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Droht ein neuer Kaschmir-Krieg? Zwei Atommächte tanzen auf dem Vulkan

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Indische Soldaten an der Grenze zu Pakistan.

(Foto: REUTERS)

Seit Jahrzehnten sind Indien und Pakistan Erzfeinde. Beide Länder führten bereits Kriege um die Region Kaschmir. Die ohnehin explosive Lage in der Region spitzt sich erneut zu. Und es gibt einen Dritten, der im Hintergrund mitmischt.

Die Lage ist ernst in der Kaschmir-Region - sehr ernst sogar. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Regionalmächten Indien und Pakistan schrecken die Welt auf, denn immerhin sind es zwei Atommächte, die ihre Muskeln spielen lassen.

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Masood Azhar (Archivbild von 2000).

(Foto: Associated Press)

"Wir erwarten von beiden Ländern, dass sie sich in höchster Zurückhaltung üben und jede weitere Eskalation vermeiden", sagt die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Weniger diplomatisch äußert sich US-Außenminister Mike Pompeo. Er begrüßt indirekt die indischen Luftangriffe vom Dienstag als "Anti-Terror-Einsätze" gegen die islamischen Fundamentalisten der Jaish-i-Mohammed (JiM), deren Führer Masood Azhar Mitte Februar den Befehl zum Angriff auf eine paramilitärische Polizeitruppe im indischen Teil Kaschmirs gab.

Damit hat es der 50-Jährige aus Bahawalpur wieder einmal geschafft, die Spannungen zwischen den beiden verfeindeten Staaten anzuheizen. Die in den 1990er-Jahren gegründete JiM war bereits am Anschlag auf das indische Parlament 2001 beteiligt. Vor drei Jahren überfielen JiM-Kämpfer eine Basis der indischen Armee. Doch der jüngste Anschlag mit 40 toten Sicherheitskräften war der bislang schwerste. Er könnte schwerwiegende Folgen haben: einen weiteren Kaschmir-Krieg.

Der Konflikt um Kaschmir, der bereits Zehntausende Tote forderte, hat eine lange Geschichte. Bereits 1947, als der indische Subkontinent nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft in das hinduistische Indien und das muslimische Pakistan geteilt wurde, brach ein Krieg um die Region im Himalaya aus. Es folgten weitere indisch-pakistanische Kriege in den Jahren 1965 und 1972. Bei Letzterem stand allerdings Ost-Pakistan, das heutige Bangladesch, im Mittelpunkt. Indien unterstützte seinerzeit die bengalischen Freiheitskämpfer und sorgte durch eine militärische Intervention für die Unabhängigkeit des muslimischen Landes von Pakistan.

Gegenseitiger Beschuss und Grenzshow

Doch der Konflikt um Kaschmir schwelt weiter, und die Erzfeinde sind weit davon entfernt, eine Lösung zu finden. Aus indischer Sicht ist der pakistanische Teil vom Nachbarland okkupiert, Pakistan nennt ihn "Azad Kaschmir" (freies Kaschmir). Zwischen dem indischen und pakistanischen Teil gibt es keine international anerkannte Grenze, sondern eine "Line of Control". Es ist zum Ritual geworden, dass sich beide Seiten regelmäßig über diese Linie mit Granaten beschießen - eine Art "Normalität", die im Rest der Welt zu keinem Aufschrei mehr führt.

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Garniert wird das Ganze durch die Grenzzeremonie von Attari und Wagah, wo Soldaten beider Länder vor unzähligen Schaulustigen einen martialischen Tanz aufführen - eine Art Folklore auf Zirkusniveau. Dabei ist der Hintergrund dieser Show alles andere als eine Zirkusnummer, denn es ist eine Tatsache, dass Indien und Pakistan seit Jahrzehnten einen Tanz auf dem Vulkan aufführen, bei dem im schlimmsten Fall Atomwaffen zum Einsatz kommen könnten.

Beide Premierminister unter Druck

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Erst martialisch, dann versöhnlich: Imran Khan.

