Vorstoß aber für nicht verfassungskonform und will die Bürger lieber direkt fragen: "Wir müssen nur einen Ort finden, an dem das passieren kann - zum Beispiel auf dem Meldeamt beim Abholen des Personalausweises. Das ist für mich die verfassungsschonendere Variante." Der Gesundheitsminister hält davon überhaupt nichts: "Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie im Bürgeramt im Großraumbüro stehen, von hinten drängeln die Leute und Sie sollen so etwas Wichtiges entscheiden. Das ist nicht die Atmosphäre, die ich mir dafür vorstelle."

Werner Bartens, der für die "SZ" schreibt und selbst Mediziner ist, betrachtet das Thema von einer ganz anderen Seite: "Wir sind sehr schnell auf der politischen und formalen Ebene, mir fehlen hier die medizinischen Argumente. Es gibt die Dialyse, mit der viele Menschen gut zurechtkommen. Dazu kommt: Wer transplantiert ist, ist nicht automatisch gesund - viele Patienten kämpfen ihr Leben lang mit Abstoßungsreaktionen." Bartens ist kein großer Freund der Organspende und würde selbst auch nicht dafür zur Verfügung stehen. Ganz anders als Michael Sommer, der die Spende an seine Frau auch nie bereute: "Wir haben fünf geschenkte Jahre und wir empfinden sie auch als geschenkte Jahre."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema