Politik
Sonntag, 18. Februar 2007

Ein Kosmos an Gefühlen: Der russische Mutterfluch

Die Stimmung steigt im Moskauer Klub "Apelsin". Auf der Bühne lärmt die Petersburger Ska-Punk-Truppe "Leningrad". 1500 Fans grölen lauthals mit, was Anführer Sergej Schnurow singt: "Wot takaja chuinja!" So eine ... was? Das unflätige Schimpfwort "chuinja" ist in seiner schillernden Bedeutungsvielfalt kaum zu übersetzen. Schnurows Texte sind mit Mutterflüchen gespickt, deshalb hat Moskaus hochmoralischer Bürgermeister Juri Luschkow die Gruppe "Leningrad" über Jahre mit einem Auftrittsverbot in der Hauptstadt belegt.

Mat, die von "Matj" (Mutter) abgeleitete Fluchsprache, ist ein offiziell absolut verpönter Teil des Russischen. Zugleich es ist die Alltagssprache von Millionen Männern in Russland. Arbeiter, Soldaten, Bosse und selbst Politiker, eben alle "richtigen Kerle", reden im "dreistöckigen Mat", dass die anderen rote Ohren bekommen. "Was haben Mat und Diamat (dialektischer Materialismus) gemeinsam?" hieß es zu Sowjetzeiten. "Beides sind mächtige Waffen des Proletariats."

Eigentlich verwendet Mat nur vier Grundbegriffe, die dann spielerisch hundertfach variiert werden und einen ganzen Kosmos von Empfindungen erschließen können. Mat kann die Worte der Normalsprache fast komplett ersetzen. Während im Deutschen die derbsten Schimpfworte aus der Fäkalsprache stammen, bedient sich das Russische wie das Englische reichlich beim Sexuellen.

"Bljad" bedeutet im Wortsinn Schlampe oder Hure, doch es wird nur selten abfällig für Frauen gebraucht. Manche Russen flechten die Kurzform "blja" in ihren Redestrom ein, als wollten sie Atempausen oder Zeichensetzung mitsprechen. "Ich habe heute blja Hering mit Kartoffeln gefrühstückt blja", ist ein typischer Satz. Wer sich etwas gewählter ausdrücken will, nimmt statt "blja" das ähnlich klingende "blin" (Pfannkuchen).

"Chuj" ist ein Slangwort für das männliche Glied. Doch die Formel "na chuj" (wörtlich: zum Schwanz) soll vor allem die Aussage bekräftigen: "Das habe ich na chuj nicht nötig". Geh zum Schwanz! ist auf Russisch die unhöflichste Form, jemanden zum Teufel zu schicken. Manchmal ist der Doppelsinn beabsichtigt: "Wanja, setz zum Schwanz 'ne Mütze auf, damit die Ohren nicht abfrieren!" In ähnlicher grober Form bezeichnet "pisda" das weibliche Geschlechtsorgan. Aus vielen Variationen ragt das mit männlicher Endung versehene "pisdez" heraus: Schlimmer geht's nicht! Das ist das Ende!

Natürlich hat auch das amerikanische "Motherf..." ein Gegenstück in Russland. "Iob twoju matj" legt nahe, der Sprecher habe in Intimverkehr mit der Mutter seines Gegenübers gestanden. Doch wieder geht es nicht um den Wortsinn. Ein Armeefeldwebel oder ein Vorarbeiter verleihen auf diese Weise ihren Befehlen Nachdruck: "Hol mal Bier, ... deine Mutter!" Ein gedehntes "twoju matj" kann dagegen Ausdruck größter, ungekünstelter Überraschung und Bewunderung sein, wenn man zum ersten Mal des Kremls oder der Pyramiden ansichtig wird.

Kein russischer Sprachlehrer, der auf sich hält, wird Ausländern Mat beibringen. Man tut auch selbst besser daran, ihn zu vermeiden, weil man den typischen Tonfall eines russischen "Muschik" sowie nicht trifft. Doch der Säuferpoet Schnurow von "Leningrad" dichtet: "Ohne Mat geht es nicht." In seinen Texten gelangt die Abschaumsprache Mat zu literarischen, ja philosophischen Ehren. Wie lehrt eine alte russische Regel? "Kein Gedanke ist so hehr und licht, dass man ihn auf Russisch nicht mit schmutzigen Schimpfwörtern ausdrücken könnte."

Friedemann Kohler, dpa

Quelle: n-tv.de