(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Nach Lage der Dinge wollen Indiens Premierminister Narendra Modi und sein pakistanischer Kollege Imran Khan einen Ausbruch verhindern. Vor allem der ehemalige Cricketspieler Khan - erst seit ein paar Monaten im Amt - versucht, den Konflikt mit dem mächtigen Nachbarn zu entschärfen. Er bot Indien Gespräche an. Zuvor hatte der 66-Jährige allerdings noch getönt: "Wenn sie (die Inder - d.R.) denken, sie können uns angreifen, und wir würden nicht erwägen zurückzuschlagen - wir werden zurückschlagen."

Es ist wohl auch das Verhalten der USA bei diesem Konflikt, das den pakistanischen Regierungschef zum Einlenken bewogen hat. Washington ist das Agieren des allmächtigen pakistanischen Geheimdienstes ISI, der islamistische Gruppierungen wie die afghanischen Taliban unterstützt, seit langem ein Dorn im Auge. Die USA arbeiten derzeit an einer Befriedung Afghanistans unter Beteiligung der Taliban, um sich aus dem Land am Hindukusch zurückziehen zu können.

Und wie ist die Lage in Indien? Premier Modi ist auch nicht an einem Krieg mit Pakistan interessiert, denn zu groß sind die Probleme des Landes mit seinen mittlerweile rund 1,3 Milliarden Menschen. Der mit viel ökonomischem Vorschusslorbeer ausgestattete hinduistische Nationalist hat es nicht geschafft, die Arbeitsmarktkrise zu entschärfen. Zwar ist das indische Wirtschaftswachstum mit fast sieben Prozent beachtlich, doch es entstehen viel zu wenig Jobs. Modis Ziel, bis 2025 mehr als 100 Millionen Arbeitsplätze im produzierenden Sektor entstehen zu lassen, ist in weiter Ferne. Vor allem die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Brisant ist dabei, dass die Hälfte der nach wie vor stark wachsenden indischen Bevölkerung jünger als 25 Jahre ist.

China ist die Macht im Hintergrund

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Narendra Modi nimmt ein heiliges Bad in Sangam während des Kumbh-Mela-Festes. Er hat im Mai Wahlen zu überstehen.

(Foto: dpa)

Zudem sind im Mai Parlamentswahlen in Indien, und der Verbleib von Modis Bharatiya Janata Party (BJP) an der Macht ist alles andere als sicher. Zwar liegt die von der BJP angeführte National Democratic Alliance (NDA) in den Umfragen vor der von der Kongresspartei geleiteten United Progressive Alliance (UPA), allerdings sind Wahlumfragen in Indien alles andere als verlässlich.

So sieht sich Modi aus innenpolitischen Gründen gezwungen, im Kaschmir-Konflikt den starken Mann zu spielen, indem er in der Auseinandersetzung mit Pakistan die Armeeführung mit weitreichenden Befugnissen ausstattet. Der erste indische Luftangriff auf pakistanisches Territorium seit 48 Jahren soll Modis Entschlossenheit unterstreichen.

Was den Kaschmir-Konflikt noch schwieriger macht, ist die Tatsache, dass mit China eine dritte Macht nach vorne drängt. Die Volksrepublik ist in hohem Maß wirtschaftlich in Pakistan präsent. Im Zusammenhang mit der Bildung der neuen Seidenstraße wurden Milliarden in die pakistanische Infrastruktur investiert. Damit ist Peking, das auch einen Teil Kaschmirs kontrolliert, ein in dem Konflikt wichtiger Spieler - an der Seite Pakistans.

Beim Konflikt um Kaschmir sind sowohl aufseiten Indiens als auch Pakistans Emotionen im Spiel. Bleibt zu hoffen, dass nicht diese, sondern politische Rationalität die Oberhand gewinnt. Das Gesprächsangebot des pakistanischen Premiers Khan an Indien und die Freilassung eines indischen Kampfpiloten lassen in dieser Hinsicht hoffen.

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Quelle: n-tv.de

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