Politik

Unwort des Jahres Wir brauchen alternative Fakten

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Linguistik-Professorin Nina Janich (TU Darmstadt) war die Jury-Vorsitzende bei der Wahl des Unwortes.

(Foto: dpa)

"Alternative Fakten" ist zum Unwort des vergangenen Jahres gekürt worden. Eine gute Wahl – gerade weil alternative Fakten tatsächlich eminent wichtig für die Demokratie sind.

Es passt zum vergangenen Jahr, dass das "Unwort des Jahres" eines ist, das aus den USA kommt. So gebannt wie hierzulande die Präsidentschaft Donald Trumps verfolgt wird, ist das nur konsequent. The Winner is: Alternative Fakten. Vor knapp einem Jahr sprach Trump-Beraterin Kellyanne Conway die beiden Worte, um die Lüge zur rechtfertigen, bei der Vereidigung des Präsidenten seien mehr Menschen zugegen gewesen als acht Jahre zuvor bei Barack Obama. Die Empörung war gewaltig, denn die Sache war kein einmaliger Ausrutscher. Die Angriffe auf die Medien gehören zum System Trump. Es ist eine simple Strategie, der sich auch Diktatoren bedient haben: Wer selbst darüber bestimmt, was wahr ist, hat große Macht – denn dann verhallt Kritik ungehört, zumindest an der eigenen Basis. Und darauf kommt es an.

Seit der Conway-Äußerung ist viel Kluges dazu gesagt worden, besonders schön ist ein altes Zitat des einstigen US-Senators Daniel Patrick Moynihan: "Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten". Aber wie findet man gemeinsame Fakten? Nach der Conway-Äußerung haben wir gelernt, dass Facebook und Google Teil des Problems sind, weil sie sogenannte Filterblasen kreieren. Wer nur Nachrichten bestimmter Färbung liest, wird immer mehr davon erhalten, andere Meinungen werden immer weiter ausgeblendet. Bis sie gar nicht mehr vorkommen. In den USA ist das ein noch größeres Problem, wer mal ein wenig im Netz die Seite der konservativen "Fox News" studiert, ahnt wie polarisiert die US-Medienlandschaft in dieser Frage bereits ist.

Nicht nur ein amerikanisches Problem

Aber es ist so schön einfach, mit dem Finger über den Atlantik zu zeigen. Ein Amerikaner darf dann jedoch zurückfragen, warum denn ausgerechnet in Deutschland eine in Teilen mit Neonazis sympathisierende Partei mit 13 Prozent in den Bundestag einziehen konnte. Ein Teil des Wahlerfolges der AfD war Stimmungsmache zu verdanken, die nicht auf Fakten beruhte. Die Diffamierung aller Flüchtlinge als Kriminelle und Terroristen etwa. Es ist schon kurios, dass genau diejenigen, die unkritisch jede Horrormeldung aufsaugen, den Profi-Journalisten "Lügenpresse" entgegenschreien.

Doch in der Frage der "alternativen Fakten" müssen die Medien auch selbstkritisch sein. Denn so wie man das Problem straffällig gewordener Flüchtlinge übertreiben kann, so kann man es auch verharmlosen. Und dass die Ereignisse der Silvesternacht von Köln erst Tage später bekannt wurden, war eine Form des Medienversagens. Danach wurde beides aber umso genauer aufgearbeitet – und klar benannt, wer die Täter und was die Hintergründe waren. Aber Kritik an der Presse war berechtigt, es gab Argumente, eine Diskussion war angebracht.

Lügen nein, Fakten ja

In Deutschland streitet man sich vor allem um die Frage, ob Flüchtlinge gefährlich sind. Spielen wir mal das Spiel "Alternative Fakten", so wie es zurzeit gespielt wird. Da sagen die einen: Flüchtlinge sind dankbar, hier sein zu dürfen, wollen sich integrieren und sind oft gut ausgebildet. Sagen die anderen: Flüchtlinge sind kriminell, lachen über uns und sollten lieber ihr Heimatland wieder aufbauen. Tja, wer hat nun recht? Die Wahrheit ist wie meistens etwas komplexer. Es gibt die Dankbaren, es gibt aber auch Kriminelle.

Die gibt es aber überall, unter jungen Männern sind sie immer häufiger als im Rest der Gesellschaft. Wenn Armut dazu kommt, wird es wahrscheinlicher, dass jemand kriminell wird. Das gilt auch für deutsche Männer. Aber es wäre naiv zu sagen, Flüchtlinge bringen keine Probleme. Und in einer pluralen Demokratie gehört es auch dazu, zu akzeptieren, wenn jemand sagt: Ich fand es falsch, dass Deutschland so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Aber bitte nicht aufgrund von Vorurteilen und Falschinformationen.

Vielleicht kann man das Unwort des Jahres auch wieder zu etwas Positivem machen. Denn wahre alternative Fakten zu präsentieren, ist immer eine gute Sache. Beispiel: "Die Fabrik bringt neue Arbeitsplätze", sagt der Politiker. Sagen die Umweltschützer: "Ja, aber die Fabrik verschmutzt unseren Fluss." Oder: "Der riesige Hühnerstall führt zu günstigen Fleisch- und Eierpreisen", sagt der Unternehmer. "Ja, aber die Hühner leiden", sagt der Tierschützer. Und der Gewerkschafter fügt vielleicht an: "Und die bulgarischen Arbeiter werden unterdurchschnittlich bezahlt". Wer sagt die Wahrheit? Alle, weil es sich hier um Tatsachen handelt. Aber was ist wichtiger? Das müssen Sie selbst entscheiden. Das nennt man Meinungsbildung. Und da gehören echte alternative Fakten dazu.

Quelle: n-tv.de

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